Man besorgte, er würde einen Versuch machen, dem schrecklichen Schicksale, welches seiner harrte, sich durch Gift zu entziehen, deshalb wurde Alles, was er genoß, einer sorgfältigen Prüfung unterworfen. Am nächsten Morgen wurde er vorgeführt, um die erste Auspeitschung zu empfangen, und schon in der frühesten Stunde wogten die Menschenmassen in den Straßen zwischen Oldgate und der Old Bailey. Der Henker führte die Peitsche mit solcher Erbarmungslosigkeit, daß man wohl sah, er habe ganz besondere Befehle erhalten. Das Blut strömte an dem Verbrecher herab. Eine Zeit lang zeigte er eine außerordentliche Standhaftigkeit, bis endlich seine hartnäckige Ausdauer erlag. Sein Geheul war fürchterlich, er fiel mehrere Male in Ohnmacht, aber die Peitsche hörte nicht auf, ihn zu zerfleischen. Als er losgebunden wurde, schien er das Äußerste ertragen zu haben, was ein menschlicher Körper bis zur Auflösung auszuhalten vermag. Jakob wurde gebeten, die zweite Auspeitschung zu unterlassen, aber seine Antwort war kurz und bündig: „Man soll damit fortfahren, so lange er noch Athem im Leibe hat!“ Ein Versuch, die Verwendung der Königin für den Unglücklichen zu erlangen, mißglückte gleichfalls, indem sie sich entrüstet weigerte, ein Wort zu Gunsten eines solchen Elenden zu verlieren. Nach einer Pause von achtundvierzig Stunden wurde Oates wiederum aus dem Gefängniß herbeigeholt. Er war nicht mehr fähig, sich auf den Füßen zu erhalten, so daß es nöthig wurde, ihn auf einer Schleife nach Tyburn zu schleppen. Wie es schien, hatte er nicht die geringste Empfindung, und die Tories versicherten, daß er sich durch den Genuß starker Getränke betäubt habe. Eine Person, welche die Schläge, welche er am zweiten Tage empfing, gezählt hat, versicherte, daß er deren siebzehnhundert erhalten. Der elende Mensch kam mit dem Leben davon, jedoch mit so genauer Noth, daß seine beschränkten und bigotten Anhänger seine Genesung für ein Wunder hielten und dieselbe als einen Beweis seiner Schuldlosigkeit anführten. Die Thür des Gefängnisses fiel hinter ihm ins Schloß und viele Monate lang lag er gefesselt in dem finstersten Kerker von Newgate. Man versicherte, daß er in seiner Zelle gänzlich der Schwermuth anheimfiel und, tiefe Seufzer ausstoßend, die Arme verschlungen und den Hut über die Augen gezogen, Tage lang vor sich hinbrütete. Nicht blos England nahm an diesen Ereignissen regen Antheil. Millionen Katholiken, welche weder von unseren Institutionen, noch unseren Parteien etwas wußten, hatten erfahren, daß auf unsrer Insel die Bekenner des wahren Glaubens einer unmenschlichen Verfolgung ausgesetzt gewesen wären, daß viele fromme Männer den Märtyrertod erlitten und Titus Oates das Haupt der Mörderbande gewesen sei; daher entstand großer Jubel in fernen Landen, als man erfuhr, daß Gottes Gericht ihn getroffen habe. Kupferstiche, welche ihn am Schandpfahl und auf der Schleife sich windend darstellten, verbreiteten sich über das ganze Europa und Epigrammenschreiber machten in allen Sprachen ihre Witze über den Doctortitel, welchen er von der Universität zu Salamanca erlangt haben wollte, und bemerkten, da seine Stirn nicht mehr des Erröthens fähig sei, so wäre es ganz in der Ordnung, daß sein Rücken dazu gebracht werde.[67]

Obgleich die Leiden des Oates entsetzlich waren, so standen sie doch zu seinen Verbrechen in keinem Verhältniß. Das alte englische Gesetz, welches außer Gebrauch gekommen war, behandelte den falschen Zeugen, der durch seinen Meineid den Tod eines Menschen verursachte, als Mörder.[68] Es verrieth das eben so viel Weisheit wie Gerechtigkeit, denn ein solcher Zeuge ist in der That ein höchst gefährlicher Mörder. Mit dem Verbrechen, unschuldiges Blut zu vergießen, vereinigt er die schwere Schuld, die heiligste Verpflichtung zu verletzen, welche der Mensch seinem Mitmenschen gegenüber eingehen kann, und Gerichtsstellen, auf die das Volk nothwendig mit Ehrerbietung und Vertrauen blicken muß, zu Werkzeugen abscheulichen Unrechts und Gegenständen des allgemeinen Mißtrauens zu machen. Das Unglück, welches durch einen gewöhnlichen Meuchelmord herbeigeführt wird, steht in keinem Verhältniß zu dem Unglück, welches ein Meuchelmord erzeugt, bei dessen Ausübung die Gerichtshöfe als Helfershelfer mitgewirkt haben. Die bloße Vernichtung des Menschenlebens ist der unbedeutendste Theil von dem, was eine Hinrichtung entsetzlich macht. Die verlängerte Seelenangst des Delinquenten, die Schande und das Unglück seiner Angehörigen, die bis zur dritten und vierten Generation nachwirkende Schmach, das sind viel schrecklichere Dinge, als der Tod selbst. Man kann mit Gewißheit annehmen, daß der Vater einer zahlreichen Familie lieber alle seine Kinder durch ein böses Geschick oder Krankheit verlieren würde, als ein einziges durch die Hand des Henkers. Mord, durch falsches Zeugniß herbeigeführt, ist daher die schwerste Art des Mordes, und Oates hatte sich vieler solcher Morde schuldig gemacht; dennoch läßt sich die Strafe, mit welcher er belegt wurde, nicht rechtfertigen. Indem ihn die Richter verurtheilten, das geistliche Gewand abzulegen und auf Lebenszeit im Kerker zu schmachten, scheinen sie über ihre gesetzliche Berechtigung hinausgegangen zu sein. Sie waren ohne Zweifel befugt, ihn zur Auspeitschung zu verurtheilen, auch hatte das Gesetz die Anzahl der Hiebe nicht bestimmt; vollkommen verständlich war aber der Geist des Gesetzes, daß kein peinliches Vergehen strenger bestraft werden dürfte, als ein scheußliches Verbrechen. Der schwerste Verbrecher konnte blos zum Galgen verurtheilt werden, die Richter jedoch verurtheilten den Oates — wie sie wenigstens glaubten — zum Tode durch die Peitsche. Die Mangelhaftigkeit des Gesetzes bietet keine genügende Entschuldigung, denn mangelhafte Gesetze müssen durch die gesetzgebende Gewalt geändert und nicht von den Gerichtshöfen ausgedehnt werden, am wenigsten aber sollte man ein Gesetz mißbrauchen, um Qualen zu verursachen und Leben zu vernichten. Daß Oates ein Schurke war, entschuldigt nicht ausreichend, denn in der Regel erdulden zuerst die Schuldigen solche Unbilden, welche man nachher als Vorgänge benutzt, um die Unschuldigen zu unterdrücken. So war es in diesem Falle. Die unbarmherzige Anwendung der Peitsche wurde sehr bald eine Strafe für unbedeutende politische Vergehen. Man verurtheilte wegen unüberlegter Äußerungen gegen die Regierung Menschen zu solchen Martern, daß sie in vollem Ernste baten, man möchte sie lieber eines Capitalverbrechens anklagen und an den Galgen schicken. Glücklicherweise wurde diesem großen Übel sehr bald durch die Revolution und durch den Artikel der „Bill der Rechte“, welche alle grausamen und ungewöhnlichen Strafen verwirft, eine Ende gemacht.

[61.] Man sehe die Verhandlungen in der Collection of State Trials.

[62.] Evelyn’s Diary, May 7, 1685.

[63.] Es giebt noch verschiedene Portraits von Oates. Die richtigsten Schilderungen seiner Person finden sich in North’s Examen, 225; in Dryden’s Absalom and Achitophel und in einem Folioblatt unter dem Titel: A Hue and Cry after T. O.

[64.] Die Verhandlungen sind ausführlich in der Sammlung der Staatsprozesse zu finden.

[65.] Gazette de France, May 29. (Juni 9.) 1685.

[66.] Depesche des holländischen Gesandten, 19.(29.) Mai 1685.

[67.] Evelyn’s Diary, May 22. 1685; Eachard III. 741; Burnet, I. 637; Observator, May 27. 1685; Oates’s Εἰκὼν βροτολοιγοῦ, 1697; Commons’ Journals, May, June and July, 1689; Tom Brown’s Advice to Dr. Oates. Einige interessante Umstände werden auf einem Foliobogen im Verlag von A. Brooks, Charing Croß, 1685, erwähnt. Ebenso habe ich damals erschienene französische und italienische Flugschriften gesehen, welche die Geschichte des Prozesses und der Strafvollstreckung enthielten. Ein Kupferstich, worauf Titus am Pranger abgebildet ist, erschien zu Mailand mit folgender wunderlicher Inschrift: Questo e il naturale ritratto di Tito Otez o vero Oatz, Inglese, posto in berlina, uno de, principali professori della religione protestante acerrimo persecutore de Cattolici e gran spergiuro. Ebenso ist mir ein holländischer Kupferstich mit seiner Bestrafung vorgekommen, worauf einige lateinische Verse stehen, von denen ich hier eine Probe gebe: