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[3. Kapitel]
[Tod Karl’s II.][5]
[Verdacht der Vergiftung][13]
[Rede Jakob’s II. an den Geheimen Rath][14]
[Ausrufung Jakob’s][15]
[Stand des Ministeriums][16]
[Neue Anordnungen][17]
[Sir Georg Jeffreys][18]
[Erhebung der Kroneinnahmen ohne Parlamentsacte][22]
[Einberufung eines Parlaments][23]
[Verhandlungen zwischen Jakob und dem König von Frankreich][23]
[Churchill als Gesandter nach Frankreich geschickt][25]
[Seine Geschichte][25]
[Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England][27]
[Innerer Kampf Jakob’s II.][31]
[Schwankungen seiner Politik][31]
[Öffentliche Ausübung des katholischen Ritus in Jakob’s Palast][33]
[Jakob’s Krönung][34]
[Enthusiastische Adresse der Tories][36]
[Die Wahlen][37]
[Prozeß gegen Oates][41]
[Prozeß gegen Dangerfield][44]
[Prozeß gegen Baxter][45]
[Zusammentritt des schottischen Parlaments][48]
[Gesinnungen Jakob’s gegen die Puritaner][49]
[Grausame Behandlung der schottischen Covenanters][50]
[Stimmung Jakob’s gegen die Quäker][53]
[Wilhelm Penn][55]
[Besondere Bevorzugung der Katholiken und Quäker][57]
[Zusammenkunft des englischen Parlaments][59]
[Trevor zum Sprecher gewählt][59]
[Seymour’s Character][59]
[Rede des Königs an das Parlament][60]
[Debatte bei den Gemeinen. — Rede Seymour’s][61]
[Bewilligung des Einkommens][62]
[Verhandlungen der Gemeinen hinsichtlich der Religion][62]
[Bewilligung nachträglicher Steuern][63]
[Sir Dudley North][63]
[Verhandlungen der Lords][64]
[Bill zur Aufhebung der Verurtheilung Stafford’s][65]

Tod Karl’s II. [Der] Tod Karl’s II. war der Nation überraschend. Er besaß eine kräftige Constitution und schien nicht durch Ausschweifungen gelitten zu haben. Bei seinen Vergnügungen ließ er nie die Rücksicht auf die Gesundheit aus den Augen, und seine Gewohnheiten berechtigten zur Erwartung eines langen Lebens und rüstigen Greisenalters. Wie träge er auch immer da erschien, wo Anstrengung des Geistes nöthig war, in körperlichen Übungen war er lebhaft und ausdauernd. Er war in seiner Jugend ein rühmlich bekannter Ballspieler gewesen,[1] und noch im höheren Lebensalter ein unermüdlicher Fußgänger von so außergewöhnlichem Schritt, daß Diejenigen, denen die Ehre seines Umgangs zu Theil wurde, Mühe hatten, mit ihm fortzukommen. Er verließ sehr zeitig das Bett und bewegte sich regelmäßig drei bis vier Stunden in der freien Luft. Ehe noch der Thau von dem Grase des St. James-Parks verschwunden war, sah man ihn schon unter den Bäumen lustwandeln und mit seinen Wachtelhunden spielen, oder den Enten Korn vorwerfen, und diese Beschäftigungen machten ihn beim gemeinen Volke sehr beliebt, welches immer die Mächtigen gern bei ihren zwanglosen Erholungen beobachtet.[2]

Endlich — es war gegen den Schluß des Jahres 1684 — traf ihn ein leichter Anfall, wie man glaubte, von Gicht, wodurch es ihm unmöglich wurde, seine gewöhnlichen Ausflüge vorzunehmen und er die Morgenstunden in seinem Laboratorium zubrachte, beschäftigt mit Experimenten über die Natur des Quecksilbers. Auf seine Gemüthsstimmung schien dieses Abgeschlossensein eine ungünstige Wirkung zu äußern. Es bestand keine gerechtfertigte Ursache zur Unruhe, das Königreich war beruhigt, es drückte ihn kein Geldmangel, seine Macht war bedeutender als jemals, die Partei, welche ihm so oft im Wege stand, war vernichtet, aber die Fröhlichkeit, welche ihn auch bei dem traurigsten Geschick nicht gänzlich verlassen, war in dieser Zeit des Glücks von ihm gewichen. Ein unbedeutendes Ereigniß vermochte jetzt die elastischen Lebensgeister niederzuhalten, welche gegen Niederlage, Verbannung und Dürftigkeit angestrebt hatten. Seine Reizbarkeit verrieth sich oft durch Mienen und Äußerungen, wie man sie von einem durch heitere Laune und seine Bildung bekannten Manne kaum erwarten konnte, man hatte jedoch keine Ahnung, daß seine Gesundheit ernstlich angegriffen sei.[3]

Selten hatte sein Palast einen lustigeren oder auch unanständigeren Anblick geboten, als am Sonntag Abend den 1. Februar 1685.[4] Einige würdige Personen, welche nach der Sitte jener Zeit nach Hofe gingen, um dem Souverain ihre Ehrfurcht zu beweisen, und an diesem Tage daselbst ein anständiges Aussehen erwarteten, wurden von Erstaunen und Abscheu erfüllt. Die große Halle von Whitehall, ein herrlicher Überrest der Pracht der Tudors, war gedrängt voller Schwelger und Spieler. Darunter saß der König, plaudernd und scherzend mit drei Frauen, deren Reize der Stolz und deren Verdorbenheit die Schande dreier Nationen waren. Es war dabei Barbara Palmer, Herzogin von Cleveland, zwar nicht mehr jung, aber noch jetzt mit Spuren jener wunderbaren, üppigen Reize begabt, welche vor zwanzig Jahren ihr die Herzen aller Männer gewannen; dann die Herzogin von Portsmouth, deren sanfte, feine Züge von französischer Lebhaftigkeit überflogen waren. Hortensia Manzini, Herzogin von Mazarin und Nichte des berühmten Cardinals schloß die Gruppe. Man hatte sie in früher Jugend aus ihrem Geburtslande Italien nach dem Hofe gebracht, wo ihr Oheim herrschte. Die Macht desselben und ihre Reize hatte eine Menge vornehmer Freier um sie gesammelt, und Karl selbst hatte während seines Exils ohne Erfolg um ihre Hand geworben. Keine Gabe der Natur und des Glücks schien ihr versagt zu sein. Ihr Antlitz zeigte die vollendete Schönheit des Südens, ihr Verstand war lebhaft, ihr Benehmen liebenswürdig, ihr Stand hocherhaben und ihre Besitzungen von ungeheurer Größe; aber ihre wilden Leidenschaften hatten all diesen Segen in Fluch verwandelt. Sie hatte die Beschwerden einer unglücklichen Ehe unerträglich gefunden, war dem Gemahl entflohen, hatte ihre Reichthümer im Stiche gelassen, und nachdem sie Rom und Piemont durch ihre Abenteuer in Verwunderung gesetzt, ihren Aufenthalt in England genommen. Ihr Haus war der Lieblingsaufenthalt von witzigen und lebenslustigen Männern, welche um ihres Lächelns und ihrer Tafel willen oftmalige Ausbrüche von Übermuth und Launenhaftigkeit sich gefallen ließen. Rochester und Godolphin erholten sich oft in ihrer Gesellschaft von den Sorgen der Regierung, Barillon und St. Evremond trösteten sich durch den Umgang mit ihr über die lange Verbannung von Paris; Vossius’ Gelehrsamkeit und Waller’s Geistesreichthum waren eifrig bemüht ihr zu schmeicheln und Unterhaltung zu verschaffen; aber ihr krankes Gemüth verlangte kräftigere Aufregungsmittel. Sie suchte dieselben in Liebschaften, Basset und irländischem Gewürzbranntwein.[5] Während Karl mit seinen drei Sultaninnen scherzte, trällerte Hortensia’s französischer Page, ein hübscher Knabe, dessen Gesangsleistungen ganz Whitehall bezauberten und durch häufige Geschenke von schönen Kleidern, kleinen Pferden und Guineen belohnt wurden, verliebte Lieder.[6] Um eine große Tafel saßen eine Anzahl von zwanzig Hofherren vor mächtigen Goldhaufen und spielten Karten.[7] Schon damals beklagte sich der König über ein leichtes Unwohlsein, er hatte keinen Appetit zum Abendessen und eine ruhelose Nacht, stand aber am nächsten Morgen nach seiner Gewohnheit frühzeitig auf.

Auf diesen Morgen hatten die streitenden Factionen des Geheimen Rathes seit mehreren Tagen mit ängstlicher Erwartung hingeblickt. Der Kampf zwischen Halifax und Rochester schien sich einem entscheidenden Wendepunkte zu nähern. Halifax, nicht zufrieden, seinen Nebenbuhler bereits vom Schatzamte verdrängt zu haben, war entschlossen, den Beweis zu führen, daß derselbe sich einer solchen Unredlichkeit oder Nachlässigkeit in der Finanzverwaltung schuldig gemacht, welche nothwendig mit Entfernung aus dem Staatsdienste geahndet werden müsse. Man flüsterte sich sogar zu, der Lord Präsident würde vermuthlich in den Tower gebracht werden. Der König hatte eine Untersuchung dieser Sache versprochen, und der zweite Februar war dazu bestimmt; mehrere Finanzbeamte sollten sich mit ihren Büchern an diesem Tage einfinden[8] — aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. —

Kaum hatte Karl sein Lager verlassen, als die aufwartenden Personen bemerkten, daß seine Aussprache undeutlich und seine Gedanken verwirrt und unstät zu sein schienen. Mehrere hochgestellte Männer hatten sich, wie es üblich war, eingefunden, um ihren Herrn rasiren und ankleiden zu sehen. Er machte eine Anstrengung, mit ihnen in seiner gewöhnlichen heiteren Manier sich zu unterhalten, aber sein verstörtes Aussehen bestürzte und ängstigte sie. Bald darauf wurde sein Antlitz schwarz, er verdrehte die Augen, schrie laut auf, taumelte und sank in die Arme des Thomas Lord Bruce, Sohnes des Earls von Ailesbury. Zufällig war der Arzt in der Nähe, dem die Sorge für des Königs Schmelztiegel und Retorten oblag, dieser öffnete in Ermangelung einer Lanzette mit dem Federmesser eine Ader, das Blut floß ungehindert, aber der König war noch immer ohne Bewußtsein.

Man brachte ihn auf sein Bett, wo sich die Herzogin von Portsmouth eine Zeit lang mit der Vertraulichkeit einer Gattin über ihn hinneigte. Aber schon war Lärm geworden. Die Königin und die Herzogin von York eilten herbei und nöthigten die begünstigte Favorite, sich in ihre Zimmer zurückzuziehen. Diese Gemächer waren von ihrem Geliebten zu Befriedigung ihrer Launen dreimal niedergerissen und dreimal wieder aufgebaut worden. Selbst das Geräth des Kamins war aus massivem Silber gearbeitet. Verschiedene prachtvolle Gemälde, eigentlich der Königin gehörig, waren in die Zimmer der Maitresse gebracht worden. Die Seitentische waren mit dem kostbarsten Silbergeräth bedeckt. In den Nischen standen Kästchen, welche Meisterwerke japanischer Geschicklichkeit waren. Auf den Vorhängen, welche eben von den Pariser Webstühlen kamen, befanden sich in Farben, welche keine englische Kunst nachzuahmen verstand, Vögel mit dem prachtvollsten Gefieder, Landschaften, Jagdbilder, die wunderschöne Terrasse von Saint-Germain, die Statuen und Fontainen von Versailles dargestellt.[9] Und mitten in dieser durch Schuld und Schmach erworbenen Pracht gab das unglückliche Weib sich dem tiefsten Kummer hin, welcher, um gerecht zu sein, nicht ganz selbstsüchtig war.