Er stockte. Nicht jetzt davon: ein andermal wollte er seiner Überzeugung Ausdruck geben, daß doch zuletzt die Liebe den Sieg davon trüge über den Haß und daß selbst über der Mauer des Frankfurter Friedens dereinst sich grünende Wipfel von hüben und drüben vereinigen würden. Man muß ihnen nur Zeit lassen zum Wachsen, recht viel Zeit ...

Doppelgänger

Zuerst waren sie mit dem Paar hoch oben auf dem Kölner Dom zusammengetroffen. In dem engen stockdunkeln Schneckengewinde der steilen Wendeltreppe hatte ihr eigenes mutwilliges Gezwitscher mit dem kichernden Geflüster der anderen Stimmen zusammengeklungen. Und als man dann gemeinsam in die blendende Helle des Altans herausgetreten und das Ah! des Erstaunens über das prächtige Panorama von den Lippen verflogen war, begann man sich gegenseitig zu mustern. Verständnisvolle Blicke hin und her, und ein gewisses verschmitztes Lächeln: o man hat sich sofort erkannt! Man gehört derselben Gemeinschaft, demselben Orden, derselben Bestimmung an. Gott, wie soll man nur diese Gleichheit ausdrücken? Nun, man befindet sich in demselben selig unruhvollen Ausnahmezustand einer Hochzeitsreise!

Die kleine lebhafte Frau Wendland stieß ihren Gatten verstohlen an: »Du, Fritz, hast du gemerkt?« Und ihre Zähnchen lachten ihm wie im hellen Triumph ins Gesicht.

Herr Fritz Wendland wehrte die Frage mit einer seltsam knappen Geste ab, die man fast als eine leise Verachtung deuten konnte; als ob ihm Hochzeitsreisende von allen andern Reisenden am allerwenigsten interessieren könnten.

Was hat er überhaupt heute? Er ist karg und kurz und zerstreut! Er hatte als Bräutigam einmal ein leises Wort gegen den Unfug des Hochzeitsreisens erhoben. Natürlich war er sofort vor dem kindlichen Enthusiasmus verstummt, mit dem sein Bräutchen sich die bevorstehende Reise ausmalte.

Aber es ist jetzt gar keine Zeit zu solchen Fragen und Zweifeln. Also da drüben liegt Deutz — die Kuppel dort ist St. Gereon — dort das Siebengebirge —

Der Führer mühte sich, dem andern Paare den gestaltlosen Luftschimmer am Horizont, der das Siebengebirge bedeuten sollte, zu bezeichnen. »Dort, Karl, na doch dort!« und die junge Frau, eine hübsche, etwas stark zum Untersetzten neigende Person, nicht gerade von der allerduftigsten Blütenjugend, aber äußerst »chic« gekleidet, wie es der kleinstädtischen Frau Wendland vorkam, stach in ihrer resoluten Art mit dem neumodisch auffallenden Sonnenschirm in die Luft: »Na dort! Siehst du denn nicht, Karl?«

Also »Karl«! Ein gleichfalls hübscher Mann, hager, dunkel, rasiert, distinguiert, von einem geheimnißvollen vornehmen Etwas getragen, mit stark blitzenden Ringen an der einen Hand. Er scheint einigen Respekt vor dem resoluten Sonnenschirm zu haben — jetzt erkennt auch er jenen Luftschimmer bereitwillig als das Siebengebirge an.