Inzwischen beschäftigten sich die Gemeinen mit finanziellen Fragen von hoher Wichtigkeit. Die Voranschläge für das Jahr 1694 waren enorm. Der König schlug vor, die reguläre Armee, die England zu unterhalten hatte, noch um vier Dragoner-, acht Reiter- und fünfundzwanzig Infanterieregimenter zu vermehren. Die Gesammtzahl der Truppen, die Offiziere inbegriffen; würde dadurch auf ungefähr vierundneunzigtausend Mann gestiegen sein.[88] Cromwell hatte, während er drei widerspenstige Königreiche im Schach hielt und nebenbei in Europa und Amerika einen nachdrücklichen Krieg gegen Spanien führte, niemals zwei Dritttheile der Militärmacht gehabt, die Wilhelm jetzt für nöthig hielt. Die große Masse der Tories, mit drei Whighäuptern, Harley, Foley und Howe, an der Spitze, widersetzte sich jeder Vermehrung. Die große Masse der Whigs, mit Montague und Wharton an der Spitze, würde Alles bewilligt haben was man verlangte. Nach vielen langen Discussionen und wahrscheinlich auch vielen Abstimmungen im Geldbewilligungsausschusse erlangte der König den größten Theil des Gewünschten. Das Haus bewilligte ihm vier neue Dragoner-, sechs Reiter- und fünfzehn Infanterieregimenter. Die somit für das laufende Jahr bewilligte Gesammttruppenmacht belief sich auf dreiundachtzigtausend Mann, die Unterhaltungskosten auf zwei und eine halbe Million, einschließlich ungefähr zweihunderttausend Pfund für das Geschützwesen.[89]

Die Anschläge für die Marine wurden viel rascher angenommen, denn Whigs und Tories stimmten in der Ansicht überein, daß das maritime Ansehen England’s um jeden Preis aufrecht erhalten werden müsse. Fünfhunderttausend Pfund wurden zur Bezahlung der schuldigen Soldrückstände und zwei Millionen für den Aufwand des Jahres 1694 bewilligt.[90]

Wege und Mittel; Lotterieanlehen.

Die Gemeinen gingen nun zur Berathung der Mittel und Wege über. Die Grundsteuer wurde mit vier Schilling vom Pfunde erneuert, und durch diese einfache aber energische Maßregel wurden etwa zwei Millionen sicher und schnell aufgebracht.[91] Ferner wurde eine Kopfsteuer ausgeschrieben.[92] Stempelabgaben gehörten schon längst zu den fiskalischen Hülfsquellen Holland’s und Frankreich’s, und haben auch bei uns während eines Theils der Regierung Karl’s II. bestanden; aber man hatte sie eingehen lassen. Sie wurden jetzt wieder ins Leben gerufen und haben seitdem stets einen großen Theil des Staatseinkommens gebildet.[93] Die Miethkutschen der Hauptstadt wurden ebenfalls besteuert und trotz des Widerstandes der Weiber der Kutscher, die sich um Westminster Hall versammelten und die Abgeordneten insultirten, unter die Aufsicht von Commissaren gestellt.[94] Doch ungeachtet aller dieser Auskunftsmittel blieb noch immer ein starkes Deficit und man mußte abermals borgen. Eine neue Salzsteuer und einige andere Abgaben von geringerer Bedeutung wurden abgesondert, um einen Fond zu einer Anleihe zu bilden. Unter Garantie dieses Fonds sollte eine Million durch eine Lotterie aufgebracht werden, aber durch eine Lotterie, die mit den Lotterien einer späteren Periode fast nichts als den Namen gemein hatte. Die einzuzahlende Summe wurde in hunderttausend Antheile zu zehn Pfund getheilt. Die Zinsen jedes Antheils sollten sechzehn Jahre lang jährlich zwanzig Schilling, oder mit anderen Worten zehn Procent betragen. Aber zehn Procent auf sechzehn Jahre war keine Lockspeise, welche Darleiher anzuziehen versprach. Man bot daher den Kapitalisten noch einen andren Köder. Auf ein Vierzigstel der Antheile sollten bedeutend höhere Zinsen bezahlt werden, als auf die anderen neununddreißig Vierzigstel. Welche von den Antheilen Prämien erhalten würden, sollte durch das Loos bestimmt werden. Das Verfahren beim Ziehen der Loose wurde von einem Abenteurer Namens Neale angegeben, der, nachdem er zwei Vermögen durchgebracht, froh gewesen war, daß er noch Thürhüter des Palastes wurde. Seine Amtspflichten bestanden darin, die Nummern auszurufen, wenn der Hof Hazard spielte, für Karten und Würfel zu sorgen und jeden Streit zu entscheiden, der auf der Kegelbahn oder am Spieltische entstand. Er war außerordentlich geschickt in der Verwaltung dieses nicht eben hohen Postens und hatte durch das Würfelspiel so viel Geld gewonnen, daß er sich in sehr kostspielige Spekulationen einlassen konnte und damals im Begriff war, den Boden in der Umgebung der Seven Dials mit Gebäuden zu bedecken. Er war vielleicht der beste Rathgeber, den man über die Details einer Lotterie befragen konnte. Es fehlte jedoch nicht an Personen, die es fast für unschicklich hielten, daß das Schatzamt sich des Beistandes eines Spielers von Profession bedienen sollte.[95]

Durch das sogenannte Lotterieanlehen wurde eine Million aufgebracht. Aber es fehlte noch eine Million, um das veranschlagte Einkommen für das Jahr 1694 mit den veranschlagten Ausgaben ins Gleichgewicht zu bringen. Der geniale und unternehmende Montague hatte einen Plan in Bereitschaft, zu dessen Annahme er die Gemeinen unter minder drückenden Finanzverlegenheiten schwerlich bewogen haben würde, der aber seinem umfassenden und energischen Geiste wichtigere commercielle und politische Vortheile zu bieten schien, als die sofortige Erleichterung der Finanzen.

Die Bank von England.

Es gelang ihm nicht nur auf zwölf Monate die Bedürfnisse des Staats zu decken, sondern auch ein großartiges Institut ins Leben zu rufen, das noch jetzt, nach Verlauf von mehr als anderthalb Jahrhunderten, in voller Blüthe steht, und das er noch als die Beste der Whigpartei durch alle Wechselfälle und als das Bollwerk der protestantischen Thronfolge in gefahrvollen Zeiten zu sehen erlebte.

Unter der Regierung Wilhelm’s gab es noch alte Leute, die sich der Zeit erinnern konnten, wo es in der City von London noch kein einziges Bankierhaus gab. Noch zur Zeit der Restauration hatte jeder Kaufmann seine eigene Kasse im Hause und wenn ihm ein Wechsel präsentirt wurde, zählte er selbst die Kronen und Caroli auf seinen Ladentisch hin. Aber die Zunahme des Wohlstandes hatte ihre natürliche Folge, die Theilung der Arbeit, mit sich geführt. Noch vor dem Ende der Regierung Karl’s II. war unter den Kaufleuten der Hauptstadt eine neue Methode Geld zu bezahlen und zu empfangen, aufgekommen. Es entstand eine Klasse von Agenten, deren Function darin bestand, das baare Geld der Handelshäuser zu verwahren. Dieser neue Geschäftszweig fiel naturgemäß in die Hände der Goldschmiede, welche gewohnt waren, mit den edlen Metallen große Geschäfte zu machen, und Keller besaßen, in denen Massen gemünzten Geldes vor Feuer und Dieben sicher aufbewahrt werden konnten. Alle Baarzahlungen wurden in den Läden der Goldschmiede von Lombard Street abgemacht. Andere Geschäftsleute gaben und empfingen nichts als Papier.

Diese große Veränderung erfolgte nicht ohne starke Opposition und viel Geschrei. Die Kaufleute der alten Schule beklagten sich bitter, daß eine Klasse von Männern, die sich noch vor dreißig Jahren auf ihr specielles Gewerbe beschränkt und schönes Geld verdient hatten, indem sie silberne Gefäße ciselirten, Edelsteine für die Damen faßten und den nach dem Continent Reisenden Pistolen und Thaler verkauften, die Schatzmeister der ganzen City geworden und auf dem besten Wege waren, die Beherrscher derselben zu werden. Diese Wucherer, sagte man, spielten Hazard mit dem, was Andere durch ihren Fleiß erworben und mit Sparsamkeit zurückgelegt hätten. Wenn das Glück gut gehe, so würde der Schurke, der das Geld aufbewahre, ein Alderman, gehe es schlecht, so mache der Betrogene, der das Geld hergegeben habe, bankerott. Auf der andren Seite wurden die Vortheile des neuen Gebrauchs in lebhafter Sprache hervorgehoben. Das neue System, sagte man, erspare sowohl Arbeit als Geld. Zwei Commis in einem Comtoir könnten soviel verrichten, als unter dem alten System zwanzig Commis in zwanzig verschiedenen Geschäften hätten verrichten müssen. Die Note eines Goldschmieds könne an einem Vormittage durch zehn verschiedene Hände gehen, und so könnten hundert Guineen, in seiner Geldkasse, ebensoviel thun, als früher tausend Guineen, in einer Menge verschiedener Kassen, einige auf Ludgate Hill, andere in Austin Friars, noch andere in Tower Street, gethan hatten.[96]

Allmälig gaben selbst Diejenigen nach und fügten sich in den herrschenden Gebrauch, die am lautesten gegen die Neuerung gemurrt hatten. Der Letzte, welcher aushielt, war merkwürdigerweise Sir Dudley North. Als er 1680, nachdem er sich viele Jahre im Auslande aufgehalten, nach London zurückkehrte, erregte der Gebrauch, durch Anweisungen auf Bankiers Zahlungen zu leisten, sein großes Erstaunen und Mißfallen. Er fand, daß er nicht zur Börse gehen konnte, ohne durch den Säulengang von Goldschmieden verfolgt zu werden, welche unter tiefen Verbeugungen um die Ehre baten ihm zu dienen. Er fuhr heftig auf, als seine Freunde ihn fragten, wo er sein Geld aufbewahre. „Wo anders als in meinem Hause?” entgegnete er. Nur mit Mühe war er zu bewegen, sein Geld den Händen eines der Lombardstreetmänner, wie sie genannt wurden, anzuvertrauen. Zum Unglück machte der Lombardstreetmann bankerott, und einige seiner Geschäftsfreunde litten schwer darunter. Dudley North verlor zwar nur fünfzig Pfund; aber dieser Verlust bestärkte ihn in seinem Widerwillen gegen das ganze Bankmysterium. Doch vergebens ermahnte er seine Mitbürger, zu der guten alten Sitte zurückzukehren und sich nicht, um ein klein wenig Arbeit zu ersparen, der Gefahr gänzlichen Ruins auszusetzen. Er stand allein der ganzen Bürgerschaft gegenüber.