Die vier Männer, welche ich hier geschildert habe, glichen einander so wenig, daß man sich wundern muß, wie sie jemals in Uebereinstimmung mit einander handeln konnten. Gleichwohl handelten sie viele Jahre lang in vollkommenster Uebereinstimmung. Sie stiegen mehr als ein Mal und fielen mehr als ein Mal zusammen. Aber ihre Einigkeit dauerte so lange, bis der Tod sie löste. So wenig Achtung einige von ihnen verdienten, keinen von ihnen kann man beschuldigen, daß er gegen seine Brüder von der Junta falsch gewesen wäre.

Häupter der Torypartei.

Während die große Masse der Whigs unter diesen gewandten Führern in einer Ordnung kämpfte, welche der einer regulären Armee glich, befanden sich die Tories in dem Zustande einer schlecht eingeübten und einer schlecht commandirten Miliz. Sie waren zahlreich und auch von Eifer beseelt; aber man kann kaum sagen, daß sie damals ein Oberhaupt im Hause der Gemeinen gehabt hätten. Der Name Seymour hatte einst in hohem Ansehen bei ihnen gestanden und er hatte seinen Einfluß noch nicht ganz verloren. Aber seitdem er im Schatzamte gesessen, hatte er es mit ihnen verdorben, indem er Alles was er früher, als er noch nicht im Amte war, heftig angegriffen hatte, heftig vertheidigte. Sie hatten auch einmal auf den Sprecher Trevor ihr Augenmerk gerichtet, aber seine Habgier, Schamlosigkeit und Feilheit waren jetzt so notorisch, daß alle achtbaren Gentlemen jeder politischen Farbe sich schämten, ihn auf dem Präsidentenstuhle zu sehen. Von den alten toryistischen Mitgliedern hatte nur Sir Christoph Musgrave großes Gewicht. Die wirklichen Führer der Partei waren eigentlich zwei oder drei Männer, welche in Grundsätzen erzogen waren, die dem Toryismus direct entgegengesetzt waren, Männer, die den Whiggismus bis an den Rand des Republikanismus getrieben und die nicht nur für Niederkirchliche, sondern für mehr als halbe Presbyterianer gegolten hatten. Die ausgezeichnetsten von diesen Männern waren zwei angesehene Squires aus Herefordshire: Robert Harley und Paul Foley.

Harley.

Der Raum, den Robert Harley in der Geschichte dreier Regierungen ausfüllt, seine Erhebung, sein Sturz, der Einfluß, den er in einer wichtigen Krisis auf die Politik von ganz Europa ausübte, die intime Freundschaft, in der er mit einigen der größten Schriftsteller und Dichter seiner Zeit lebte, und das häufige Vorkommen seines Namens in den Werken Swift’s, Pope’s, Arbuthnot’s und Prior’s müssen ihn jederzeit zu einer interessanten Persönlichkeit machen. Der Mann selbst war jedoch der uninteressanteste, den es geben konnte. Es ist in der That ein merkwürdiger Contrast zwischen den ganz gewöhnlichen Eigenschaften seines Geistes und den ganz außerordentlichen Wechselfällen seines Lebens.

Er war der Erbe einer puritanischen Familie. Sein Vater, Sir Eduard Harley, hatte sich unter den Patrioten des Langen Parlaments einen Namen gemacht, hatte unter Essex ein Regiment commandirt, war nach der Restauration ein thätiger Widersacher des Hofes gewesen, hatte die Exclusionsbill unterstützt, hatte dissentirende Prediger beherbergt, Bethäuser besucht und sich bei den herrschenden Gewalten so verhaßt gemacht, daß er zur Zeit des Aufstandes im Westen verhaftet und sein Haus nach Waffen durchsucht worden war. Als die holländische Armee von Torbay nach London marschirte, erklärten er und sein ältester Sohn Robert sich für den Prinzen von Oranien und für ein freies Parlament, organisirten einen starken Reitertrupp, nahmen Besitz von Worcester und bewiesen ihren Eifer gegen den Papismus, indem sie in der High Street dieser Stadt öffentlich ein Werk der Sculptur zerbrachen, das strengen Rigoristen götzendienerisch dünkte. Bald nachdem die Convention in ein Parlament verwandelt worden war, wurde Robert Harley als Abgeordneter für den Wahlbezirk Cornwall nach Westminster geschickt. Sein Verhalten war so, wie es sich von seiner Geburt und Erziehung erwarten ließ. Er war ein Whig und sogar ein intoleranter und rachsüchtiger Whig. Nichts konnte ihn zufriedenstellen als eine allgemeine Proscription der Tories. Sein Name figurirt in der Liste derjenigen Mitglieder, welche für die Sacheverell’sche Klausel stimmten, und bei der allgemeinen Wahl, die im Frühjahr 1690 stattfand, bot die Partei die er verfolgt hatte, Alles auf, um ihn nicht ins Haus der Gemeinen zu lassen. Die Harley wurden als Todfeinde der Kirche bezeichnet, und dies machte einen solchen Eindruck, daß beinahe keiner von ihnen einen Sitz erlangt hätte. Dies war der Anfang der politischen Laufbahn eines Mannes, dessen Name ein Vierteljahrhundert später in den Acclamationen jakobitischer Volkshaufen unzertrennlich mit der Hochkirche verbunden war.[64]

Bald jedoch begann man zu bemerken, daß bei jeder Abstimmung Harley mit denjenigen Gentlemen stimmte, die seine politischen Ansichten verabscheuten, und dies war nichts Wunderbares, denn er spielte die Rolle eines Whigs vom alten Schlage, und vor der Revolution dachte man sich einen Whig immer als einen Mann, der eifersüchtig jede Ausübung der Prärogative bewachte, der die Schnüre der öffentlichen Börse nur ungern löste und der eifrig alle Fehler der Minister der Krone aufstach. Ein solcher Whig erklärte Harley noch immer zu sein. Er gab nicht zu, daß der neuerliche Wechsel der Dynastie irgend etwas in den Pflichten eines Volksvertreters geändert habe. Die neue Regierung müsse eben so argwöhnisch beobachtet, eben so streng gezügelt und eben so spärlich mit Geld versehen werden als die alte. Da er nach solchen Grundsätzen wirkte, sah er sich natürlich mit Männern zusammenwirken, deren Grundsätze den seinigen direct entgegengesetzt waren. Er legte dem Könige gern Hindernisse in den Weg; sie legten dem Usurpator gern Hindernisse in den Weg, und die Folge davon war, daß, so oft sich eine Gelegenheit bot, Wilhelm Hindernisse in den Weg zu legen, der Rundkopf in Gesellschaft der ganzen Schaar der Cavaliere entweder im Hause blieb oder in die Vorhalle hinausging.

Bald erwarb sich Harley die Autorität eines Führers unter Denen, mit denen er trotz großer Meinungsverschiedenheiten gewöhnlich stimmte. Sein Einfluß im Parlamente stand eigentlich in gar keinem Verhältniß zu seinen Fähigkeiten. Sein Verstand war sowohl beschränkt als schwerfällig. Er war nicht im Stande, eine umfassende Ansicht von einem Gegenstande zu gewinnen. Nie brachte er es dahin, sich öffentlich mit Geläufigkeit und Klarheit auszudrücken. Bis ans Ende seines Lebens blieb er ein langweiliger, unsicherer und verworrener Redner.[65] Auch besaß er keine der äußeren Vorzüge eines Redners. Seine Gesichtszüge waren unregelmäßig, seine Gestalt klein und etwas verwachsen, und seine Geberden plump. Gleichwohl wurde er mit Achtung angehört, denn er hatte seinen Geist so wie er war, sorgfältig ausgebildet. Er hatte in seiner Jugend fleißig studirt und bis an sein Ende liebte er Bücher und den Umgang mit geistreichen und gebildeten Leuten. Er strebte sogar selbst nach dem Rufe eines Schöngeistes und Dichters und verwendete zuweilen Stunden, die er viel nützlicher hätte verwenden können, auf die Verfertigung von Versen, abscheulicher als die des Nachtwächters.[66] Doch verschwendete er seine Zeit nicht immer so unnütz. Er besaß die Art von Fleiß und die Art von Genauigkeit, die ihn zu einem respectablen Alterthumsforscher oder Wappenkundigen gemacht haben würden. Er fand Vergnügen daran, alte Acten zu durchstöbern, und damals konnte man sich nur durch das Stöbern in alten Acten eine gründliche und umfassende Kenntniß des Parlamentsrechtes erwerben. Da er in diesem mühsamen und trocknen Studium wenig Rivalen hatte, so wurde er bald in Bezug auf Form- und Privilegiumsfragen als ein Orakel betrachtet. Sein moralischer Character trug nicht wenig zur Vermehrung seines Einflusses bei. Er hatte zwar große Fehler, aber sie waren von keiner entehrenden Art. Er war nicht durch Geld zu bestechen. Sein Privatleben war regelmäßig, und selbst Satyriker haben ihm kein unerlaubtes Liebesverhältniß vorgeworfen. Das Spiel haßte er, und er soll bei White’s Kaffeehause, damals dem Lieblingsaufenthalte der vornehmen Gauner und Gimpel, nie ohne eine Aeußerung des Unwillens vorübergegangen sein. Seine Gewohnheit, sich täglich im Claret zu benebeln, wurde von seinen Zeitgenossen kaum als ein Fehler angesehen. Seine Kenntnisse, sein Ernst und seine unabhängige Stellung gewannen ihm das Ohr des Hauses, und gerade sein schlechter Vortrag war gewissermaßen ein Vortheil für ihn. Denn die Menschen geben sehr ungern zu, daß ein und derselbe Mann ganz verschiedene Vorzüge in sich vereinigen kann. Es ist eine Beruhigung für den Neid, zu glauben, was glänzend ist, könne nicht gediegen sein, und was klar ist, könne nicht tief sein. Nur sehr langsam wurde das Publikum zu der Erkenntniß gebracht, daß Mansfeld ein großer Jurist und Burke ein großer Meister der Staatswissenschaft sei. Montague war ein glänzender Redner, und daher wurde er, obgleich er sich zehnmal besser als Harley für die trockensten Geschäftszweige eignete, von seinen Verleumdern als ein oberflächlicher, geschwätziger, dünkelhafter Mensch dargestellt. Dagegen schlossen viele Leute aus dem Mangel an äußerem Glanze in Harley’s Reden, daß viel praktischer Werth in ihm sein müsse, und er wurde für einen tiefen Denker von gründlicher Belesenheit erklärt, der zwar kein glänzender Redner, aber besser geeignet sei zur Leitung von Staatsangelegenheiten als alle glänzenden Redner der Welt. Diesen Ruf wußte er sich lange mit jener Schlauheit zu erhalten, die man oft mit ehrgeiziger und ruheloser Mittelmäßigkeit gepaart findet. Er beobachtete stets, selbst seinen besten Freunden gegenüber, ein mysteriöses und zurückhaltendes Wesen, das zu verrathen schien, daß er um irgend ein wichtiges Geheimniß wisse, und daß sein Geist mit einem großen Plane beschäftigt sei. Auf diese Art erwarb er sich und behauptete er lange den Ruf der Weisheit. Erst als dieser Ruf ihn zum Earl, zum Ritter des Hosenbandordens, zum Lordschatzmeister von England und zum Herrn der Geschicke Europa’s gemacht hatte, begannen seine Bewunderer dahinter zu kommen, daß er eigentlich ein beschränkter, verworrener Kopf war.[67]

Bald nach der allgemeinen Wahl von 1690 begann Harley, der in der Regel mit den Tories stimmte, selbst ein Tory zu werden. Dieser Wechsel fand so allmälig statt, daß man es kaum bemerkte; aber er war deshalb nicht minder ein Factum. Er begann sich in Zeiten der toryistischen Doctrin zuzuwenden, daß England sich auf einen Seekrieg beschränken müsse. Er empfand in Zeiten die ächte Toryantipathie gegen die Holländer und gegen die Geldmänner. Die Antipathie gegen die Dissenters, welche zur Vervollständigung des Characters nothwendig war, kam viel später. Endlich war die Umgestaltung vollendet, und der ehemalige Conventikelbesucher wurde ein intoleranter Hochkirchlicher. Doch bis an sein Ende zeigten sich dann und wann die Spuren seiner ersten Schule, und während er im Sinne Laud’s handelte, schrieb er zuweilen im Style Lobe Gott Barebones’.[68]

Foley.