Die City. [Der] wichtigste Theil der Hauptstadt war die City. Sie war zur Zeit der Restauration größtentheils aus Holz und Mörtel erbaut worden, die wenigen Backsteine, die man dazu verwendet, waren schlecht gebrannt, die Buden, in denen die Waaren feilgeboten wurden, traten weit in die Straße hervor und die oberen Stockwerke der Häuser hingen gleichsam über ihnen. Einige Beispiele von dieser Bauart kann man noch in den Straßen sehen, die bei dem großen Brande verschont geblieben waren. Diese Feuersbrunst hatte binnen wenigen Tagen einen Flächenraum von ziemlich einer Quadratmeile mit den Trümmern von neunundachtzig Kirchen und dreizehntausend Häusern bedeckt. Die City aber war mit einer Schnelligkeit wiedererstanden, welche die Bewunderung der Nachbarländer erweckte. Leider wurde die vorherige Richtung und Breite der Straßen zum großen Theile beibehalten und da sie ursprünglich zu einer Zeit angelegt waren, wo selbst die Prinzessinnen zu Pferde reisten, waren sie meist zu schmal, damit Räderfuhrwerke einander bequem ausweichen konnten. Reiche Leute konnten daher zu jener Zeit, wo sechsspännige Equipagen ein modischer Luxus waren, die City nicht gut bewohnen. Der Baustyl der neuen Häuser war übrigens weit schöner als der der niedergebrannten und das gewöhnliche Baumaterial waren Ziegelsteine von viel besserer Qualität, als die früher benutzten. An der Stelle der früheren Pfarrkirchen hatten sich eine Menge neuer Kathedralen, Thürme und Thürmchen erhoben, welche das fruchtbare Genie Wren’s bekundeten. Überall, mit Ausnahme eines einzigen Punktes, waren die Spuren der verheerenden Feuersbrunst vollständig verschwunden, aber noch lange sah man unzählige Arbeiter, gigantische Gerüste und Massen behauener Steine an der Stelle, wo sich der stolzeste aller protestantischen Tempel langsam aus den Trümmern der alten St. Paulskathedrale erhob.[80]
Seit jener Zeit hat sich der ganze Character der City durchaus verändert. Gegenwärtig kommen die Bankiers, die Großhändler und die vornehmsten Detailhändler an den sechs Werktagen der Woche jeden Morgen dahin, um ihre Geschäfte zu besorgen, aber sie wohnen in anderen Theilen der Hauptstadt oder auf nahegelegenen Landsitzen mit schönen Parken und Gärten. Diese Umwälzung in den Privatgewohnheiten hat eine politische Veränderung von nicht geringer Wichtigkeit hervorgebracht. Die reichen Kaufleute hängen nicht mehr mit der Vorliebe, die Jedermann für seine Heimath empfindet, an der City und es knüpfen sich keine häuslichen Zuneigungen und Annehmlichkeiten mehr an diesen Namen, denn der häusliche Herd, die Kinderstube, die gesellige Tafel und das trauliche Bett befinden sich nicht mehr dort. Lombard Street und Threadneedle Street sind weiter nichts mehr als Lokalitäten zum Arbeiten und Geldverdienen; um das erworbene Geld auszugeben und zu genießen geht man anderswohin. Des Sonntags oder des Abends nach den Geschäftsstunden sind viele Höfe und Passagen, in denen es wenige Stunden zuvor von eiligen Füßen und ängstlichen Gesichtern wimmelte, still und einsam wie ein Friedhof. Die Häupter des Handelsstandes sind nicht mehr Bürger der City; sie vermeiden und verachten fast die städtischen Ehren und Pflichten und überlassen dieselben Anderen, welche zwar ebenfalls ganz nützliche und achtbare Männer sein mögen, aber doch nur selten den fürstlichen Handelshäusern angehören, deren Firmen in der ganzen Welt bekannt sind.
Im siebzehnten Jahrhunderte dagegen wohnten die Kaufleute auch in der City. Die noch vorhandenen Wohnhäuser der ehemaligen reichen Bürger sind zu Comptoirs und Waarenmagazinen eingerichtet, aber man sieht es ihnen noch heute an, daß sie ursprünglich den Palästen des hohen Adels an Schönheit und Pracht nicht nachstanden. Sie stehen zum Theil in abgelegenen und düsteren Höfen und haben unbequeme Zugänge, aber ihr Umfang ist bedeutend und ihr Aussehen majestätisch. Ihre Eingänge sind mit reicher Bildhauerarbeit verziert, die Treppenhäuser und Vorplätze sind prächtig und die Fußböden zuweilen auf französische Art parquettirt. Der Palast Sir Robert Clayton’s in der alten Judenstadt enthielt einen prachtvollen Speisesaal mit Wandgetäfel von Cedernholz und mit Frescogemälden, welche die Kämpfe der Götter und Titanen darstellten.[81] Sir Dudley North verwendete viertausend Pfund, eine Summe, welche damals für einen Herzog schon bedeutend gewesen wäre, auf die reiche Ausschmückung seiner Wohnzimmer in Basinghall Street.[82] In solchen Häusern entfalteten noch unter den letzten Stuarts die Häupter der großen Firmen eine außerordentliche Pracht und Gastfreundschaft, und die stärksten Bande des Interesses und des Herzens fesselten sie an dieselben. Hier hatten sie ihre Jugend verlebt, ihre Freundschaften geschlossen, ihre Gattinnen kennen gelernt und ihre Kinder heranwachsen sehen; hier ruhten die irdischen Überreste ihrer Eltern, an deren Seite sie ebenfalls einst ruhen wollten. Unter solchen Verhältnissen mußte sich in hohem Maße der glühende Patriotismus entwickeln, welcher Denen eigen ist, die auf einem engen Raume beisammenleben. London war dem Londoner, was Athen zu den Zeiten des Perikles dem Athener, was Florenz dem Florentiner des fünfzehnten Jahrhunderts war. Der Bürger war stolz auf die Größe seiner Stadt, legte hohen Werth auf die Wahrung ihres Ansehens wie auf die Bekleidung von städtischen Ehrenämtern und war eifersüchtig auf ihre Freiheiten.
Zu Ende der Regierung Karl’s II. erfuhr der Stolz der Londoner eine schmerzliche Demüthigung. Ihr alter Freibrief war ihnen genommen und die Magistratur neu organisirt worden. Alle städtischen Beamten waren Tories und die Whigs, obgleich an Zahl und Reichthum ihren Gegnern überlegen, sahen sich von jedem Ehrenamte ausgeschlossen. Indessen hatte sich der äußere Glanz der städtischen Verwaltung durch diesen Wechsel eher noch vermehrt als vermindert. Unter der Herrschaft einiger Puritaner, welche unlängst an der Spitze der Behörden gestanden, hatte der alte Ruf der City hinsichtlich des heiteren Wohllebens in der That abgenommen, unter dem neuen Magistrate aber, der einer lebenslustigeren Partei angehörte und an dessen Tafel oft vornehme und angesehene Gäste von jenseit Temple Bar zu finden waren, wurden Guildhall und die Säle der großen Gesellschaften oft durch glänzende Gastmähler belebt. Bei diesen Banketten wurden Oden, die der gekrönte Dichter der Corporation zu Ehren des Königs, des Herzogs und des Mayors verfaßt hatte, unter Musikbegleitung gesungen. Es wurde stark getrunken und laut gejubelt. Ein toryistischer Beobachter, der oft an diesen Gelagen Theil genommen, bemerkt, daß die Sitte, nach ausgebrachten Toasten donnernde Hurrahs erschallen zu lassen, sich aus jener fröhlichen Zeit herschreibe.[83]
Der höchste städtische Beamte entfaltete eine fast königliche Pracht. Der vergoldete Staatswagen, welcher jetzt alljährlich von der gaffenden Menge bewundert wird, existirte damals allerdings noch nicht, denn bei feierlichen Gelegenheiten erschien der Lordmayor zu Pferde, begleitet von einer zahlreichen Cavalcade, die an Pracht nur dem Gefolge nachstand, das bei einer Krönung den Monarchen vom Tower nach Westminster geleitete. Er zeigte sich öffentlich nie ohne seinen prachtvollen Mantel, sein schwarzes Sammetbarett, seine goldene Kette, seine Juwelen und ein großes Gefolge von Läufern und Garden.[84] Dieser ihn beständig umgebende Pomp hatte auch durchaus nichts Lächerliches in den Augen der damaligen Zeitgenossen, denn er entsprach nur der Stellung, welche dieser Mann als Repräsentant der Macht und Würde der Stadt London im Staate einnahm. Diese Stadt, welche damals im ganzen Lande nicht ihres Gleichen, ja nicht einmal eine ihr nahekommende Rivalin hatte, übte fünfundvierzig Jahre lang einen fast eben so großen Einfluß auf die Politik Englands aus, wie Paris in unseren Zeiten auf die Politik Frankreichs. An Intelligenz war London allen übrigen Theilen des Königreichs weit überlegen, und eine Regierung, welche die Unterstützung und das Vertrauen der Hauptstadt besaß, konnte in einem Tage Geldmittel erlangen, zu deren Aufbringung in den übrigen Theilen der Insel viele Monate nöthig gewesen wären. Auch die militairischen Hülfsquellen der Hauptstadt waren nicht zu verachten. Die Gewalt, welche in anderen Theilen des Landes die Lordleutnants ausübten, war in London einer Commission von angesehenen Bürgern anvertraut. Unter den Befehlen dieser Commission standen zwölf Regimenter Infanterie und zwei Regimenter Kavalerie. Allerdings würde diese Armee von Handlungsdienern und Schneidergesellen, deren Hauptleute Gemeinderäthe und deren Obersten Aldermen waren, gegen reguläre Truppen nicht lange Stand gehalten haben, aber es gab damals auch nur sehr wenig reguläre Truppen im Lande. Daher mußte eine Stadt, die binnen einer Stunde zwanzigtausend von natürlichem Muthe beseelte und leidlich bewaffnete Streiter, denen es keineswegs ganz an militairischer Disciplin fehlte, ins Feld stellen konnte, eine eben so werthvolle Bundesgenossin als furchtbare Feindin sein. Man hatte noch nicht vergessen, daß Hampden und Pym durch die Londoner Miliz gegen gesetzwidrige Tyrannei vertheidigt worden, daß in der kritischen Zeit des Bürgerkrieges die Londoner Miliz nach Gloucester marschirt war, um die Belagerung dieser Stadt aufzuheben, noch daß sie bei der Bewegung gegen den Militairdespotismus, der auf den Sturz Richard Cromwell’s folgte, eine sehr bedeutende Rolle gespielt hatte. Man kann ohne Übertreibung behaupten, daß Karl I. nie besiegt worden wäre, wenn er die City nicht gegen sich gehabt hätte, und daß Karl II. ohne den Beistand der City schwerlich hätte wiedereingesetzt werden können.
Aus diesen Verhältnissen läßt es sich auch erklären, warum trotz des Zuges, der seit einer langen Reihe von Jahren die Aristokratie allmälig nach der weltlichen Seite Londons führte, einige wenige Männer von hohem Range bis auf die neueste Zeit in der Nachbarschaft der Börse und von Guildhall wohnen blieben. Als Shaftesbury und Buckingham in heftiger und rücksichtsloser Opposition gegen die Regierung verwickelt waren, glaubten sie ihre Intriguen nirgends so sicher und bequem betreiben zu können, wie unter dem Schutze der städtischen Behörden und der Miliz. Shaftesbury wohnte daher in Aldersgate Street, in einem Hause, das noch jetzt an seinen Säulen und guirlandenartigen Verzierungen, dem geschmackvollen Werke Inigo’s, leicht zu erkennen ist. Buckingham hatte seinen Palast unweit Charing Croß, die ehemalige Wohnung der Erzbischöfe von York, niederreißen lassen und während an dieser Stelle neue Straßen und Gassen entstanden, welche noch jetzt seinen Namen führen, zog er es vor, in Dowgate zu wohnen.[85]
[80.] Die ausführlichsten und glaubwürdigsten Aufschlüsse über den damaligen Zustand der Londoner Gebäude findet man auf den Plänen und Zeichnungen im Britischen Museum und in der Pepys’schen Bibliothek. Die schlechte Beschaffenheit der Backsteine, aus denen die alten Häuser von London bestehen, wird auch in den Reisen des Großherzogs Cosmus erwähnt. Einen Bericht über den Bau der St. Paulskirche findet man in Ward’s London Spy. Ich schäme mich fast, derartige schlechte Literatur zu citiren, aber beim Forschen nach Materialien habe ich oft noch tiefer herabsteigen müssen, wenn dies überhaupt möglich ist.
[81.] Evelyn’s Diary, Sept. 20. 1672.
[82.] Roger North’s Life of Sir Dudley North.