Zustand des Ackerbaues. [Die] Thatsache, daß sich der Ertrag der Steuern in England während eines Zeitraums von etwa zwei langen Menschenleben um das Dreißigfache vermehrt hat, ist auffallend und mag auf den ersten Anblick fast etwas Erschreckendes haben. Aber wen die Vermehrung der öffentlichen Lasten beunruhigt, der wird sich vielleicht wieder beruhigen, wenn er dagegen die Zunahme der öffentlichen Hülfsquellen in Erwägung zieht. Im Jahre 1685 überstieg der Werth der Bodenerzeugnisse bei weitem den aller anderen Früchte des menschlichen Fleißes. Gleichwohl befand sich damals der Ackerbau in einem Zustande, den man heutzutage roh und unvollkommen nennen würde. Die besten Statistiker jener Zeit schätzten den Umfang des pflügbaren Ackerlandes und des Weidelandes auf nicht viel über die Hälfte des gesammten Flächeninhalts der Monarchie.[35] Das Übrige bestand angeblich aus Moor, Sumpf und Waldungen. Die Richtigkeit dieser Berechnungen wird durch die Reisebücher und Landkarten des siebzehnten Jahrhunderts vollkommen bestätigt. Aus diesen Büchern und Karten geht klar und deutlich hervor, daß viele Straßen, welche gegenwärtig durch endlose Obstpflanzungen, Wiesen und Bohnenfelder führen, damals über nichts als Haiden, Sümpfe und Jagdgehege gingen.[36] Auf den Zeichnungen englischer Landschaften, welche damals für den Großherzog Cosmus angefertigt wurden, sieht man kaum eine Baumhecke, und zahlreiche Strecken, welche jetzt vortrefflich angebaut sind, erscheinen kahl wie die Ebene von Salisbury.[37] Bei Enfield, wo man fast noch den Rauch der Hauptstadt sehen kann, war ein Gebiet von fünfundzwanzig Meilen im Umfange, das nicht mehr als drei Häuser und fast gar keine umfriedigten Felder enthielt. Das Rothwild tummelte sich dort zu Tausenden wie in einem amerikanischen Urwalde.[38] Ich muß hierbei bemerken, daß wilde Thiere von bedeutender Größe damals noch viel zahlreicher waren als jetzt. Zwar waren die letzten Wildschweine, welche zum Vergnügen des Königs gehegt wurden und die mit ihren Hauern das angebaute Land verwüsten durften, während des zügellosen Treibens zur Zeit der Bürgerkriege durch das erbitterte Landvolk vernichtet, und der letzte Wolf, der auf unsrer Insel gehaust, kurz vor dem Ende der Regierung Karl’s II. in Schottland erlegt worden. Aber viele jetzt ganz ausgestorbene oder doch nur sehr selten vorkommende Arten von Säugethieren und Vögeln waren noch sehr gewöhnlich. Der Fuchs, dessen Leben gegenwärtig in vielen Grafschaften fast so heilig gehalten wird als das eines Menschen, wurde lediglich als eine Landplage betrachtet. Oliver St. John sagte dem Langen Parlamente, Stafford sei nicht als ein Hirsch oder Hase zu betrachten, auf den man noch einige Rücksicht nehmen könne, sondern als ein Fuchs, den man auf jede Weise verfolgen und ohne Mitleid todtschlagen müsse. Dieser Vergleich würde nichts weniger als glücklich gewählt sein, wenn man denselben gegen einen Landedelmann unserer Zeit aussprechen wollte; zu St. John’s Zeiten aber wurden nicht selten große Vertilgungkriege gegen die Füchse veranstaltet, zu denen sich die Landleute mit allen Hunden, die sie auftreiben konnten, eifrig drängten. Es wurden Fallen gelegt und Netze gestellt und kein Pardon gegeben; die Erlegung eines trächtigen Weibchens wurde als eine That betrachtet, welche den Dank der ganzen Nachbarschaft verdiente. Das Hochwild war damals in Gloucestershire und Hampshire so gewöhnlich, wie jetzt in den Grampian-Gebirgen. Die Königin Anna erblickte einst auf einer Reise nach Portsmouth ein Rudel von nicht weniger als fünfhundert Stück. Den wilden Stier mit seiner weißen Mähne begegnete man noch zuweilen in einigen südlichen Wäldern. Der Dachs grub noch an jedem Hügelabhange, der mit dichtem Gebüsch bewachsen war, seinen dunklen, gewundenen Bau. Wilde Katzen hörte man noch häufig des Nachts in der Nähe der Wildmeisterwohnungen heulen. Der gelbbrüstige Marder wurde noch in Cranbourne Chase seines Pelzes wegen gejagt, dem man nur das Zobelfell vorzog. Sumpfadler, welche von einer Flügelspitze bis zur andern über neun Fuß maßen, stellten den Fischen an der Küste von Norfolk nach. Auf allen Dünen vom Britischen Kanal bis nach Yorkshire schwärmten riesige Trappen in Schaaren von funfzig bis sechzig Stück umher und wurden oft mit Windhunden gehetzt. Die Moorgegenden von Cambridgeshire und Lincolnshire waren jedes Jahr einige Monate lang mit ungeheuren Schwärmen von Kranichen bedeckt. Durch die Fortschritte des Landbaues sind einige dieser Thiergattungen völlig ausgerottet; andere Arten haben sich so vermindert, daß das Volk ein Exemplar davon anstaunt, wie einen bengalischen Tiger oder einen Eisbär.[39]
Das Fortschreiten dieser großen Veränderung läßt sich nirgends leichter verfolgen als in der Gesetzsammlung. Die Anzahl der seit der Thronbesteigung König Georg’s II. genehmigten Einhegungsakte beträgt über viertausend, und der kraft dieser Bewilligungen eingefriedigte Flächenraum übersteigt nach mäßiger Schätzung zehntausend Quadratmeilen. Wieviel Quadratmeilen früher gar nicht, oder doch schlecht angebauten Landes in der nämlichen Zeit von den Besitzern ohne specielle Genehmigung der Behörden eingefriedigt und sorgfältig cultivirt wurden, läßt sich bloß muthmaßen. Man kann jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß im Laufe von wenig mehr als einem Jahrhunderte der vierte Theil von England aus einer Wildniß in einen Garten verwandelt worden ist.
Selbst in denjenigen Theilen des Reichs, welche zu Ende der Regierung Karl’s II. am besten angebaut waren, stand die Landwirthschaft ungeachtet der großen Fortschritte, die seit den Bürgerkriegen darin gemacht waren, doch noch nicht auf einer solchen Stufe, daß man heutzutage von ihr sagen würde, sie sei mit Geschick betrieben worden. Bis jetzt hat die Regierung leider noch keine wirksamen Maßregeln angeordnet, um genaue Aufstellungen über den Ertrag des englischen Grund und Bodens zu erhalten. Der Geschichtsschreiber muß sich daher mit einigem Mißtrauen an die Angaben derjenigen Statistiker halten, welche am meisten in dem Rufe der Sorgfalt und Zuverlässigkeit stehen. Der gegenwärtige Durchschnittsertrag an Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Hülsenfrüchten wird auf weit über dreißig Millionen Quarters geschätzt. Die Weizenernte, die zwölf Millionen Quarters nicht überstiege, würde als eine schlechte gelten. Nach einer Berechnung Gregor King’s vom Jahre 1696 betrug damals die jährliche Gesammtproduction von Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Hülsenfrüchten etwas unter zehn Millionen Quarters. Den Ertrag des Weizens, welcher damals nur auf dem fettesten Lehmboden erbaut und nur von der wohlhabenderen Klasse consumirt wurde, schätzte er auf weniger als zwei Millionen Quarters. Karl Davenant, ein scharfsinniger und wohlunterrichteter, aber durchaus charakterloser und gehässiger Politiker, wich zwar in einigen Punkten der Berechnung von King ab, gelangte aber so ziemlich zu demselben allgemeinen Resultate.[40]
Die sogenannte Wechselwirthschaft verstand man damals noch sehr unvollkommen. Man wußte zwar, daß einige seit Kurzem auf unserer Insel eingeführte Pflanzen, namentlich die weiße Rübe, ein vortreffliches Winterfutter für Schafe und Rinder gaben; allein es war noch nicht gebräuchlich, das Vieh damit zu füttern. Es war daher keineswegs leicht, die Thiere während der Jahreszeit, wo das Gras selten wird, zu erhalten. Beim Beginn der kalten Witterung wurden sie denn auch in großer Menge geschlachtet und eingesalzen und mehrere Monate hindurch aß selbst der Reiche fast gar kein frisches Fleisch, ausgenommen Wild und Flußfische, welche eben deshalb damals in der Haushaltung eine viel wichtigere Rolle spielten als gegenwärtig. Aus dem Northumberland Household Book ersehen wir, daß unter der Regierung Heinrichs VII. selbst die Gentlemen im Gefolge eines großen Earl nur während der kurzen Zeit zwischen der Mitte des Sommers und Michaelis frisches Fleisch genossen. Im Laufe von zwei Jahrhunderten waren jedoch schon manche Verbesserungen in der Viehzucht eingetreten, und unter Karl II. legten die Familien ihren Wintervorrath von gesalzenem Fleische, das man damals Martinsfleisch nannte, nicht vor Anfang Novembers ein.[41]
Die Schafe und Rinder jener Zeit waren im Vergleich mit denen, welche heutzutage auf unsere Märkte getrieben werden, sehr klein.[42] Unsere einheimischen Pferde waren zwar brauchbar, aber nicht besonders geschätzt und ziemlich wohlfeil. Die zuverlässigsten Autoritäten in der Berechnung des Nationalreichthums schlugen sie im Durchschnitt auf nicht höher als funfzig Schilling das Stück an. Die Pferde ausländischer Zucht wurden allgemein vorgezogen, und für die schönsten galten die spanischen Zelter, welche für den Bedarf des Luxus und des Kriegs eingeführt wurden. Die Kutschen des hohen Adels wurden von grauen flamändischen Stuten gezogen, welche für die elegantesten Traber galten und besser als irgend ein einheimischer Schlag geeignet sein sollten, die damaligen plumpen Equipagen über das holperige Straßenpflaster von London zu schleppen. Weder das Zugpferd noch das Racepferd der Neuzeit waren damals bekannt. Erst zu einer viel späteren Periode wurden die Vorfahren der riesigen Vierfüßler, welche jetzt von allen Fremden zu den größten Merkwürdigkeiten der Weltstadt gerechnet werden, aus dem Moorlande von Walcheren, die Ahnen eines Childers und Eclipse[43] aus den Sandwüsten Arabiens zu uns gebracht. Indessen war schon damals unser Adel und unsre Gentry für die Vergnügungen der Rennbahn leidenschaftlich eingenommen. Man sah die Nothwendigkeit ein, unsere Gestüte durch Beimischung fremden Blutes zu veredeln, und zu diesem Zwecke war vor kurzem eine beträchtliche Anzahl von Pferden aus der Barbarei eingeführt worden. Zwei Männer, deren Autorität in solchen Dingen besonderes Gewicht hatte, der Herzog von Newcastle und Sir John Fenwick, erklärten, daß der geringste Klepper aus Tanger eine schönere Nachkommenschaft erzeugen werde, als man sie von dem besten Hengste unserer einheimischen Zucht erwarten könne. Sie ahneten damals schwerlich, daß eine Zeit kommen würde, wo die Fürsten und Edelleute der Nachbarstaaten eben so eifrig bemüht waren, Pferde aus England zu beziehen, als die Engländer damals nach der Einführung von Berberrossen trachteten.[44]
[35.] King’s Natural and Political Conclusions. Davenant, On the Balance of Trade.
[36.] Siehe das Itinerarium Angliae, 1675, von John Ogilby, königl. Kosmographen. Nach seiner Beschreibung befanden sich in einem großen Theile des Landes zu beiden Seiten der Straßen nichts als Wald, Sumpf und Haide. Auf einigen seiner Karten sind die durch eingehegtes Land gehenden Straßen mit Linien, und die durch uneingehegtes führenden mit Punkten bezeichnet. Der verhältnißmäßige Umfang des nicht eingehegten Landes, das, wenn es überhaupt angebaut war, doch sehr schlecht angebaut sein mußte, scheint sehr bedeutend gewesen zu sein. Zwischen Abingdon und Gloucester zum Beispiel, eine Strecke von vierzig bis funfzig Meilen, befand sich nicht eine einzige Einfriedigung, zwischen Biggleswade und Lincoln kaum eine solche.
[37.] Eine große Anzahl von diesen höchst interessanten Zeichnungen befinden sich in der Sammlung, welche Grenville dem Britischen Museum vermacht hat.
[38.] Evelyn’s Diary vom 2. Juni 1675.
[39.] Siehe White’s Selborne; Bell’s History of British Quadrupeds; Gentleman’s Recreation, 1686; Aubrey’s Natural History of Wiltshire, 1685; Morton’s History of Northamptonshire, 1712; Willoughby’s Ornithology, herausgegeben von Ray, 1678; Latham’s General Synopsis of Birds und Sir Thomas Browne’s Account of Birds found in Norfolk.