Es war eine starke Dame von mittlerem Alter, mit unförmlicher und wie mit verzweifelter Überanstrengung eingeschnürter Taille; ein männlich ausgeprägtes Gesicht von starkem und kaltem Ausdruck, dick gepudert, von dem überaus künstlichen Gebäude einer pompösen Frisur überragt. Sie trug ein schweres schwarzes Seidenkleid, eine protzige Herrenuhrkette mit Berloques baumelte aus dem Taillenschluß; zwischen ihren Rockfalten raschelte ein Seidenhündchen mit gänzlich von langen Haaren überhangenem Gesicht und einem feinen Glöckchen am Hals.
Der Blick ihrer eisigen Augen belebte sich, und sie nickte mit einem fast cynischen Lächeln. Sie versteht vollkommen: der festlich gedeckte Tisch und der Damenbesuch, Alles!
»Schnell! Lassen Sie schnell den Arzt rufen! — Ich bitte! — Sie stirbt! — ein Blutsturz —«
Neugierig rauschte Frau Gornemann mit dem klingelnden Hündchen, das sie nie verließ, an den Divan heran.
»Eine befreundete Dame —« erläuterte er linkisch. Es klang recht dumm! Was denn sonst? — man kennt dergleichen! — sie bedarf keiner Erklärung! — schien der ironische Zug ihres von einem Bartflaum überschatteten Mundes zu sagen.
Die Gegenwart dieser Frau, vor der er stets eine Abneigung gespürt, empfand er selbst in diesem Augenblick als eine Entweihung; statt ihrer, der Ohnmächtigen, befiel ihn eine Scham. Aber Eile — höchste Eile!
Frau Gornemann rauschte hinaus, um den Auftrag auszuführen, dann kam sie wieder, das weibliche Mitgefühl hatte doch über die kritische Neugier die Oberhand gewonnen. Ja, fast schien sich seine Ratlosigkeit ihr selbst mitgeteilt zu haben. Es ist jetzt keine Zeit zu Glossen!
Nach der Ewigkeit einer halben Stunde erschien der Sanitätsrat. Er machte sich sofort an den Fall, ohne die außergewöhnlichen Umstände zu beachten. Und dieser Fall lag einfach: eine schwere innere Blutung — sofort solle die Kranke zu Bett gebracht werden — er wolle so lange bleiben ...
Magnus’ verzweifelter Blick traf Frau Gornemann. In einem schnippischen Anfall erklärte diese, die massiven Schultern hebend, daß sie weder Platz, noch ein Bett übrig hätte!
Es half kein Zaudern und keine Rücksicht im Angesicht dieser Gefahr. So ward die Kranke also in Magnus’ Schlafstube gebettet. Völlige Reglosigkeit, völlige Stille, Eisumschläge und eine Liste von Vorsichtsmaßregeln. Offenbar hing das Leben der Ärmsten nur noch an einem Haar. —