Verdacht der Vergiftung. [In] jener Zeit pflegte das gemeine Volk in ganz Europa, namentlich aber in England, den Tod fürstlicher Personen, zumal wenn der Verstorbene beim Volke beliebt war und der Tod rasch eintrat, dem abscheulichsten und schändlichsten Meuchelmorde Schuld zu geben. Man hatte Jakob I. in Verdacht, den Prinzen Heinrich vergiftet zu haben, und ebenso, behauptete man, hätte Karl I. Jakob I. ums Leben gebracht. Als während der Republik die Prinzessin Elisabeth zu Carisbrook starb, wurde laut versichert, Cromwell wäre feig und ruchlos genug gewesen, schädliche Stoffe unter die Speisen eines jungen Mädchens zu mischen, der etwas Böses zuzufügen kein einziger vernünftiger Grund vorhanden war.[14] Nach wenigen Jahren wurde die rasche Verwesung von Cromwell’s eigenem Körper von Vielen einem tödtlichen Mittel schuldgegeben, welches ihm in der Arznei beigebracht worden wäre. Es ist nur zu natürlich, daß auch bei dem Tode Karl’s II. ähnliche Gerüchte umgingen. Das Publikum hatte schon verschiedene Male Geschichten von papistischen Anschlägen auf des Königs Leben gehört, so daß viele Gemüther bereits von Vorurtheilen eingenommen waren, und einige unglückliche Zufälligkeiten schienen diese befangenen Gemüther darauf hinzuweisen, daß in der That ein Verbrechen verübt worden sei. Die vierzehn Ärzte, welche über den Krankheitsfall des Königs disputirten, widersprachen einander, so wie sich selbst. Einige von ihnen erklärten den Anfall für epileptischer Natur, dem man seinen ungestörten Verlauf lassen müsse; die Mehrzahl aber erklärte ihn für apoplectisch und peinigte den Kranken mehrere Stunden lang wie einen Indianer am Marterpfahl. Hierauf einigte man sich, die Krankheit ein Fieber zu nennen und ihm Quantitäten von Chinarinde einzugeben. Ein Arzt protestirte aber gegen diese Behandlung und versicherte der Königin, daß bei solchem Verfahren der König unter den Händen seiner Kollegen sterben werde. Von einer so großen Anzahl von Rathgebern ließ sich natürlich nichts Andres als Zwist und Unentschlossenheit erwarten, aber viele Leute glaubten natürlicher Weise, bei der außerordentlichen Verlegenheit dieser großen Heilkünstler, daß die Krankheit ganz ungewöhnlicher Art sein müsse. Es ist Ursache da, zu glauben, daß Short, der trotz seiner ärztlichen Geschicklichkeit doch ein reizbarer, grilliger Mann gewesen zu sein scheint und der sich vermuthlich durch die Besorgniß vor gehässigen Beschuldigungen, denen er als Katholik besonders ausgesetzt war, in nicht ganz ungestörtem Genusse seiner Urtheilskraft befand, von einem furchtbaren Verdachte ergriffen worden sei. Es kann daher nicht überraschen, wenn von dem gemeinen Volke eine Menge toller Geschichten nacherzählt und geglaubt wurden. Die Zunge Sr. Majestät war bis zur Größe einer Rindszunge angeschwollen, in seinem Gehirn hatte man eine verhärtete Masse von giftigem Pulver gefunden, auch auf seiner Brust blaue Flecken und auf seiner Schulter schwarze Flecken wahrgenommen. Es war ihm irgend Etwas in die Schnupftabaksdose gethan worden, oder auch in seine Suppe; vielleicht hatte man ihm auch in seinem Lieblingsgericht, Eier mit grauem Ambra, etwas beigebracht. Die Herzogin von Portsmouth hatte ihn mit einer Tasse Chokolade, die Königin mit einer Schale gebackener Birnen vergiftet. Solche Erzählungen verdienen aufbewahrt zu werden, denn sie geben uns einen Begriff von der Einsicht und Moralität einer Generation, welche sie begierig in sich aufnahm. Daß in unserer Zeit dergleichen Gerüchte keinen Boden mehr finden, selbst wenn Menschenleben, von denen wichtige Interessen abhängen, durch raschentwickelte Krankheitsanfälle beendigt wurden, ist eines Theils dem Fortschritte der medizinischen und chemischen Wissenschaft, so wie andren Theils, wie wir annehmen dürfen, den Fortschritten zu danken, welche das Volk in Bezug auf vernünftiges Urtheil, Gerechtigkeit und Menschlichkeit gemacht hat.[15]

[14.] Clarendon spricht von dieser Verleumdung mit geziemender Verachtung. Nach der freundlichen Gesinnung jener Zeit gegen Cromwell suchten viele die Ursache dieses Todesfalls in einer Vergiftung, wofür jedoch eben so wenig ein äußeres Anzeichen sprach, als jemals später ein Beweis dafür aufzufinden gewesen ist.

[15.] Welwood. 139; Burnet I. 609; Sheffield’s Character of Charles the Second; North’s Life of Guildford, 252; Examen, 648; Revolution Politics; Higgons on Burnet. Was North von der Rathlosigkeit und dem Schwanken der Ärzte sagt, bestätigen die Depeschen Citters’. Ich war sehr im Unklaren über die auffallende Geschichte hinsichtlich des Short’schen Verdachts. Einmal war ich entschlossen, die Erklärung North’s anzunehmen, aber obgleich ich auf die Autorität Welwood’s und Burnet’s in solchem Falle wenig Gewicht lege, kann ich doch das Zeugniß eines so wohl unterrichteten und unparteiischen Mannes wie Sheffield nicht verwerfen.

Rede Jakob’s II. an den Geheimen Rath. [Als] Alles vorüber war, zog sich Jakob von dem Sterbelager nach seinem Zimmer zurück, wo er eine Viertelstunde allein blieb. Indessen versammelten sich die im Palaste anwesenden Geheimen Räthe, der neue König erschien und nahm seinen Sitz am oberen Theile der Sessionstafel ein. Dem Herkommen gemäß eröffnete er seine Regierung mit einer Rede an den Geheimen Rath. Er sprach sein Bedauern aus, rücksichtlich des Verlustes, der ihn so eben betroffen, und versicherte, die hohe Milde nachahmen zu wollen, welche eine der vorzüglichsten Eigenschaften der letzten Regierung gewesen sei. Es sei ihm nicht unbekannt, sagte er, daß man ihn einer Vorliebe für Willkürherrschaft beschuldige, es sei das aber nicht die einzige Lüge, die sich über ihn im Umlaufe befinde. Er habe die Absicht, die bestehende Verfassung in Kirche und Staat aufrecht zu erhalten. Die Kirche von England sei ausgezeichnet loyal, daher werde er aufs Angelegentlichste bemüht sein, sie zu unterstützen und zu vertheidigen. Es sei ihm bekannt, daß Englands Gesetze genügten, ihn zu einem so großen Könige zu erheben, als er nur wünschen könne. Seine eigenen Rechte werde er streng aufrecht erhalten, aber auch die Rechte Anderer achten. Er habe vordem sein Leben bei der Vertheidigung des Vaterlandes preisgegeben und werde auch jetzt beim Schutz der gerechten Freiheiten so weit gehen wie irgend Einer. Diese Rede war nicht, wie es bei ähnlichen Gelegenheiten geschieht, von den Räthen des Souverains vorbereitet, sondern sie enthielt den augenblicklichen Ausdruck der Empfindungen des neuen Königs in einem Momente hoher Aufregung. Die Rathsmitglieder ergossen sich in lauten Äußerungen des Entzückens und der Dankbarkeit. Der Lord Präsident Rochester sprach im Namen des Kollegiums den Wunsch aus, daß Sr. Majestät glückverheißende Erklärung zur Öffentlichkeit gelangen möchte. Der Generalprokurator Heneage Finch, erbot sich, den Sekretär abzugeben. Er war ein eifriger Anhänger der Staatskirche, und als solcher wünschte er natürlich, daß die gnädige Zusage, welche so eben ausgesprochen worden, in einer unvergänglichen Urkunde wiedergegeben würde. Diese Versprechungen, rief er aus, haben einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich sie wörtlich wiederholen kann. Bald darauf legte er seinen Bericht vor, den Jakob durchlas, genehmigte, und darauf befahl, ihn zur öffentlichen Kenntniß zu bringen. In späterer Zeit behauptete er diesen Schritt ohne die nöthige Überlegung gethan zu haben, seine vorher nicht überdachten Ausdrücke rücksichtlich der englischen Kirche seien zu stark gewesen, und Finch habe mit einer Gewandtheit, welche damals von ihm unbeachtet gelassen worden, sie noch stärker gemacht.[16]

[16.] London Gazette, Feb. 9. 1684/5; Clarke’s Life of James the second II. 3.; Barillon, Feb. 9.(19.); Evelyn’s Diary, Feb. 6.

Ausrufung Jakob’s. [Der] König fühlte sich durch langes Wachen und rasch auf einander folgende Gemüthsbewegungen erschöpft, und begab sich zur Ruhe. Nachdem ihn die Geheimen Räthe voll Ehrerbietung nach dem Schlafzimmer begleitet hatten, kehrten sie in den Sitzungssaal zurück, und erließen Verordnungen in Betreff der feierlichen Ausrufung. Die Garden standen unter den Waffen, die Herolde erschienen in ihren prachtvollen Wappenröcken und die Feierlichkeit ging ohne jede Störung vor sich. In den Straßen waren Weinfässer aufgestellt und die Vorübergehenden wurden aufgefordert, auf die Gesundheit des neuen Herrschers zu trinken. Obgleich aber hier und da ein Jubelruf ertönte, befand sich das Volk dennoch in keiner frohen Stimmung. Viele weinten, und man konnte wahrnehmen, daß in London kaum eine Magd war, die sich nicht mit einem Stückchen Trauerflor zu Ehren König Karl’s geschmückt hätte.[17]

Das Leichenbegängniß erfuhr vielfachen Tadel. Es wäre auch wirklich eines reichen, adeligen Unterthanen kaum würdig gewesen. Die Tories tadelten mit Schonung die Sparsamkeit des neuen Königs, die Whigs raisonnirten über den Mangel an verwandtschaftlicher Zuneigung, und die heftigen schottischen Covenanters verkündigten frohlockend, daß der seit Alters her über ruchlose Fürsten verhängte Fluch offenbar in Erfüllung gegangen, und der dahingegangene Tyrann wie ein Esel zu Grabe gebracht worden sei.[18] Doch trat Jakob seine Regierung bei einem ziemlichen Maße des öffentlichen Vertrauens an. Seine Rede an den Geheimen Rath erschien im Druck und der durch sie hervorgebrachte Eindruck war ein höchst günstiger. Das war also der Fürst, den eine Partei in das Exil getrieben und seines Geburtsrechts zu berauben gesucht hatte, aus der Ursache, weil man ihn für einen heftigen Widersacher der Religion und der Landesgesetze hielt. Er hatte gesiegt, er saß auf dem Throne, und seine erste That war die Versicherung, daß er die Kirche schützen und die Rechte seines Volkes streng in Ehren halten wolle. Die Ansicht, welche jede Partei über seinen Character sich gebildet hatte, veranlaßte eine Überschätzung jedes Wortes, das von ihm kam. Die Whigs erklärten ihn für hochmüthig, unversöhnlich, starrköpfig, rücksichtslos gegen die öffentliche Meinung; die Tories rühmten seine fürstlichen Tugenden, beklagten aber dabei, daß er die Künste vernachlässige, durch welche er sich die Liebe des Volkes erwerben könne. Selbst die Satire hatte ihn nie als einen Mann hingestellt, der die Absicht habe, die Gunst des Publikums dadurch zu gewinnen, daß er etwas vorgebe, was er nicht empfinde, und etwas verspreche, was er nicht zu erfüllen beabsichtige. An dem Sonntage, welcher dem Regierungsantritt folgte, wurde seine Rede auf vielen Kanzeln erwähnt. „Wir haben jetzt für unsre Kirche“ — rief ein loyaler Prediger — „das Wort eines Königs, und zwar eines Königs, welcher niemals schlechter war als sein Wort!“ Diese geistreiche Äußerung machte bald die Runde durch Stadt und Land und wurde das Losungswort der Torypartei.[19]

[17.] Man sehe die in der vorhergehenden Note angeführten Citate, außerdem Examen 647; Burnet I. 620; Higgons on Burnet.

[18.] London Gazette, Feb. 14. 1684/5; Evelyn’s Diary von demselben Datum; Burnet I. 610; the Hind let loose.