Er beschloß jedoch, es darauf ankommen zu lassen. Ob er hierin dem Rathe eines Andren folgte, ist nicht bekannt. Sein Entschluß scheint sowohl die Whighäupter als die Toryhäupter überrascht zu haben. Als der Schriftführer angekündigt hatte, daß der König und die Königin die Bill bezüglich freier und unparteiischer Verhandlungen im Parlamente in Erwägung ziehen wollten, entfernten sich die Gemeinen von der Schranke der Lords in einer unwilligen und unlenksamen Stimmung. Sobald der Sprecher seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, erfolgte eine lange und stürmische Debatte. Alle anderen Geschäfte wurden aufgeschoben, alle Ausschüsse wurden vertagt. Es wurde beschlossen, daß das Haus am andren Morgen in aller Frühe die Lage der Nation in Erwägung ziehen wolle. Als der Morgen kam, schien die Aufregung sich nicht vermindert zu haben. Das Scepter wurde nach Westminsterhall und in den Requetenhof geschickt. Alle Mitglieder, die aufzutreiben waren, wurden in das Haus gebracht. Damit keiner sich unbemerkt fortstehlen könnte, wurde die Hinterthür verschlossen und der Schlüssel auf den Tisch gelegt. Alle Fremden mußten sich entfernen. Mit diesen feierlichen Vorbereitungen begann eine Sitzung, die einige alte Leute an die ersten Sitzungen des Langen Parlaments erinnerte. Starke Worte wurden von den Feinden der Regierung ausgesprochen, und ihre Freunde wagten es kaum, ihre Stimme zu erheben, aus Furcht, daß sie beschuldigt werden möchten, die Sache der Gemeinen England’s um der königlichen Gunst willen im Stiche gelassen zu haben. Montague allein scheint den König vertheidigt zu haben. Lowther, obgleich ein hoher Staatsbeamter und Mitglied des Cabinets, gestand, daß böse Einflüsse thätig seien, und sprach den Wunsch aus, den Souverain von Rathgebern umgeben zu sehen, denen die Vertreter des Volks Vertrauen schenken könnten. Harley, Foley und Howe rissen Alles mit sich fort. Eine Resolution, welche erklärte, daß Diejenigen, welche die Krone bei dieser Gelegenheit berathen hätten, Feinde des Staats seien, wurde mit nur zwei oder drei verneinenden Stimmen angenommen. Nachdem Harley seine Zuhörer erinnert hatte, daß sie eben so gut ihre verneinende Stimme hätten wie der König und daß, wenn Se. Majestät ihnen Abhülfe verweigere, sie ihm Geld verweigern könnten, stellte er den Antrag, daß sie, nicht, wie gewöhnlich, mit einer unterthänigen Adresse, sondern mit einer Vorstellung an den Thron gehen sollten. Einige Mitglieder schlugen vor, das ehrerbietigere Wort Adresse anstatt Vorstellung zu gebrauchen; aber sie wurden überstimmt und ein Ausschuß ernannt, der die Vorstellung entwerfen sollte.
Die zweite Nacht verging, und als das Haus sich wieder versammelte, schien der Sturm bedeutend nachgelassen zu haben. Die boshafte Freude und die hochfliegenden Hoffnungen, welche die Jakobiten während der letzten achtundvierzig Stunden mit ihrer gewohnten Unbesonnenheit geäußert, hatten die Whigs und die gemäßigten Tories entrüstet und beunruhigt. Viele Mitglieder waren auch durch die Nachricht erschreckt, daß Wilhelm fest entschlossen sei, nicht ohne eine Appellation an die Nation nachzugeben. Eine solche Appellation hätte wohl von Erfolg sein können, denn eine Auflösung des Parlaments, gleichviel aus welchem Grunde, wäre in diesem Augenblicke eine höchst populäre Ausübung der Prärogative gewesen. Die Wahlkörper waren, wie man wohl wußte, im allgemeinen für die Dreijährigkeitsbill sehr eingenommen, an der Stellenbill aber war ihnen verhältnißmäßig wenig gelegen. Viele toryistische Mitglieder, welche kürzlich gegen die Dreijährigkeitsbill gestimmt hatten, wünschten daher keineswegs, es auf eine allgemeine Wahl ankommen zu lassen. Als die von Harley und seinen Freunden entworfene Vorstellung gelesen wurde, hielt man sie für zu stark. Nachdem sie an den Ausschuß zurückverwiesen, gekürzt und gemildert worden war, wurde sie vom ganzen Hause überreicht. Wilhelm’s Antwort war artig und freundlich, aber er sagte nichts zu. Er versicherte den Gemeinen, daß er sich dankbar der Unterstützung erinnere, die er bei vielen Gelegenheiten von ihnen erhalten habe, daß er auf ihren Rath jederzeit hohen Werth lege, und daß er Rathgeber, welche Uneinigkeit zwischen ihm und seinem Parlamente hervorzurufen versuchten, als seine Feinde betrachte; aber er äußerte kein Wort, welches als ein Anerkenntniß, daß er einen üblen Gebrauch von seinem Veto gemacht habe, oder als ein Versprechen, daß er nicht wieder Gebrauch davon machen wolle, hätte gedeutet werden können.
Am folgenden Tage zogen die Gemeinen seine Rede in Erwägung. Harley und seine Freunde meinten, die Antwort des Königs sei gar keine Antwort, drohten, die Stellenbill einer Geldbill anzuhängen und schlugen vor, eine zweite Vorstellung an den König zu richten, worin er dringend aufgefordert würde, sich bestimmter zu erklären. Inzwischen aber fand eine starke Reaction in der Stimmung der Versammlung statt. Die Whigs hatten sich nicht nur von ihrem Schrecken erholt, sondern sie waren sogar muthig und kampflustig geworden. Wharton, Russell und Littleton behaupteten, das Haus könne mit dem was der König gesagt habe, zufrieden sein. „Wollen Sie Ihren Feinden eine Gelegenheit geben zu frohlocken?” sagte Littleton. „Es giebt ihrer genug, sie belagern unsere eigenen Thüren. Wenn wir durch die Vorhalle gehen, lesen wir in den Zügen und Geberden jedes Eidverweigerers, an dem wir vorüberkommen, Schadenfreude über die momentane Kälte, die zwischen uns und dem Könige eingetreten ist. Das sollte uns genug sein. Wir dürfen überzeugt sein, daß wir recht stimmen, wenn wir ein Votum abgeben, das die Hoffnungen von Verräthern zu Schanden macht.” Das Haus stimmte ab, Harley war Stimmenzähler auf der einen Seite, Wharton auf der andren. Nur Achtundachtzig stimmten mit Harley, Zweihundertneunundzwanzig mit Wharton. Die Whigs waren so erhoben durch ihren Sieg, daß einige von ihnen ein Dankvotum an Wilhelm für seine gnädige Antwort zu beantragen wünschten; aber sie wurden durch besonnenere Männer zurückgehalten. „Wir haben schon Zeit genug mit diesen unerquicklichen Debatten vergeudet,” sagte ein Oberhaupt der Partei. „Lassen Sie uns jetzt so bald als möglich zu den Mitteln und Wegen übergehen. Die beste Form, in die wir unsren Dank einkleiden können, ist die einer Geldbill.”
So endete, glücklicher als Wilhelm zu erwarten berechtigt war, einer der gefährlichsten Streite, in die er je mit seinem Parlamente verwickelt worden war. Bei der holländischen Gesandtschaft war die Zu- und Abnahme dieses Sturmes mit gespanntem Interesse beobachtet worden, und man scheint dort der Ansicht gewesen zu sein, daß der König im Ganzen durch seine Handlungsweise weder an Macht noch an Popularität verloren habe.[84]
Bill zur Naturalisirung ausländischer Protestanten.
Eine andre Frage, die fast ebensoviel Zorn und Unwillen im Parlamente wie im Lande erregte, wurde um die nämliche Zeit berathen. Am 6. December erhielt ein whiggistisches Mitglied des Hauses der Gemeinen Erlaubniß, eine Bill zur Naturalisirung ausländischer Protestanten einzubringen. An plausiblen Gründen zu Gunsten einer solchen Bill fehlte es nicht. Eine Menge äußerst betriebsamer und intelligenter Leute, welche treu unsrem Glauben anhingen und Todfeinde unserer Todfeinde waren, hatten damals kein Vaterland. Unter den Hugenotten, welche vor der Tyrannei des französischen Königs geflohen waren, befanden sich viele Männer von hohem Rufe in der Kriegskunst, in der Literatur, in den Künsten und in den Wissenschaften, und selbst die geringsten Refugiés standen in intellectueller und moralischer Beziehung über der Durchschnittsstufe des gemeinen Volks aller Länder Europa’s. Neben den französischen Protestanten, welche durch Ludwig’s Edicte ins Exil getrieben worden waren, gab es jetzt auch deutsche Protestanten, die seine Waffen ins Exil getrieben hatten. Wien, Berlin, Basel, Hamburg, Amsterdam, London wimmelten von rechtschaffenen und fleißigen Menschen, die einst wohlhabende Bürger von Heidelberg oder Mannheim gewesen waren oder an den Ufern des Neckars und des Rheins Wein gebaut hatten. Ein Staatsmann konnte mit Recht der Meinung sein, daß es zugleich edelmüthig und politisch sei, so unglückliche und so achtungswerthe Emigranten nach England einzuladen und dem englischen Volke einzuverleiben. Ihre Kenntnisse und ihr Fleiß mußten nothwendig jedes Land bereichern, das ihnen ein Asyl gewährte; auch unterlag es keinem Zweifel, daß sie ihr Stiefvaterland gegen den Tyrannen, dessen Grausamkeit sie aus dem Lande ihrer Geburt getrieben hatte, mannhaft vertheidigen würden.
Die beiden ersten Lesungen gingen ohne Abstimmung durch. Ueber den Antrag aber, daß die Bill an einen Ausschuß verwiesen werden solle, entspann sich eine Debatte, in der die Gegner der Regierung den umfassendsten Gebrauch von der Redefreiheit machten. Es sei unnütz, sagten sie, über die armen Hugenotten und Pfälzer zu sprechen. Die Bill habe offenbar nicht den Zweck, den französischen oder deutschen Protestanten zu Gute zu kommen, sondern nur den Holländern, die für einen Gulden per Kopf Protestanten, Papisten oder Heiden werden und ohne Zweifel eben so bereit sein würden, in England die Erklärung gegen die Transsubstantiation zu unterzeichnen, als in Japan das Kruzifix mit Füßen zu treten. Sie würden in Massen herüberkommen, würden alle öffentlichen Aemter füllen, die Zölle erheben und die Bierfässer aichen. Unsere Schifffahrtsgesetze würden ihrem Wesen nach aufgehoben sein, jedes Kauffahrteischiff, das aus der Themse oder dem Severn ausliefe, würde mit Seeländern, Holländern und Friesländern bemannt sein. Unseren eigenen Matrosen würde nur der schwere und gefahrvolle Dienst auf der königlichen Flotte bleiben. Denn Hanns würde, nachdem er sich durch Uebernahme der Rolle eines Eingeborenen die Taschen seiner weiten Pumphosen mit unsrem Gelde gefüllt habe, sobald ein Preßgang erschiene, die Vorrechte eines Ausländers in Anspruch nehmen. Die Eingedrungenen würden bald alle Corporationen beherrschen. Sie würden unsere eigenen Aldermen von der Börse verdrängen. Sie würden die erblichen Forsten und Schlösser unserer Landgentlemen kaufen. Schon seufzten wir unter einer der lästigsten Plagen Egypten’s. Frösche hätten sich selbst in den königlichen Gemächern gezeigt. Man könne nicht nach St. James gehen, ohne das widerliche Gequak der Reptilien der batavischen Sümpfe rings um sich her zu hören, und wenn diese Bill durchgehe, so würde das ganze Land von dem ekelhaften Gewürm bald eben so geplagt sein, wie schon jetzt der Palast.
Der Redner, der sich in dieser Art von Rhetorik erging, war Sir John Knight, Abgeordneter für Bristol, ein niedrigdenkender und gehässiger Jakobit, der, wenn er ein rechtschaffener Mann gewesen wäre, ein Eidverweigerer hätte sein müssen. Zwei Jahre vorher, als er Mayor von Bristol war, hatte er sich ein nicht eben ehrenvolles Rennomé erworben, indem er eine mit dem großen Siegel der Souveraine, denen er zu wiederholten Malen Treue geschworen, versehene Vollmacht, mit grober Unehrerbietigkeit behandelt und den Pöbel seiner Stadt aufgereizt hatte, die Richter zu verhöhnen und mit Koth zu werfen.[85] Er schloß jetzt seine heftige Schmährede mit dem Verlangen, der Stabträger solle die Thüren öffnen, damit das gehässige Pergament, das nichts Geringeres als ein Aufgeben des Geburtsrechts der englischen Nation sei, mit gebührender Verachtung behandelt werde. „Werfen wir zuerst,” sagte er, „die Bill aus dem Hause und dann die Fremden aus dem Lande.”
Bei der Abstimmung wurde der Antrag, die Bill an einen Ausschuß zu verweisen, mit hundertdreiundsechzig gegen hundertachtundzwanzig Stimmen angenommen.[86] Aber die Minorität war eifrig und hartnäckig und die Majorität begann bald zu schwanken. Night’s Rede erschien bald in einer noch verstärkten Umarbeitung ohne Censurerlaubniß im Druck. Viele tausend Exemplare wurden durch die Post verbreitet oder in den Straßen umhergestreut, und das nationale Vorurtheil war so stark, daß nur zu Viele diese Gemeinheiten mit Beifall und Bewunderung lasen. Als aber ein Exemplar im Hause vorgelegt wurde, erhob sich ein solcher Sturm des Unwillens und Abscheues, daß selbst der schamlose und heftige Character des Redners dadurch eingeschüchtert wurde. Da er sah, daß er in der größten Gefahr schwebte, ausgestoßen und ins Gefängniß geschickt zu werden, suchte er sich zu rechtfertigen und desavouirte jede Kenntniß des Papiers, das sich für einen Abdruck seiner Rede ausgebe. Er kam straflos davon. Seine Rede aber wurde für falsch, verleumderisch und aufwieglerisch erklärt und im Palasthofe durch den Henker verbrannt. Die Bill, welche alle diese Gährung verursacht hatte, wurde wohlweislich fallen gelassen.[87]