»Ach, wie wundervoll!« rief sie aufatmend, indem sie mit dem Fächer, einer ganz billigen Dutzendware, nach den Bergen hinwies, die in blendender Farbenpracht zwischen dem üppigen Grün der Parkbäume herüberleuchteten.

Wir wechselten die üblichen Bewunderungsgeständnisse über die Herrlichkeit des Ortes, der ein wahrhaftes Paradies sein könnte, wenn die Hölle nicht so triumphierend ihren Thron hier aufgeschlagen.

»Und zu denken, daß manche, ja sogar viele hieher kommen, die keinen Blick und keinen Sinn haben für solche Herrlichkeit —« sagte ich, mit einer geheimen Anklage gegen mich selbst; — hatte ich doch ganze Tage, von heißem Fieber besessen, in der dumpfigen Schwüle des dämmerigen Saales am Spieltische verbracht, ohne eine Sehnsucht nach dem Anblick der unbeschreiblich schönen Gotteswelt zu empfinden; hatten doch der Wechsel von Glück und Unglück und all die nerventötende Aufregung mich blind gemacht. Und es war, als würde mir mit ihrem Ausruf und mit dem Zauberstab ihres Fächers plötzlich die ganze Wunderwelt wie eine Offenbarung erschlossen.

Wir waren an die Marmorballustrade der Terrasse herangetreten; ihre zierliche Gestalt stand leicht daran gelehnt, ihre Augen schweiften mit einem Leuchten der Entzückung über die flimmernde Meereshelle, und ihr geöffneter Mund sog gierig die würzige Seeluft ein; einmal atmete sie hoch auf, so daß die in ein knappes Sammetmieder eingezwängte Büste sich wie in befreiender Erlösung dehnte. Ein paar »Marschall Niel« staken im Miederschluß, aber sie hingen schlaff herab, als hätte der heiße Gifthauch der Spielhölle sie getötet. Das Profil ihres Kopfes zeichnete sich dunkel gegen den Meeresglanz: das fein gebogene Näschen, das rundliche Kinn, das von auffallender Energie zeugte, die edle Bildung der Stirn mit den graziösen Bogen der Augenbrauen.

Mit welcher kindlichen Unbefangenheit plauderte sie in Gegenwart des Fremden!

»Sehen Sie dort oben das Adlernest, das so goldig aus dem dunklen Blau der Berge leuchtet, das ist Roccabruna, ein köstliches Ding, fast nur aus Treppen bestehend, aber reizend. Das müssen Sie sich ansehen. Dort liegt Ventimiglia; dort hinten im Duft, das an der äußersten Spitze, ist das Palmenland von Bordighera, mein liebes Bordighera! Wie die Brandung wieder wütet gegen den Fels — Sie sehen deutlich den schneeweißen Schaum. Wenn Sie etwas Herrliches von einer Brandung genießen wollen, so müssen Sie dorthin fahren. — Ah, was schwärme ich Ihnen vor, mein Herr! Sie haben gewiß keine Zeit, Sie müssen — arbeiten; Sie bleiben nicht lange hier, Ihre Zeit ist kostbar, und Sie haben sich vorgenommen, die Bank zu sprengen. Ich wünsche Ihnen viel Glück — nein, ich wünsche Ihnen keines, dies Glück wird Ihnen kein Glück bringen.«

»Ah, das ist alles so häßlich, das ist entsetzlich!« rief sie plötzlich, mit heftig abwehrender Geste nach dem palastartigen Bau des Kasinos hin, der über uns in feenhafter Pracht in das Tiefblau des Himmels ragte. Es war wie ein Erwachen. Die liebliche Heiterkeit, die ihr Gesichtchen sonnig verklärt hatte, verschwand hinter einem düstern Schatten. »Wenn man fort könnte, weit fort, dort hinüber ...« flüsterte sie dumpf, wie für sich, mit den halb geschlossenen Augen nach der Meeresweite weisend. Und gleich darauf schien sie ein Zorn über sich selbst zu erfassen — »nein, nein, es ist unrecht das, was ich sage!« Ihr Füßchen stampfte leicht auf. Und dann — eine neue Ueberraschung — fiel sie in ganz geschäftsmäßig ruhigen Ton, den eines erfahrenen Spielers, der einem andern gute Ratschläge giebt: »Setzen Sie so und so. Das dürfen Sie nicht thun! Und das müssen Sie vermeiden. Am besten ist, Sie verlieren einen tüchtigen Haufen Gold, nehmen ein Billet und reisen vergnügt nach Hause.«

»Wenn man aber nichts zu verlieren hat, mein Fräulein — nichts — gar nichts mehr!« warf ich tonlos hin.

Sie sah mir mit weit geöffneten Augen prüfend ins Gesicht. Das hatte wie eine helle Verzweiflung geklungen. Ihre Gestalt zuckte fast unmerklich zusammen. Was, sie hatte doch nicht etwa einen von den Unseligen vor sich, die nach dem gleißenden Namen Monaco gegriffen, um sich vor dem Untersinken zu retten, und die sich statt der erträumten Goldhaufen mit dem lakonischen Leichenstein eines Selbstmörders begnügen, den ihnen die Bank in ihrer Großmut an der Mauer des Kirchhofs von Monaco gewährt?

Ja, ich will es gestehen, ich war nicht viel wert damals! Ich hatte wenig Respekt vor mir selber damals. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, weder an Gut noch an Lebensmut. Es war mir erbärmlich schlecht gegangen. Alle meine Spekulationen waren fehlgeschlagen, alle meine Hoffnungen vernichtet; ich war geflohen vor dem Gespenst des Bankerotts, das schon seit Monaten in den Sälen meiner Fabrik umherspukte. Ich hatte in meiner Verzweiflung nach dem gleißenden Namen Monaco getastet, daß der Zufall von des Teufels Gnaden ein letztes Erbarmen hätte. Aber seine teuflischen Gnaden hatten kein Erbarmen. Auch bis hieher, bis an das Trente-et-Quarante hatte mich das Gespenst verfolgt, mit seinem entsetzlichen Grinsen immer wieder auf die grüne Fläche hinweisend. Und vor ein paar Tagen war es, an einem Abend, da hatte ich mich so unheimlich angezogen gefühlt von der im grellen Gaslicht erglänzenden Auslage eines gewissen Nizzaer Waffenladens. Immer wieder stand ich davor, nicht wissend, wie ich wiederum dorthin geraten, und die schwarzen Mündungen eines gewissen Revolvers glotzten mich so verführerisch an. Aber es war gut, daß, wie zur Abwehr mittelloser Selbstmörder, der Preis an der Waffe haftete — das Trente-et-Quarante hatte mich so völlig ausgeleert, daß ich ein häßlicheres und billigeres Mittel hätte wählen müssen. Da wandte ich mich ab, fuhr noch einmal nach Monaco zurück und versuchte es mit den bescheideneren Chancen des Roulettes. Ich begann wieder aufzuatmen — auf wie lange? Ich hatte das Gefühl, daß es nur ein Aufschub wäre. Nein, ich war nicht viel wert, ich war absolut nicht viel wert!