Diese Art zu reisen, welche der Engländer unserer Tage als unerträglich langsam betrachtet haben würde, dünkte unseren Vorfahren wunderbar, ja erschreckend schnell. In einem wenige Monate vor dem Tode Karl’s II. erschienen Werke werden die Eilkutschen als alle ähnlichen Fuhrwerke, die die Welt je gesehen, weit übertreffend gepriesen. Ganz besonders wird ihre Schnelligkeit gerühmt und triumphirend mit dem Schneckengange der festländischen Posten verglichen. Mit diesen Lobeserhebungen vermischten sich jedoch auch klagende und schmähende Stimmen. Die Einführung der neuen Diligencen hatte in der That die Interessen einiger Klassen beeinträchtigt, und außerdem erhoben, wie immer, Viele aus bloßer Beschränktheit und zäher Anhänglichkeit an das Bestehende, ein lautes Geschrei gegen diese Neuerung, lediglich deshalb, weil es eben eine Neuerung war. Man behauptete mit Heftigkeit, daß eine solche Beförderungsweise der Pferdezucht und der edlen Reitkunst verderblich werden, daß die Themse, welche so lange eine wichtige Schule für Seeleute gewesen sei, aufhören werde, die Hauptfahrstraße von London nach Windsor hinauf und nach Gravesend hinunter zu sein, daß Hunderte von Sattlern und Sporern ruinirt und zahlreiche Gasthöfe, in denen Reisende mit eigenem Geschirr abzusteigen pflegten, veröden und keine Abgaben mehr zahlen würden, daß es in den neuen Wagen im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt sei, daß die Passagiere durch Kranke und durch schreiende Kinder arg belästigt würden, daß die Kutsche zuweilen so spät an Ort und Stelle ankomme, daß man kein Abendessen mehr erhalten, und zuweilen so frühzeitig abfahre, daß man noch kein Frühstück bekommen könne. Aus allen diesen Gründen wurde ganz ernstlich darauf angetragen, daß es keinem öffentlichen Wagen erlaubt sein solle, mehr als vier Pferde vorzuspannen, öfter als ein Mal wöchentlich zu fahren und mehr als dreißig Meilen den Tag zurückzulegen. Man hoffte, daß wenn dieses Regulativ angenommen würde, Jedermann, mit Ausnahme von Kranken und Gebrechlichen, zu der früheren Art des Reisens zurückkehren würde. Petitionen in diesem Sinne von verschiedenen Corporationen der City, von mehreren Provinzialstädten und von den Richtern mehrerer Grafschaften wurden dem Könige im Ministerrathe überreicht. Wir lächeln jetzt über dergleichen Dinge, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß unsere Nachkommen, wenn sie die Geschichte der Opposition lesen, welche die Verbesserungen des neunzehnten Jahrhunderts von Seiten der Habsucht und des Vorurtheils erfahren haben, ebenfalls lächeln werden.[121]
Trotz der Vortheile, welche die Eilkutschen gewährten, pflegten gesunde und kräftige Leute, die nicht viel Gepäck bei sich zu führen brauchten, längere Reisen noch häufig zu Pferde zu machen. War dem Reisenden um schnelles Fortkommen zu thun, so bediente er sich dazu der Postpferde. Auf allen großen Hauptstraßen waren in gemessenen Entfernungen frische Reitpferde und Führer zu bekommen. Jedes Pferd kostete für die Meile drei Pence und vier Pence erhielt der Führer für die Station. Wenn die Wege gut waren, konnte man auf diese Weise eine geraume Zeit so schnell vorwärts kommen, wie durch irgend ein vor der Erfindung der Dampfkraft in England bekanntes Transportmittel. Postchaisen gab es damals noch nicht, auch konnten Diejenigen, welche mit eigener Equipage reisten, in der Regel die Pferde nicht wechseln. Nur der König und die vornehmsten Staatsbeamten konnten Relais bestellen. So reiste Karl gewöhnlich in einem Tage von Whitehall nach Newmarket, ein etwa fünfundfünfzig Meilen langer Weg in durchaus ebener Gegend, und dies galt bei seinen Unterthanen für eine außerordentliche Geschwindigkeit. Evelyn machte diese Reise einmal, in Gesellschaft des Lordschatzmeisters Clifford. Der Wagen ward von sechs Pferden gezogen, welche zuerst in Bishop Stortford und dann noch einmal in Chesterford gewechselt wurden. Die Reisenden erreichten Newmarket in der Nacht. Eine solche Art zu reisen scheint jedoch als ein nur Fürsten und Ministern zustehender Luxus betrachtet worden zu sein.[122]
[119.] Anthony à Wood’s Life of himself.
[120.] Chamberlayne’s State of England, 1684. Man sehe auch das Verzeichniß der öffentlichen Personen- und Frachtwagen am Schlusse des Buches, betitelt Angliae Metropolis, 1690.
[121.] John Cresset’s Reasens for suppressing Stage Coaches, 1672. Diese Gründe wurden später in einer Abhandlung betitelt: The Grand Concern of England explained, 1673, aufgenommen. Cresset’s Angriff gegen die Diligencen rief einige Erwiderungen hervor, die mir vorgelegen haben.
[122.] Chamberlayne’s State of England, 1684. North’s Examen, 105, Evelyn’s Diary, Oct. 9, 10. 1871.
Straßenräuber. [Mochte] man indeß reisen wie man wollte, stets war man der Gefahr ausgesetzt, angefallen und beraubt zu werden, wenn man nicht in zahlreicher und wohlbewaffneter Gesellschaft reiste. Der berittene Straßenräuber, den unsre Generation nur noch aus Büchern kennt, war auf jeder Hauptstraße zu finden, ganz besonders aber hausten diese Banditen auf den öden Strecken, welche zur Seite der großen Chausseen unweit London lagen. Am berüchtigtsten in dieser Beziehung waren vielleicht die Hounslow-Haide an der großen Weststraße und der Finchley-Anger an der großen Nordstraße. Die Studenten von Cambridge zitterten selbst am hellen Tage, wenn sie sich dem Eppingwalde näherten. Seeleute, welche eben in Chatham ihren Sold ausgezahlt bekommen hatten, mußten häufig ihre Börsen bei Gadshill herausgeben, welcher Ort hundert Jahre früher von dem größten aller Dichter als Schauplatz der Missethaten Poins’ und Fallstaff’s gefeiert worden war. Die Behörden schienen oft nicht zu wissen, wie sie die Räuber behandeln sollten. Einmal wurde in der Gazette angekündigt, daß mehrere Personen, welche stark im Verdachte des Straßenraubes ständen, gegen die aber keine genügenden Beweise vorlägen, in Newgate in Reitkleidern zur Schau ausgestellt werden sollten; auch sollten ihre Pferde gezeigt werden und alle Gentlemen, welche kürzlich ausgeplündert worden, waren eingeladen, die sonderbare Ausstellung in Augenschein zu nehmen. Ein andermal wurde einem Räuber öffentlich Straflosigkeit zugesichert, wenn er einige ungeschliffene Diamanten von ungeheurem Werthe herausgebe, die er bei einem Überfalle der Harwicher Eilpost entwendet hatte. Kurze Zeit darauf erschien eine andre Bekanntmachung, in der den Gasthaltern bedeutet wurde, daß die Regierung ein wachsames Auge auf sie habe, indem ihr verbrecherisches Einverständniß mit den Banditen es diesen möglich mache, die Heerstraßen ungestraft zu beunruhigen. Daß dieser Verdacht nicht ungegründet war, beweisen die letzten Geständnisse einiger reuiger Straßenräuber jener Zeit, denen die Wirthe offenbar ähnliche Dienste geleistet hatten, wie Farquhar’s Bonifaz dem Gibbet leistete.[123]
Um das gefährliche Handwerk mit Erfolg und Sicherheit betreiben zu können, mußte der Straßenräuber ein kühner und gewandter Reiter und sein Äußeres und sein Benehmen von der Art sein, wie man es von dem Besitzer eines schönen Pferdes erwartete. Er nahm daher in der Gemeinschaft der Diebe einen hohen Rang ein, besuchte die elegantesten Kaffee- und Spielhäuser und wettete auf der Rennbahn mit vornehmen Männern.[124] Zuweilen war er auch wirklich von guter Herkunft und Bildung. Es knüpfte sich daher und knüpft sich vielleicht jetzt noch ein romantisches Interesse an die Namen der Freibeuter dieser Klasse. Der große Hause war ganz versessen auf die Geschichtchen von ihrer Wildheit und Verwegenheit, von gelegentlichen Acten der Großmuth und Gutherzigkeit, von ihren Liebschaften, ihren wunderbaren Entweichungen, ihren verzweifelten Kämpfen und ihrem männlichen Benehmen vor Gericht und auf dem Karren. So wurde von Wilhelm Nevison, dem großen Räuber von Yorkshire, erzählt, daß er von allen Viehhändlern des Nordens eine bestimmte Abgabe erhob, wogegen er nicht allein selbst sie verschonte, sondern sie auch gegen alle anderen Räuber schützte, daß er die Börsen auf die höflichste Manier abforderte, von dem, was er den Reichen genommen, den Armen reichlich gab, daß die königliche Gnade ihm einmal das Leben schenkte, daß er aber dessenungeachtet wiederholt sein Glück versuchte und endlich im Jahre 1685 in York am Galgen starb.[125] Es wurde ferner erzählt, wie Claude Duval, der französische Page des Herzogs von Richmond, daß Räuberhandwerk ergriff, der Hauptmann einer gefürchteten Bande wurde und die Ehre hatte, in einem königlichen Erlasse gegen berüchtigte Missethäter zuerst genannt zu werden; wie er an der Spitze seiner Schaar den Wagen einer Dame anhielt, in welchem er eine Beute von vierhundert Pfund fand, von denen er nur hundert nahm und die übrigen dreihundert der schönen Eigenthümerin unter der Bedingung ließ, daß sie dafür mit ihm einen Coranto auf der Haide tanzte; wie er durch seine feurige Galanterie die Herzen aller Frauen gewann, wie seine Geschicklichkeit im Gebrauche der Waffen ihn zum Schrecken aller Männer machte und wie er endlich im Jahre 1670 im Weinrausch ergriffen ward; wie vornehme Damen ihn im Gefängniß besuchten und sich mit Thränen für sein Leben verwendeten; wie der König ihn auch begnadigt haben würde, hätte der Richter Morton, der Schrecken aller Straßenräuber, nicht Einsprache dagegen erhoben und gedroht, sein Amt niederzulegen, wenn man dem Gesetze nicht seinen Lauf lasse, und wie nach der Hinrichtung der Leichnam mit allem Gepränge von Wappenschildern, Wachskerzen, Trauerbehängen und stummen Wächtern zur Parade ausgestellt wurde, bis der nämliche herzlose Richter, der sich der Gnade des Königs widersetzt, Beamte abschickte, um die Todtenfeier zu stören.[126] Gewiß hat die Phantasie starken Antheil an diesen Anekdoten, aber sie verdienen deshalb nicht minder erwähnt zu werden, denn es ist eine ebenso authentische als bedeutungsvolle Thatsache, daß solche Erzählungen, mochten sie nun wahr oder unwahr sein, bei unseren Vorfahren ein bereitwilliges und gläubiges Ohr fanden.
[123.] Siehe die London Gazette vom 14. Mai 1677, vom 4. Aug. 1687 und vom 5. Dec. 1687. Die letzte Beichte Augustin King’s, welcher der Sohn eines ausgezeichneten Theologen und in Cambridge erzogen war, aber im März 1688 zu Colchester gehängt wurde, ist höchst interessant.