Sonderbar, ich wäre im stande gewesen, ihr in diesem Augenblick dies Geständnis zu machen, ihr, der Wildfremden — und es wäre mir eine große Erleichterung gewesen. Vielleicht hätte es meine Rettung bedeutet — aber ich hatte nicht den Mut. Welch eine Ungehörigkeit, eine junge Dame, die ich vor einer halben Stunde kennen gelernt, in den Abgrund meiner Seele blicken zu lassen!
Ich hatte vor der eigenartig strengen Prüfung ihres Blickes das Haupt gesenkt. Es ward eine kurze Stille. Plötzlich streckte sie mir mit einer resoluten Bewegung ihr Händchen entgegen, das nur mit rehbraunem Schwedisch bekleidet war.
»Wollen Sie mir versprechen, nicht mehr zu spielen, mein Herr?« sagte sie. Ihre Stimme vibrierte. »Nein, das kann ich nicht verlangen, wie komme ich dazu ... verzeihen Sie mir die Bitte überhaupt; aber wollen Sie mir wenigstens versprechen, drei Tage lang nicht zu spielen? Nicht die Spielsäle zu meiden, das wäre das Falsche, nein, Sie sollen dabei sein, als ein ruhiger Beobachter im Hintergrunde stehen. Vielleicht, daß es Sie kuriert. Glauben Sie mir, ich bin eine Sachverständige ...«
Das Händchen war noch immer vor meinen Augen ausgestreckt. Ich zögerte, es zu nehmen. Welch eine Naivität, welch eine Wunderlichkeit, welch eine Keckheit, mich zu solch einem Versprechen zu zwingen! Wer war sie denn, daß sie solches wagen durfte? Aber es sprach so viel freundliche Güte aus dem Ton ihrer Stimme, aber ihre lieben, schönen, offenen Augen baten mit so zwingender Gewalt — und sie hatte auf dem Grund meines Gewissens gelesen! Ist es doch eines Menschen Pflicht, einem versinkenden Mitmenschen die Hand zu reichen.
Da ergriff ich das dargebotene Händchen und drückte es in stummer Erregung. Es war mir, als hätte ich plötzlich einen guten Kameraden gefunden.
Eine kurze Strecke schritten wir noch, ohne ein Wort zu sprechen, an der Ballustrade entlang. Da fuhr ein leerer Fiaker im Schritt vorüber. Sie winkte ihm, zu halten.
»Ich muß nach Hause, ich werde erwartet!« rief sie. »Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Adieu!«
Mit graziöser Leichtigkeit bestieg sie das Gefährt. Noch einmal grüßte sie mit einem feinen Lächeln, dann jagte der Wagen mit der rasenden Geschwindigkeit südlicher Fiaker die Fahrrampe nach Condamines hinab. Ich stand noch eine gute Weile auf derselben Stelle, regungslos und völlig verblüfft dem Wunder dieses Wagens nachstarrend.
»Ich danke Ihnen!« — es war fast, als gälte dieser Dank weniger meinem Ritterdienst als dem Versprechen, das ich ihr Hand in Hand geleistet. Und das Lächeln ihres grüßenden Kopfes — es sah fast aus wie der Ausdruck eines Triumphes, den sie über mich davongetragen — nein, wie eine Schelmerei, die sie in kinderhafter Laune mit mir trieb — ach nein, wie der freundliche Zuspruch eines echten Kameraden, daß ich tapfer sein möchte — alles, alles! — Immer und immer stand mir dieses Lächeln vor Augen, immer wieder sah ich ihren großen, streng prüfenden Blick auf mich gerichtet — und ihre Stimme, die klangvolle Melodie ihrer Stimme! Wer war sie denn, daß sie mich mit solch zauberartiger Geschwindigkeit in ihren Bann zwingen konnte?
Ich wollte mich auflehnen — nun, ich hatte ihr aber das Versprechen gegeben, und ich war in meiner Freiheit gefesselt — ein ernster Mann, der sich in der kritischsten Lage seines Lebens von einem Kinde fesseln läßt! Aber die Gedanken an sie, die mich fort und fort wie neckische Schmetterlinge umgaukelten, wollten kein volles Unbehagen über diese Fessel in mir aufkommen lassen.