Tunbridge Wells. [Weit] mehr Anziehendes hatte Tunbridge Wells, das etwa eine Tagereise von London in einer der reichsten und kultivirtesten Gegenden des Reiches lag. Gegenwärtig erblicken wir daselbst eine Stadt, die der Einwohnerzahl nach vor hundertsechzig Jahren die vierte oder fünfte Stadt Englands gewesen wäre. Die Eleganz der Läden und der Luxus der Privatwohnungen übertrifft jetzt Alles was England damals irgendwo aufzuweisen hatte. Als der Hof kurz nach der Restauration Tunbridge Wells besuchte, war es noch keine Stadt, sondern man sah nur eine Anzahl Hütten, etwas freundlicher und sauberer als die gewöhnlichen Hütten jener Zeit, welche in der nächsten Umgebung der Heilquellen zerstreut umherlagen. Einige von diesen Hütten waren transportabel und wurden auf Schleifen versetzt wohin man es wünschte. In diese Hütten kam die feine Welt von London, des Geräusches und des Rauches der Hauptstadt müde, zuweilen im Sommer, um frische Luft einzuathmen und einen Vorgeschmack vom Landleben zu erhalten. Während der Saison wurde täglich in der Nähe der Quellen eine Art Markt gehalten. Die Frauen und Töchter der Landwirthe von Kent brachten aus den umliegenden Dörfern Rahm, Obst, Weißkehlchen und Wachteln zum Verkauf, und mit ihnen zu scherzen und zu tändeln, ihre Strohhüte und ihre kleinen Füßchen zu rühmen, war für Wüstlinge, welche der prätentiösen Manieren der Schauspielerinnen und Hofdamen überdrüssig waren, ein angenehmer Zeitvertreib. Putzmacherinnen, Galanteriewaarenhändler und Juweliere kamen von London und eröffneten unter den Bäumen einen Bazar. In der einen Bude fand der Politiker seine Tasse Kaffee und die Londoner Zeitung; in einer andren wurde heimlich Basset gespielt; an schönen Abenden fanden sich Musikanten ein und auf einem weichen Rasenplatze wurde der Mohrentanz aufgeführt. Im Jahre 1685 war eben unter den Brunnengästen eine Sammlung zum Bau einer Kirche eröffnet worden, welche auf Verlangen der damals überall dominirenden Tories dem heiligen Karl, dem Märtyrer, geweiht werden mußte.[74]

[74.] Memoires de Grammont; Hasted’s History of Kent; Tunbridge Wells, a Comedy, 1678; Causton’s Tunbridgialia, 1688; Metellus, a poem on Tunbridge Wells, 1693.

Bath. [Der] wichtigste Badeort Englands war jedoch unstreitig Bath. Die dortigen Heilquellen waren schon zu den Zeiten der Römer berühmt und mehrere Jahrhunderte lang war die Stadt der Sitz eines Bischofs gewesen. Aus allen Theilen des Landes strömten die Kranken dahin und selbst der König hielt dort zuweilen seinen Hof. Bei alledem war Bath damals nur ein winkeliger Ort von vier- bis fünfhundert Häusern, welche unweit des Avon innerhalb einer alten Befestigungsmauer zusammengedrängt waren. Es giebt noch Abbildungen von den schönsten dieser Häuser, welche große Ähnlichkeit mit den schlechtesten Hütten und Schenken an der Radcliffestraße zeigen. Selbst die damaligen Reisenden klagten über die Enge und Unsauberkeit der Straßen. Die schöne Stadt, welche gegenwärtig selbst das Auge Derer entzückt, die an den Anblick der Meisterwerke eines Bramante und Palladio gewöhnt sind, und deren Boden durch den Genius von Anstey und Smollett, von Frances Burney und Johanna Austen eine klassische Berühmtheit erlangt hat, existirte damals noch nicht. Die jetzige Milsomstraße war noch ein Stück Feld, das weit außerhalb der Umfassungsmauer lag, und Baumhecken durchzogen den Platz, den gegenwärtig der „Crescent“ und der „Cirkus“ einnehmen. Die bedauernswerthen Kranken, denen der Gebrauch der Heilquellen verordnet war, mußten in Räumen zubringen, welche, um uns des Ausdrucks eines damaligen Arztes zu bedienen, mehr einem Stalle, als einer menschlichen Wohnung glichen. Über den Luxus und die Bequemlichkeiten, welche die zum Zwecke, der Kur oder des Vergnügens dahin kommenden vornehmen Badegäste in den Häusern fanden, haben wir vollständigere und genauere Nachrichten, als sie sonst in Bezug auf derartige Gegenstände zu erlangen sind. Ein Schriftsteller, der ungefähr sechzig Jahre nach der Revolution eine Beschreibung der Stadt herausgab, schildert mit großer Genauigkeit die Veränderungen, die im Bereiche seiner Erinnerung daselbst stattgefunden haben. Er versichert uns, daß in seinen jüngeren Jahren die Badegäste in Zimmern schlafen mußten, welche nicht viel besser waren als die Dachkammern, die er später von den Dienstleuten bewohnt fand. Der Fußboden der Speisezimmer war mit keinem Teppiche bedeckt und mit einer aus Ruß und Dünnbier bereiteten Flüssigkeit überstrichen, um seine Unsauberkeit zu verbergen; keine Wand war gemalt, kein Herd oder Kaminmantel war von Marmor, eine Platte von ordinären Quadern und Feuerböcke, die nicht mehr als einige Schillinge kosteten, wurden für genügend erachtet. Die besten Zimmer waren mit einem groben wollenen Stoffe ausgeschlagen und mit Rohrstühlen versehen. Leser, die sich für die Fortschritte der Civilisation und der nützlichen Künste interessiren, werden dem bescheidenen Topographen für die Aufzeichnung dieser Details dankbar sein und es vielleicht bedauern, daß anspruchsvollere Geschichtschreiber ihre Erzählungen von Schlachten und politischen Intriguen nicht zuweilen um einige Seiten abkürzen, um uns mitzutheilen, wie es in den Wohn- und Schlafzimmern unserer Voreltern aussah.[75]

[75.] Siehe Wood’s History of Bath, 1749; Evelyn’s Diary, June 27. 1654; Pepys’s Diary, June 12, 1668; Stukeley’s Itinerarium Curiosum; Collinson’s Somersetshire; Dr. Peirce’s History and Memoirs of the Bath, 1713, book I, chap. 8, obs. 2. 1684. Ich habe mehrere alte Pläne und Abbildungen von Bath, besonders einen höchst interessanten, der mit Ansichten der Hauptgebäude eingefaßt ist, vor Augen gehabt. Letzterer ist v. Jahre 1717.

London. [London] nahm im Verhältniß zu den anderen Städten des Königreichs zur Zeit Karl’s II. einen viel höheren Rang ein als gegenwärtig. Seine Bevölkerung ist jetzt wenig mehr als sechsmal so stark wie die von Manchester oder Liverpool; unter Karl II. aber überstieg dieselbe die von Bristol oder Norwich um mehr als das Siebzehnfache. Ich glaube nicht, daß es noch eine andre Hauptstadt in der Welt giebt, deren Größe in einem ähnlichen Verhältnisse zu der zweiten Stadt des Landes steht. Man hat guten Grund zu glauben, daß London schon 1685 seit etwa einem halben Jahrhundert die volkreichste Stadt in Europa war. Die Einwohnerzahl, welche jetzt mindestens neunzehnhunderttausend Seelen beträgt, belief sich damals wahrscheinlich auf nicht viel über eine halbe Million.[76] Als Handelsstadt hatte London nur eine Nebenbuhlerin, die jedoch längst überflügelt ist: das mächtige, und reiche Amsterdam. Die englischen Schriftsteller rühmten den Wald von Masten, der von der Brücke bis zum Tower den Fluß bedeckte, und die enormen Summen, welche im Zollhause von Thames Street eingingen. Es unterliegt in der That keinem Zweifel, daß der Handel der Hauptstadt damals zu dem Handel des ganzen Landes in einem günstigeren Verhältnisse stand als jetzt; allein unserer Generation müssen die übrigens wohlbegründeten Lobpreisungen unserer Vorfahren doch ein wenig komisch vorkommen. Der Inhalt der der Stadt gehörenden Schiffe, den sie als ungeheuer betrachteten, scheint siebzigtausend Tonnen nicht überstiegen zu haben. Allerdings war dies damals mehr als ein Drittel des Tonnengehalts sämmtlicher Schiffe des Landes, gegenwärtig aber ist es nur ein Viertel von dem Tonnengehalte Newcastle’s, und der Tonnengehalt der Themsedampfer allein dürfte ihm ziemlich gleichkommen. Der Ertrag der Zölle belief sich 1685 in London auf ungefähr dreihundertdreißigtausend Pfund jährlich; in unseren Tagen übersteigt der Reinertrag derselben zehn Millionen.[77]

Wenn man die zu Ende der Regierung Karl’s II. erschienenen Pläne von London betrachtet, so findet man, daß damals nur erst der Kern der gegenwärtigen Hauptstadt existirte. Die Stadt erstreckte sich noch nicht in unmerklichen Abstufungen weit über die ländliche Umgegend. Es zogen sich noch keine langen Reihen von Landhäusern, umrankt von Hollunder und Bohnenbaum, von dem großen Mittelpunkte des Reichthums und der Civilisation bis zu den Grenzen von Middlesex und tief ins Herz von Kent und Surrey hinein. Man dachte noch nicht an die Anlage der endlosen Reihen von Waarenmagazinen und der künstlichen Seen, die sich jetzt im Osten der Stadt vom Tower bis Blackwall erstrecken. Im Westen sah man kaum eines von den stattlichen Häusern, in denen jetzt die Reichen und Vornehmen wohnen, und Chelsea, das gegenwärtig über vierzigtausend Einwohner zählt, war noch ein bloßes Dorf, dessen Bevölkerung tausend Seelen nicht überstieg.[78] Im Norden weidete das Vieh und Jäger streiften mit ihren Hunden und Flinten umher, wo sich jetzt der Borough Marylebone befindet, sowie auf der noch weit größeren Fläche, welche die Boroughs Finsbury und Tower Hamlets bedecken. Islington war fast noch eine Einöde, deren friedliche Stille die Dichter gern dem lärmenden Getümmel des Ungeheuers London gegenüberstellten.[79] Im Süden ist die Hauptstadt jetzt mit ihren Vorstädten durch mehrere Brücken verbunden, die an Schönheit und Festigkeit den stolzesten Bauwerken der Cäsaren nicht nachstehen. Im Jahre 1685 hemmte nur eine einzige Linie unregelmäßiger Bögen, mit einer Anzahl schmutziger und halb verfallener Häuser bedeckt und nach einer der nackten Barbaren von Dahomey würdigen Sitte mit etwa zwanzig verwesenden Köpfen verziert, die Schifffahrt auf dem Flusse.

[76.] Nach King fünfhundertdreißigtausend.

[77.] Macpherson’s History of Commerce; Chalmers’s Estimate; Chamberlayne’s State of England, 1684. Der Gehalt der dem Londoner Hafen gehörenden Dampfer betrug zu Ende des Jahres 1847 etwa sechzigtausend Tonnen. Die jährlichen Zolleinnahmen beliefen sich von 1842—45 auf durchschnittlich elf Millionen Pfd. Sterl.

[78.] Lyson’s Environs of London. Von 1680—90 wurden in Chelsea jährlich nicht mehr als zweiundvierzig Kinder getauft.

[79.] Cowley, Discourse of Solitude.