[105.] North’s Life of Guildford, 136.
Schlechter Zustand der Landstraßen. [Die] Reisenden und Waaren wurden meist auf den Landstraßen von Ort zu Ort geschafft und diese befanden sich in einem viel schlechteren Zustande, als man es bei dem Grade von Reichthum und Civilisation, den die Nation schon damals erreicht, hätte erwarten sollen. Die besten Verbindungswege hatten tiefe Geleise, steile Abhänge und waren im Dunkeln kaum von den zu beiden Seiten befindlichen Haiden und Sümpfen zu unterscheiden. Der Alterthumsforscher Ralph Thoresby war in Gefahr, sich auf der großen Nordstraße zwischen Barnby Moor und Tuxford zu verirren und verirrte sich wirklich zwischen Doncaster und York.[106] Pepys und seine Gattin, welche mit eigner Equipage reisten, verirrten sich zwischen Newbury und Reading; auf der nämlichen Reise verirrten sie sich noch einmal in der Nähe von Salisbury, wo sie die Nacht fast hätten auf freiem Felde zubringen müssen.[107] Nur bei gutem Wetter konnte die Straße in ihrer ganzen Breite von Räderfuhrwerk benutzt werden. Oft lag tiefer Koth zu beiden Seiten und nur ein schmaler Streifen festen Bodens zog sich zwischen dem Moraste hin.[108] Zu solchen Zeiten gab es häufigen Aufenthalt und Streit, denn die Straße war zuweilen lange von Fuhrleuten versperrt, die einander nicht ausweichen wollten. Es kam fast täglich vor, daß Kutschen stecken blieben, bis ein Ochsenvorspann aus dem nächsten Dorfe herbeigeschafft werden konnte, um sie aus dem Schlamme zu ziehen. In der schlechten Jahreszeit aber hatte der Reisende mit noch viel größeren Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Thoresby, der oft von Leeds nach der Hauptstadt und zurück reisen mußte, hat in seinem Tagebuche eine Reihe von Gefahren und Unfällen aufgezeichnet, die für eine Reise nach dem Eismeere oder durch die Wüste Sahara vollkommen genug sein würden. Einmal erfuhr er, daß zwischen Ware und London die Flüsse ausgetreten waren, daß Reisende sich nur durch Schwimmen gerettet hatten und daß ein Hausirer, der dies, auch hatte versuchen wollen, ums Leben gekommen war. In Folge dieser Nachrichten lenkte er von der Heerstraße ab und ritt über einige Wiesen, wo ihm das Wasser bis an den Sattel ging.[109] Auf einer andren Reise entging er mit knapper Noth der Gefahr, von einer Überschwemmung des Trent hinweggespült zu werden. Später einmal mußte er des schlechten Zustandes der Straße wegen vier Tage in Stamford liegen bleiben und wagte dann die Weiterreise nur in Gesellschaft von vierzehn Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, welche mit Führern und einem zahlreichen Gefolge nach London zum Parlament reisten.[110] Auf den Straßen von Derbyshire waren die Reisenden in steter Gefahr, den Hals zu brechen und mußten oft absteigen und ihre Pferde führen.[111] Die Hauptstraße durch Wales nach Holyhead war in einem solchen Zustande, daß im Jahre 1685 ein Vicekönig, der sich nach Irland begab, fünf Stunden brauchte, um den vierzehn Meilen langen Weg von St. Asaph nach Conway zurückzulegen. Zwischen Conway und Beaumaris mußte er eine große Strecke zu Fuß gehen und seine Gemahlin in einer Sänfte tragen lassen. Sein Wagen konnte ihm nur mit Beihülfe vieler Hände in unverändertem Zustande nachgeschickt werden. In der Regel wurden die Wagen in Conway auseinandergenommen und von kräftigen waleser Landleuten bis ans Ufer der Menaistraße getragen.[112] In einigen Theilen von Kent und Sussex konnten im Winter nur die stärksten Pferde durch den Schlamm kommen, in den sie bei jedem Schritte versanken. Die Märkte mußten deshalb oft mehrere Monate ausgesetzt werden. Es wird erzählt, daß die Feldfrüchte zuweilen an einem Orte unbenutzt verfaulten, während an einem wenige Meilen davon entfernten Orte der Vorrath bei weitem nicht dem Bedarf entsprach. Die Räderfuhrwerke wurden in dieser Gegend meist von Ochsen gezogen.[113] Als der Prinz Georg von Dänemark bei nassem Wetter das prächtige Schloß Petworth besuchte, brauchte er sechs Stunden zu neun Meilen Wegs und mehrere kräftige Männer mußten zu beiden Seiten des Wagens gehen, um denselben zu stützen. Von den Wagen seines Gefolges wurden mehrere umgeworfen und beschädigt. Es existirt noch ein Brief von einem seiner Kammerdiener, worin der gute Mann sich beklagt, daß er in vierzehn Stunden nicht ein einziges Mal ausgestiegen sei, außer wenn sein Wagen umwarf oder im Kothe stecken blieb.[114]
Eine Hauptursache der schlechten Beschaffenheit der Heerstraßen scheint die Mangelhaftigkeit der Gesetze gewesen zu sein. Jedes Kirchspiel war verpflichtet, die durch sein Gebiet führende Chaussee in Stand zu halten. Zu dem Ende mußte jeder Landmann sechs Tage im Jahre unentgeltlich daran arbeiten, und genügte dies nicht, so wurden Arbeiter gemiethet und die Kosten durch freiwillige Beiträge aufgebracht. Daß eine Heerstraße, welche zwei große Städte verbindet, die einen lebhaften und einträglichen Handel mit einander treiben, auf Kosten der zwischen ihnen zerstreuten ländlichen Bevölkerung unterhalten werden soll, ist offenbar unbillig, und diese Unbilligkeit war namentlich bei der großen Nordstraße in die Augen fallend, indem dieselbe durch sehr arme und dünn bevölkerte Districte führte, aber sehr wohlhabende und volkreiche mit einander verband. Es liegt wohl klar am Tage, daß man den Gemeinden von Huntingdonshire nicht zumuthen konnte, eine Straße in Stand zu halten, welche durch den lebhaften Handelsverkehr zwischen dem Westen von Yorkshire und London arg zugerichtet wurde. Bald nach der Restauration erregte dieser Übelstand die Aufmerksamkeit des Parlaments und es wurde eine Verordnung, das erste unserer zahlreichen Chausseegesetze, erlassen, durch welche den Reisenden und Gütern eine kleine Abgabe als Beitrag zu den Unterhaltungskosten dieser wichtigen Verbindungslinie auferlegt ward.[115] Diese Neuerung erregte jedoch heftiges Murren und die übrigen großen Zugänge nach der Hauptstadt blieben daher noch lange unter dem alten Systeme, bis endlich, nicht ohne große Schwierigkeiten, eine Veränderung vorgenommen wurde. Ungerechte und zwecklose Steuern, an die das Volk einmal gewöhnt ist, zahlt es oft williger als eine neue, wenn auch noch so vernünftige Abgabe. Erst nachdem viele Schlagbäume gewaltsam zerstört, in vielen Bezirken die bewaffnete Macht gegen das Volk eingeschritten und viel Blut vergossen worden war, gewann das zweckmäßige System festen Boden.[116] Der Verstand siegte nach und nach über das Vorurtheil und gegenwärtig ist unsre Insel mit einem Netze von dreißigtausend Meilen vortrefflicher Chausseen überzogen.
Auf den besseren Landstraßen wurden zur Zeit Karl’s II. schwere Güter gewöhnlich durch öffentliche Frachtfuhrwerke befördert. In dem Strohe dieser Frachtwagen nistete immer ein Häufchen Passagiere, welche nicht die Mittel hatten, um in einer Kutsche oder zu Pferde zu reisen und die durch Gebrechlichkeit oder durch ihr Gepäck verhindert waren, zu Fuße zu gehen. Die Kosten der Versendung von Frachtgütern auf diesem Wege waren enorm. Von London nach Birmingham betrug die Fracht sieben Pfund, von London nach Exeter zwölf Pfund Sterling für die Tonne.[117] Dies machte pro Tonne etwa fünfzehn Pence auf die Meile, ein Drittel mehr als später auf den besten Chausseen bezahlt wurde, und fünfzehnmal so viel als jetzt die Eisenbahngesellschaften verlangen. Bei manchen nützlichen Gegenständen waren die hohen Frachtkosten so gut wie ein Prohibitivzoll. Besonders Steinkohlen sah man nirgends als in den Districten, wo sie zu Tage gefördert wurden, oder höchstens in den Gegenden, wohin sie zur See gebracht werden konnten, weshalb sie auch im südlichen England allgemein unter dem Namen „Seekohlen“ bekannt waren.
Auf Nebenwegen und namentlich durch das ganze Gebiet nördlich von York und westlich von Exeter wurden die Frachtgüter durch lange Züge von Packpferden befördert. Diese starken und frommen Thiere, deren Schlag jetzt ausgestorben ist, wurden von einer eignen Menschenklasse geführt, welche große Ähnlichkeit mit den spanischen Maulthiertreibern gehabt zu haben scheint. Dem unbemittelten Reisenden war es oft willkommen, wenn er auf einem Packsattel zwischen zwei Waarenballen unter der Obhut dieser kräftigen Führer reisen konnte. Die Kosten dieser Reisegelegenheit waren gering, aber die Karawane ging nur im Schritt und die Kälte war daher im Winter oft nicht zu ertragen.[118]
Die Reichen reisten gewöhnlich in eigenen Wagen und mit wenigstens vier Pferden. Der humoristische Dichter Cotton versuchte es von London nach dem Peakgebirge nur zweispännig zu fahren; in St. Albans aber überzeugte er sich, daß die Reise entsetzlich langweilig werden würde, und er änderte daher seinen Plan. Sechsspännige Equipagen sieht man heutzutage fast nie mehr, außer bei feierlichen Gelegenheiten. Die häufige Erwähnung solcher Equipagen in alten Büchern kann uns leicht zu dem Irrthum führen, diesen Aufwand der Prachtliebe zuzuschreiben, während er in Wirklichkeit nur eine sehr unangenehme Nothwendigkeit war. Zur Zeit Karl’s II. reiste man mit sechs Pferden, weil man mit wenigeren große Gefahr lief, im Kothe stecken zu bleiben. Selbst sechs Pferde waren nicht immer hinreichend. Unter der nächsten Generation beschrieb Vanbrugh mit geistreichem Humor die Reise eines zum Parlamentsabgeordneten gewählten Landedelmanns nach London. Alle Anstrengungen der sechs Pferde, deren zwei vom Pfluge weggenommen waren, vermochten bei dieser Gelegenheit die Familienkutsche nicht dagegen zu schützen, daß sie in den Schlamm gebettet wurde.
[106.] Thoresby’s Diary, Oct. 21, 1680, Aug. 3, 1712.
[107.] Pepys’s Diary, June 12. & 16. 1668.
[108.] Ibid. Feb. 28. 1660.
[109.] Thoresby’s Diary, May 17. 1695.