Zuerst mied ich den Spielsaal — gegen das Rezept der »Sachverständigen«, wie sie sich selber nannte. Ein seltsamer, fast kindlicher Trotz ließ mich fernab dem Kasino in den Bergen umherschweifen. Ich kletterte die düsteren, feuchtkühlen Treppen des Adlernestes von Roccabruna hinauf, strich durch die üppigen Zitronenhaine, die diesen Ort umkränzen, saß sinnend und träumend auf einem Felsen am Strande, dem vieltönigen Geräusch der Brandung lauschend. Aber immer wieder schweiften meine Blicke nach dem Kasino hinüber, das aus der Ferne, von Sonnenglanz übergossen, wie ein kostbar geschmiedetes, reich verziertes Schmuckstück herübergrüßte.

Vielleicht sitzt sie jetzt dort am Spieltisch, von dem mich ihre List hinweggetrieben. Gewiß sitzt sie dort an der »Arbeit« — deutete denn nicht das Bureau, das sie sich am Tisch eingerichtet, auf eine regelmäßige Gewohnheit? Und ihr verwünschender Ausruf nach dem Kasino hin ließ darauf schließen, daß sie wider Willen solch häßliche Arbeit verrichtete.

Ich meinte, es wäre etwas wie eine Neugier, die mich dennoch am Abend nach dem Kasino führte — vielleicht war es die Befolgung ihres Rezeptes, daß ich mich drinnen von dem unseligen Fieber kurieren lassen sollte — vielleicht war es die wachsende Sehnsucht, sie wiederzusehen, die mich ein paar Stunden lang das Kasino umkreisen ließ und mich von Bank zu Bank der umgebenden Anlagen trieb, bis mir schließlich der Huissier die Thür zu dem von einem magisch gelblichen Dämmerlicht erfüllten Heiligtum öffnete.

Zuerst saß ich auf einem Diwan, genau nach dem Rezept, um das Treiben als unbeteiligter Zuschauer zu beobachten. Wie sie hereinhasteten, die Golddurstigen, um sich auf einen der massigen Menschenknäuel zu stürzen, aus deren Mitte das feine Klingeln des Goldes herübertönte; wie sie von einem Haufen zum andern irrten, daß der Zufall ihnen vielleicht dort günstiger wäre; glühende, entstellte Gesichter mit fieberisch flackernden Augen; todblasse Gesichter, die stieren Blickes nach dem Ausgang suchten, daß sie dem entsetzlichen Schauplatz ihres Ruins entflöhen; Gestalten, die mit dem nackten Ausdruck der Verzweiflung, nicht zu weit abseits, in allen Taschen nach einem letzten rettenden Goldstück suchten; Gattinnen, die mit Thränen in den Augen den Gatten zurückhielten, der sich dennoch losriß, von unbezwinglicher Gier erfaßt; Dirnen, die mit lüsternen Mienen nach Raub umherschlichen! feine Damen, die in einem Sessel saßen und mit bebendem Bleistift rechneten, rechneten ... O, es hätte einen wohl kurieren können, und sie mochte recht haben, meine Sachverständige.

Zuletzt schlich ich dennoch an die Haufen heran und suchte nach ihr. Es war nicht leicht, jemand zu finden, so tief versteckt waren die Sitzenden unter den herübergebeugten Körpern und den hantierenden Armen der Stehenden. Endlich hatte ich sie entdeckt. Sie stak tief in der »Arbeit«. Der ganze Apparat war vor ihr ausgebreitet. Das Licht des tief herabhängenden Schirmes beleuchtete grell ihr Gesichtchen. Das war gerötet und erregt. Das Händchen war in voller Bewegung. Es notierte in den Listen, blätterte und suchte in dem Büchelchen, notierte wieder, regulierte und ordnete die Goldhaufen vor ihr, warf mit einer erstaunlichen Sicherheit die Einsätze hierhin und dorthin, während die Augen unruhig hin und her hasteten. Um ihre feinen Nasenflügel zuckte es, während ihr streifender Blick das Rollen der Kugel im Roulette beobachtete.

Es that weh, o, es that weh, diese Augen zu beobachten, das Büchlein mit den Aufzeichnungen, das Gold, die Harke, alles dort vor ihr liegen zu sehen, — die Seele des jungen Wesens dennoch, so sehr sie sich dessen bewußt sein mochte, von dem Dämon besessen zu wissen!

Und in welcher Gesellschaft betrieb sie solches widerliche Geschäft! Man muß das Publikum der Spielbank in zwei Hälften sondern: die einen, die der Übermut, die Neugierde, die Gelegenheit, eine Anwandlung des Leichtsinns, ja gar eine höchste Verzweiflung ihr Geld in naivem Vertrauen auf die Gunst des Zufalls in den Abgrund schleudern heißt, und die, nachdem jener sein Werk verrichtet, der Spielbank mit leeren oder vollen Taschen den Rücken kehren, zuweilen um sich in entlegener Ecke eine Kugel vor den Kopf zu jagen; die anderen aber, fürchterliche Systematiker, die mit ihren Berechnungen oder durch ihre Ausdauer den Zufall zu zwingen glauben; gefräßige Parasiten, die ihren Gewinn in hartnäckiger Arbeit Stunde um Stunde in elender Kleinmünze einheimsen; und dann die Hochstapler, die Betrüger, das aufgeputzte Laster, der Abschaum der Gesellschaft ... und sie mitten unter diesen!

Rechts neben ihr saß die verwitterte Ruine einer Dame, deren Züge nur mit dem Aufwand der energischsten Toilettenkünste zusammenzuhalten schienen und deren erloschene Augen nur wie im Halbbewußtsein dem Gange des Spiels folgten. Die spinnenartig dürren Finger wühlten mit nervösem Beben in einem Häuflein von Gold, aus dem sie ganz mechanisch einzelne Stücke, wie es schien, aufs Geratewohl nach irgend einer Chance warf. Auf der andern Seite ein jämmerlicher Invalide der Leidenschaft, das Gespenst eines blassen, hohläugigen jungen Mannes, dessen Lebensmark gänzlich von jahrelangem Spielfieber aufgezehrt war, eine Art Automat, dessen Bewegungen nur noch von den Rufen des Croupiers reguliert wurden.

Zuletzt erfaßte es mich wie ein Zorn, sie dort sitzen zu sehen. Wer war sie denn, daß sie in das Verhängnis meines Lebens einzugreifen wagte, sie, die am ehesten eines Helfers und eines Retters bedurfte? Ich konnte es nicht länger mit ansehen und entfernte mich, um mich draußen in dem prunkvollen, von Marmorsäulen geschmückten Vestibül zu ergehen — nun ja, um auf sie zu warten. Ich wollte sie einfach zur Rede stellen, und heute sollten die Rollen getauscht werden. Ich würde ihr meine Hand entgegenstrecken und ihr ein ähnliches Versprechen abzwingen. War sie aber auch in der Freiheit, ein solches halten zu können? Schien es nicht, als kettete sie ein unheimlich unseliges Geschick, unter dessen Alp sie sich willenlos beugte, an den Spieltisch? Nun, ich wollte sie wenigstens um eine Aufklärung ersuchen, die sie als meine Richterin legitimieren könnte. Ich wartete, wartete, bis die letzten Gäste das Haus verließen, vergebens — sie mußte für diesmal, mir unbemerkt, entschlüpft sein.

Am andern Tage, noch am Vormittag, bald nach der Eröffnung der Banken, traf ich sie wieder dort, wieder in voller Arbeit. Mein Gott, welche Eile, welche entsetzliche Beharrlichkeit! Ich stellte mich so auf, daß sie mich sehen mußte. Bald darauf trafen ihre Augen den fragenden Vorwurf meines Blickes, der starr auf sie gerichtet war. Sie zuckte ein wenig zusammen, dann fuhr der Sonnenschein jenes schelmischen Lächelns über ihr Gesicht. Sie nickte mir in einer Art kameradschaftlicher Vertraulichkeit zu. Es sah fast aus wie eine Belobung, daß ich da war und mein Versprechen so tapfer innehielt. Aber es war mir nicht möglich, auch darüber noch in Unmut zu geraten. Ich war entwaffnet und zwang auch meinen Gruß zu einem freundlichen Lächeln. Eine Zauberin, eine Hexe, vielleicht eine jener raffinierten Sirenen des grünen Tisches, von denen ich gelesen und gehört hatte ... nein, nein, nein, nicht das! Unter dem Pochen meines Herzens, das ihr Blick und die Hoffnung eines neuen Blickes in mir erregt, verschwand sofort solch häßlicher Zweifel.