Jetzt wurden die Pforten von Whitehall, welche in der Regel allen Kommenden offen standen, geschlossen. Nur bekannten Personen wurde der Eintritt bewilligt. Die Vorzimmer und Gallerien waren bald darauf überfüllt, und selbst im Krankenzimmer drängten sich Pairs, Geheime Räthe und fremde Gesandte. Alle Ärzte von Ruf in London wurden herbeigeholt. Man kann sich einen Begriff von der politischen Erbitterung machen, wenn man erfährt, daß die Anwesenheit einiger whiggistisch gesinnter Ärzte als ein höchst auffallender Umstand betrachtet wurde.[10] Ein damals durch seine Geschicklichkeit sehr berühmter katholischer Arzt, Doctor Thomas Short, war zugegen. Verschiedene von den verordneten Recepten sind auf unsere Zeit gekommen, eines davon ist von vierzehn Ärzten unterzeichnet. Man ließ dem Patienten reichlich zur Ader, brachte glühendes Eisen an seinen Kopf und füllte ihm ein ekelhaftes, flüchtiges Salz ein, welches aus Menschenschädeln präparirt war. Die Besinnung kehrte zurück, aber der Zustand des Kranken war offenbar ein äußerst gefährlicher.

Eine Zeit lang pflegte ihn die Königin unverdrossen, und der Herzog von York wich kaum einen Augenblick vom Bette seines Bruders. Der Primas und vier andere Bischöfe, welche damals in London waren, blieben den ganzen Tag in Whitehall und wachten abwechselnd während der Nacht in dem Zimmer des Königs. Die Kunde von seiner Krankheit erregte in der Hauptstadt Angst und Sorge, denn sein freundliches Gemüth und leutseliges Wesen hatten ihn bei der Mehrzahl des Volkes beliebt gemacht, und Diejenigen, welche nicht eben günstig für ihn gesinnt waren, zogen doch seinen charakterlosen Leichtsinn der strengen und finstren Bigotterie seines Bruders vor.

Am Morgen des Donnerstag, den 5. Februar, machte die Londoner Gazette bekannt, daß das Befinden Sr. Majestät sich zusehends bessere und die Ärzte die Gefahr für beseitigt hielten. Fröhliches Glockengeläute ertönte von den Thürmen und in den Straßen wurden Vorbereitungen zu einer Erleuchtung getroffen; jedoch am Abend verbreitete sich die Nachricht, daß ein Rückfall stattgefunden habe und von den Ärzten alle Hoffnung aufgegeben worden sei. Alles war in heftiger Aufregung, doch zeigte sich nirgends Neigung zu Aufruhr. Der Herzog von York, welcher es schon übernommen hatte, Befehle zu ertheilen, erkannte durch eigene Anschauung, daß die Stadt vollkommen ruhig sei und daß er ohne Mühe zum König ausgerufen werden könne, sobald sein Bruder die Augen schloß.

Der König fühlte große Schmerzen und klagte darüber, daß er die Empfindung habe, als ob Feuer in seinem Innern brenne, ertrug jedoch seine Leiden mit einer Ergebung, welche seiner weichlichen, üppigen Gemüthsart nicht angemessen schien. Die Königin war vom Anblick seines trostlosen Zustandes so tief erschüttert, daß sie ohnmächtig wurde und man sie besinnungslos nach ihren Zimmern bringen mußte. Die anwesenden Prälaten hatten schon anfangs ihn ermahnt, an den Tod zu denken, jetzt hielten sie es für ihre Pflicht, ihn noch dringlicher daran zu mahnen. Der Erzbischof von Canterbury, Wilhelm Sancroft, ein redlicher, frommer, wenn auch etwas beschränkter Mann, sprach ohne alle Rücksichten. „Es ist jetzt Zeit, offenherzig zu sein,“ sagte er, „denn Sie sind im Begriff, Sire, vor einen Richter zu treten, bei dem kein Ansehen der Person gilt.“ Der König erwiderte kein Wort.

Jetzt begann Thomas Ken, Bischof von Bath und Wells, seine Überredungskunst zu versuchen. Er war ein talentvoller, gelehrter Mann, von feinem Tact und begründeter Tugend. Seine größeren Werke sind längst vergessen, aber seine Morgen- und Abendhymnen werden noch täglich in Tausenden von Wohnungen wiederholt. Obgleich er wie fast alle seine Standesgenossen, vollkommen monarchisch gesinnt war, hatte er sich doch nie als Schmeichler gezeigt, und bevor er Bischof wurde, seine geistliche Würde dadurch gewahrt, daß er bei Anwesenheit des Hofes zu Winchester sich weigerte, Eleonore Gwynn in dem Hause, welches er damals als Priester innehatte, Wohnung zu geben.[11] Der König war vernünftig genug, einen so kräftigen Geist zu achten, unter allen Prälaten war er Ken am meisten zugethan, trotzdem aber blieb die eifrige Beredtsamkeit des guten Bischofs ohne den gewünschten Erfolg. Seine feierliche und ergreifende Rede rief unter den Umstehenden eine so hohe Ehrfurcht und Zerknirschung hervor, daß einige derselben glaubten, derselbe Geist sei über ihn gekommen, welcher durch den Mund des Nathan und Elias sündige Fürsten zur Buße ermahnte. Karl jedoch blieb ungerührt. Er duldete zwar, daß ihm das Gebet von der Heimsuchung der Kranken vorgelesen wurde, und erwiderte auf die dringenden Fragen der Geistlichen, daß er seine Sünden bereue, gestattete auch, daß die Absolution nach dem Ritus der englischen Kirche über ihn gesprochen wurde; als man ihn aber aufforderte, laut zu erklären, daß er im Schooße dieser Kirche sterben wolle, schien er diese Worte nicht zu verstehen, und nichts konnte ihn dahin bringen, das Abendmahl aus der Hand der Bischöfe zu empfangen. Man brachte einen Tisch mit Brod und Wein an sein Lager; es war aber Alles vergeblich. Einmal sagte er, es habe keine Eile, und dann, er sei zu schwach.

Viele hielten diese Gleichgültigkeit für eine Verachtung göttlicher Dinge, Andere für Stumpfsinn, welcher bisweilen dem Tode vorausgeht. Es befanden sich jedoch im Palaste einige Personen, welche den Grund besser kannten. Karl war niemals ein aufrichtiger Bekenner der Staatskirche gewesen, er hatte lange zwischen Hobbismus und Papismus geschwankt. Bei gesundem Körper und frohem Lebensmuthe war er Spötter, und in den wenigen ernsten Augenblicken seines Lebens Katholik. Der Herzog von York wußte das, er war jedoch mit der Sorge für seine eigenen Angelegenheiten zu sehr beschäftigt. Er hatte befohlen, die Häfen zu schließen und Detachements der Garden auf verschiedenen Punkten der Stadt aufzustellen. Ebenso war es ihm gelungen, die mit zitternder Hand geführte Unterschrift des sterbenden Königs unter ein Dokument zu erhalten, wodurch einige, nur bis zum Thronwechsel bewilligte Zölle auf fernere drei Jahre verpachtet wurden. Diese Angelegenheiten beschäftigten Jakob so ausschließlich, daß er, der sonst keine Gelegenheit vorüberließ, durch unzeitigen und rücksichtslosen Eifer seiner Kirche Proselyten zu gewinnen, jetzt nicht daran dachte, daß sein Bruder Gefahr laufe, ohne die letzten Sakramente aus der Welt zu scheiden. Diese Saumseligkeit war um so unbegreiflicher, da die Herzogin von York auf die Bitte der Königin an dem Morgen, wo der König erkrankte, darauf aufmerksam gemacht hatte, wie nothwendig es sein möchte, für geistliche Beihülfe Sorge zu tragen. Diesen Beistand empfing Karl durch eine ganz andre Vermittelung, als die seiner frommen Gemahlin und Schwägerin. Ein lasterhaftes und frivoles Leben hatte in der Herzogin von Portsmouth noch nicht alles religiöse Gefühl und alle jene Güte erstickt, welche der Ruhm des weiblichen Geschlechts ist. Der französische Gesandte, Barillon, welcher nach dem Palaste gekommen war, um sich nach dem Zustande des Königs zu erkundigen, stattete ihr einen Besuch ab und fand sie in Kummer und Verzweiflung. Sie bat ihn, ihr in ein geheimes Zimmer zu folgen, und sprach sich ohne Rückhalt aus. „Ich muß Ihnen — sagte sie — eine Sache von großer Wichtigkeit mittheilen, würde sie bekannt, so könnte mein Leben in Gefahr kommen. Der König ist ganz gewiß katholisch, aber er wird sterben, ohne mit der Kirche Frieden geschlossen zu haben. Des Königs Zimmer ist mit protestantischen Geistlichen angefüllt, ich darf nicht hineingehen ohne Anstoß zu geben und der Herzog denkt nur an sich. Sprechen Sie mit ihm, erinnern Sie ihn, daß es eine Seele gilt, er ist jetzt der Gebieter, auf seinen Befehl wird man das Zimmer räumen. Gehen Sie diesen Augenblick, oder es wird zu spät sein!“ Barillon ging nach dem Krankenzimmer, trat mit dem Herzog bei Seite und entdeckte ihm die Mittheilung der Favorite. Da erwachte Jakob’s Gewissen, er fuhr, wie aus dem Schlafe geweckt, heftig empor und versicherte, daß er ohne jede Rücksicht die heilige Pflicht erfüllen werde, welche schon zu lange verabsäumt worden sei. Mehre Pläne wurden hin und her überlegt, zuletzt befahl der Herzog den Umstehenden, auf die Seite zu treten, ging an das Bette, neigte sich herab und flüsterte einige Worte, welche Niemand im Zimmer hören konnte, die man aber für eine Frage in Bezug auf Staatsangelegenheiten hielt. Karl entgegnete mit munterer Stimme: „Ja, ja, von ganzem Herzen!“ Keiner der Anwesenden, mit Ausnahme des französischen Gesandten, hatte eine Ahnung, daß der König mit diesen Worten den Entschluß aussprach, sich in die Arme der katholischen Kirche zu werfen.

„Soll ich einen Priester bringen?“ fragte der Herzog. „Thue es, mein Bruder,“ entgegnete der kranke Mann, „um Gottes Willen thue es und verliere keine Zeit. Aber nein, es wird dir viele Mühe machen.“

„Und sollte es mein Leben kosten,“ rief der Herzog, „ich schaffe einen Priester!“

Es war aber keine leichte Aufgabe, in diesem Augenblicke einen Priester zu solchem Zweck aufzufinden, denn nach damaligem Gesetz war Derjenige, welcher einen Proselyten in die katholische Kirche aufnahm, ein schwerer Verbrecher. Graf Castel Melhor, ein portugiesischer Edelmann, der aus politischen Gründen seine Heimath verlassen mußte und am englischen Hofe ein Asyl gefunden hatte, unternahm es, einen Beichtvater aufzusuchen. Er wandte sich an seine Landsleute, welche dem Hofstaate der Königin angehörten, aber es zeigte sich, daß keiner ihrer Kapläne der englischen oder französischen Sprache mächtig genug war, um das Amt eines Beichtigers beim Könige zu versehen. Der Herzog und Barillon waren schon im Begriff, den venetianischen Gesandten um seinen Geistlichen zu bitten, als sie erfuhren, daß ein Benediktinermönch, mit Namen John Huddleston, zufällig in Whitehall anwesend sei. Derselbe hatte mit großer Lebensgefahr dem König nach der Schlacht bei Worcester das Leben gerettet und war aus diesem Grunde seit der Restauration stets eine bevorzugte Person gewesen. In den strengsten Verordnungen gegen katholische Priester, und als falsche Zeugen das Volk zur Wuth entflammten, war Huddleston stets namentlich ausgenommen worden.[12] Er war gern erbötig, sein Leben ein zweites Mal für seinen König preiszugeben, aber es war noch immer eine große Klippe im Wege. Der gute Mönch war nämlich so unwissend, daß er keinen Begriff davon hatte, was er bei einer so wichtigen Veranlassung sagen müsse. Durch Vermittelung Castel Melhor’s empfing er von einem portugiesischen Priester verschiedene Andeutungen und wurde, so instruirt, von Chiffinch eine geheime Treppe hinaufgeführt. Dieser war ein vertrauter Diener, welcher, nach den Satiren jener Zeit zu urtheilen, oft Besuche ganz andrer Art auf diesem Wege eingeführt hatte. Der Herzog gebot jetzt im Namen des Königs allen Anwesenden, mit Ausnahme von Ludwig Duras, Earl von Feversham, und Johann Granville, Earl von Bath, sich aus dem Gemache zu entfernen. Beide Lords waren zwar Protestanten, aber Jakob wußte, daß er auf ihre Ergebenheit sich verlassen konnte. Feversham, ein Franzose von hoher Geburt und Neffe des großen Turenne, bekleidete einen hohen Posten in der englischen Armee und war dabei Kammerherr der Königin; Bath versah das Amt eines Garderobeinspectors.

Dem Befehle des Herzogs wurde Folge geleistet, und selbst die Ärzte zogen sich zurück, worauf Pater Huddleston durch die Hinterthür eintrat. Über sein Priesterornat hatte er einen Mantel geworfen, und über der Tonsur trug er eine lockige Perrücke. „Sire“, sagte der Herzog, „dieser brave Mann rettete einst Ihr Leben, er kommt jetzt, Ihre Seele zu retten“. „Er ist willkommen“, entgegnete Karl mit leiser Stimme. Huddleston erfüllte seine Aufgabe über alte Erwartung. Er warf sich neben dem Bett auf die Knie, nahm die Beichte ab, gab die Absolution und ertheilte die letzte Ölung. Er fragte, ob der König das heilige Abendmahl zu empfangen wünsche? „Das will ich“, entgegnete Karl, „wenn ich dessen nicht unwürdig bin!“ Man brachte die Hostie, und der König machte eine mühsame Anstrengung, sich vor ihr zu erheben und niederzuknieen, der Priester aber gebot ihm, ruhig liegen zu bleiben, indem Gott die Demüthigung des Geistes, nicht aber des Körpers verlange. Es kostete dem König so große Mühe, die Hostie zu verschlucken, daß man die Thür öffnen und ein Glas Wasser herbeischaffen lassen mußte. Nach Beendigung dieser Feierlichkeit erhob der Mönch vor dem Bußfertigen das heilige Kreuz, ermahnte ihn, seine letzten Gedanken auf die Leiden des Heilands zu richten, und verließ das Sterbezimmer. Der ganze Act hatte etwa dreiviertel Stunden gedauert, und während dieser Zeit hatten die in den Vorzimmern befindlichen Höflinge durch Flüstern und bezeichnende Winke einander ihren Verdacht mitgetheilt. Endlich wurde die Thür geöffnet, und die Menge trat wiederum in das Zimmer des Sterbenden.