[177.] Vierzehnter Bericht der Armengesetz-Commission, Anhang B, Nr. 2, Anhang C, Nr. 1, 1848. Von den beiden oben erwähnten Schätzungen war die eine von Arthur Moore, die andre, einige Jahre später vorgenommene von Richard Dunning. Moore’s Schätzung findet man in Davenant’s Essay on Ways and Means, die Dunning’sche in Sir Friedrich Eden’s werthvollem Werke über die Armen. King und Davenant schätzen die Armen und Bettler im Jahre 1696 auf die unglaubliche Zahl von 1,330,000 bei einer Bevölkerung von 5½ Millionen. Im Jahre 1846 belief sich nach den amtlichen Listen die Zahl Derer, welche Unterstützung erhielten, nur auf 1,332,089 bei einer Bevölkerung von ungefähr 17 Millionen. Hierbei ist auch zu bemerken, daß in den amtlichen Listen ein Armer sehr leicht mehr als einmal gezählt wird. — Ich möchte dem Leser rathen, De Foe’s Flugschrift, betitelt: Giving Alms no Charity, zu lesen und die Listen von Greenwich in M’Culloch’s Commercial Dictionary unter dem Artikel Prices nachzusehen.

Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation dem gemeinen Volke brachten. [Die] Fortschritte des Landbaues und die Zunahme der Bevölkerung mußten den Landmann dieser Vortheile nothwendig berauben; dafür aber läßt sich eine lange Liste anderer Vortheile anführen. Ein großer Theil der Segnungen, welche Civilisation und wissenschaftliche Bildung in ihrem Gefolge haben, kommt allen Ständen zu Gute und würde im Fall der Entziehung von dem Arbeiter eben so schmerzlich vermißt werden, als von dem Peer. Der Marktort, den der Bauer mit seinem Karren jetzt in einer Stunde erreichen kann, war vor hundertsechzig Jahren eine Tagereise weit entfernt. Die Straße, die dem Handwerker jetzt die ganze Nacht hindurch einen sicheren, bequemen und glänzend erleuchteten Spaziergang darbietet, war vor hundertsechzig Jahren nach Sonnenuntergang so dunkel, daß er die Hand nicht vor den Augen hätte sehen können, so schlecht gepflastert, daß er beständig in Gefahr geschwebt hätte, den Hals zu brechen, und so schlecht bewacht, daß er keinen Augenblick sicher gewesen wäre, überfallen und seines kleinen Verdienstes beraubt zu werden. Jeder Maurer, der von einem Gerüste herabfällt, jeder Gassenkehrer, der von einem Wagen überfahren wird, hat jetzt die Gewißheit, daß seine Wunden so zweckmäßig verbunden und seine Glieder so geschickt eingerichtet werden, wie es vor hundertsechzig Jahren ein vornehmer Lord wie Ormond, oder ein Handelsfürst wie Clayton für all’ seinen Reichthum nicht haben konnte. Manche schreckliche Krankheiten sind durch die Wissenschaft ausgerottet, manche andere durch polizeiliche Maßregeln beseitigt worden. Die Dauer des menschlichen Lebens hat sich im ganzen Königreiche und namentlich in den Städten verlängert. Das Jahr 1685 galt für kein ungesundes, und doch starb in diesem Jahre mehr als einer von dreiundzwanzig Bewohnern der Hauptstadt.[178] Gegenwärtig stirbt erst von vierzig Einwohnern der Hauptstadt im Jahre einer. Der Unterschied in gesundheitlicher Beziehung zwischen dem London des neunzehnten und dem London des siebzehnten Jahrhunderts ist weit größer als der zwischen dem heutigen London in gewöhnlicher Zeit und zur Cholerazeit.

Noch wichtiger sind die Vortheile, welche allen Klassen der Gesellschaft, und namentlich den niederen durch den mildernden Einfluß der Civilisation auf den Nationalcharacter erwachsen sind. Der Grundzug desselben ist allerdings viele Menschenalter hindurch insofern der nämliche geblieben, als man überhaupt sagen kann, daß der allgemeine Character des Einzelnen, nachdem er ein gebildeter und verständiger Mann geworden, noch derselbe ist als zu der Zeit, da er ein unerfahrener und gedankenloser Schulknabe war. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß der englische Volksgeist, während er gereift ist, sich zugleich auch gemildert hat und daß wir im Laufe der Zeit nicht nur ein weiseres, sondern auch ein sanfteres Volk geworden sind. Es giebt kaum ein Blatt der Geschichte oder der leichteren Literatur des siebzehnten Jahrhunderts, welches nicht einen Beleg dafür enthielte, daß unsere Vorfahren weniger human waren als ihre Nachkommen es sind. In den Werkstätten, in den Schulen und in den Familien herrschte eine ungleich strengere, obwohl keineswegs wirksamere Zucht als gegenwärtig. Dienstherren von guter Herkunft und Erziehung pflegten ihre Untergebenen zu schlagen; Lehrer und Erzieher kannten kein andres Mittel, um ihren Zöglingen Kenntnisse beizubringen, als Schläge, und Ehemänner ganz achtbaren Standes schämten sich nicht, ihre Gattinnen zu schlagen. Die Erbitterung feindlicher Parteien war so heftig, daß wir es kaum begreifen können. Whigs murrten darüber, daß man Stafford sterben ließ, ohne vorher seine Eingeweide vor seinen Augen zu verbrennen. Tories schmähten und insultirten Russell, als er vom Tower nach dem Richtplatze in Lincoln’s Inn Fields fuhr.[179] Eben so wenig Mitleid zeigte der Pöbel gegen Verurtheilte niederen Standes. Ein Verbrecher, der an den Pranger gestellt wurde, konnte von Glück sagen, wenn er unter dem Hagel von Ziegel und Pflastersteinen mit dem Leben davon kam.[180] Wenn er an den Karren angebunden wurde, um gestäupt zu werden, drängte sich der Haufe um ihn und ermahnte den Henker, ihm tüchtig aufzuzählen, damit er ordentlich heulte.[181] Gentlemen unternahmen an Gerichtstagen Lustfahrten nach Bridgewell, um die unglücklichen Weiber auspeitschen zu sehen, welche dort Hanf brechen mußten.[182] Ein Mann, der zu Tode gepreßt wurde, weil er sich weigerte, vor Gericht zu antworten, oder eine Frau, die wegen Falschmünzerei verbrannt wurde, erregten weniger Theilnahme als jetzt ein wundgeriebenes Pferd oder ein übermäßig angestrengter Ochse; Kämpfe, im Vergleich mit denen ein Boxerkampf ein edles und humanes Schauspiel ist, gehörten zu den Lieblingsbelustigungen eines großen Theiles der Bewohner. Massen von Zuschauern versammelten sich, um Gladiatoren einander mit tödtlichen Waffen in Stücke hauen zu sehen und brachen in Jubelgeschrei aus, wenn einer der Kämpfer einen Finger oder ein Auge verlor. Die Gefängnisse waren irdische Höllen, Herde aller nur denkbaren Laster und Krankheiten. Bei den Assisen brachten die abgezehrten und leichenhaft aussehenden Angeklagten aus ihren Kerkern einen Pestgestank mit in das Gerichtszimmer, der sie zuweilen an den Richtern, Anwälten und Geschwornen empfindlich rächte. Aber gegen all’ dieses Elend blieb die Gesellschaft vollkommen gleichgültig. Nirgends fand man die mitleidige, nie ruhende Theilnahme, welche in unsrer Zeit dem Kinde in den Fabriken, wie der Hinduwittwe und dem Negersklaven einen kräftigen Schutz gewährt, die die Mundvorräthe und Wasserfässer jedes Auswandererschiffes untersucht, der jeder Peitschenhieb auf den Rücken eines betrunkenen Soldaten weh thut, die es nicht dulden will, daß der Dieb auf den Gefangnenschiffen schlecht genährt oder übermäßig angestrengt wird und die sich wiederholt selbst für das Leben des Mörders verwendet hat. Allerdings muß, wie jedes andre Gefühl, das Mitleid unter der Oberherrschaft der Vernunft bleiben und es hat, wenn es sich von dieser Herrschaft lossagt, schon oft nachtheilige und selbst beklagenswerthe Folgen gehabt. Aber je genauer wir die Annalen der Vergangenheit studiren, um so freudiger werden wir erkennen, daß wir in einem Zeitalter des Erbarmens leben, in einem Zeitalter, in welchem jede Grausamkeit verabscheut und selbst wohlverdienter Schmerz nur mit Widerwillen und lediglich aus Pflichtgefühl zugefügt wird. Durch diese große sittliche Veränderung hat unzweifelhaft jede Klasse viel gewonnen, am meisten aber die ärmste, die abhängigste und wehrloseste Klasse.

[178.] Die Zahl der Todesfälle betrug 23,222. — Petty’s Political Arithmetic.

[179.] Burnet I. 560.

[180.] Muggleton’s Acts of The Witnesses of the Spirit.

[181.] Tom Browne schildert eine solche Scene in Worten, die ich nicht anzuführen wage.

[182.] Ward’s London Spy.

Täuschung, welche die Menschen verleitet, das Glück früherer Geschlechter zu überschätzen. [Das] Gesammtergebniß der dem Leser vorgeführten Thatsachen dürfte kaum zweifelhaft sein. Trotz der augenfälligsten Beweise aber werden sich noch immer Viele das England der Stuarts als ein glücklicheres Land vorstellen als das England ist, in dem wir leben. Es mag auf den ersten Blick sonderbar scheinen, daß eine Gesellschaft, die mit rastloser Eil vorwärts schreitet, dennoch beständig mit schmerzlicher Sehnsucht zurückblickt. Aber wie unvereinbar diese beiden Neigungen auch scheinen mögen, so lassen sie sich doch leicht auf gleichen Ursprung zurückführen. Beide entspringen aus unsrer Unzufriedenheit mit dem Zustande, in dem wir uns eben befinden, und diese Unzufriedenheit spornt uns an, vergangene Generationen zu überflügeln, verleitet uns aber zu gleicher Zeit auch, ihr Glück zu überschätzen. In gewissem Sinne ist es thöricht und undankbar von uns, daß wir beständig unzufrieden sind mit einem Zustande, der sich beständig bessert. Aber eben weil beständige Unzufriedenheit herrscht, findet beständige Besserung statt. Wenn wir mit der Gegenwart vollkommen zufrieden wären, würden wir aufhören zu sinnen, zu arbeiten und in Hinblick auf die Zukunft zu sparen. Da uns aber die Gegenwart nicht befriedigt, ist es auch natürlich, daß wir eine zu günstige Meinung von der Vergangenheit haben.