Sie aber blickte nicht wieder nach mir hin. In anscheinender Ruhe waltete sie ihres Geschäftes. Aber die bebende Röte ihres Gesichtes schien Zeugnis davon zu geben, wie sehr sie sich dennoch unter meinen beobachtenden Blicken beengt fühlte. Ich stellte mich in einen Hinterhalt, um ihr die Unbefangenheit wieder zu schenken.
Mit welcher Aufmerksamkeit sie die Launen der rollenden Kugel verfolgte, mit welcher Gewissenhaftigkeit sie diese Launen in ihre Bücher eintrug! Sie betrieb solches nicht seit kurzer Zeit. Die Croupiers kannten sie; einer derselben, der Typus eines biedern und pedantischen Beamten, ein Deutscher wie die meisten der dortigen Croupiers, die aus den aufgelösten Banken der Rheinbäder hierher verpflanzt wurden, schien sie in eine Art väterlicher Obhut genommen zu haben. Zuweilen nickte er ihr mit seinem gutmütigen Bullenbeißergesicht anfeuernd zu, da- und dorthin zu setzen. Und er schien sich wirklich zu freuen, wenn er ihr einen ansehnlichen Gewinn zuschieben konnte. Auch tauschte er wohl über Tisch herüber ein paar Worte mit ihr. Es fiel das Wort »Papa«. Jener hatte sich nach einem solchen erkundigt. Wo war er? Vergeblich suchte ich im Kreise der Umstehenden nach einem Antlitz, das mit väterlicher Teilnahme die Spielerin gehütet hätte. Welch eine Gewissenlosigkeit, sie, das liebe, junge Wesen, schutzlos den Gefahren der Hölle preiszugeben! Oder »arbeitete« er vielleicht an einem anderen Tische? Wie es ja gelegentliche Konsortien giebt, die es auf eine Sprengung der Bank abgesehen haben, so mögen oft die Glieder einer Familie mit vereinten Kräften auf Beute ausgehen. »Ah, das ist alles so häßlich; das ist entsetzlich!« Dieser ihr Ausruf klang mir im Ohr.
Der nächste Tag sollte mir Aufklärung bringen. Ich hatte sie am Morgen vergeblich gesucht. Am Nachmittag erschien sie in der Eingangsthür, und nicht allein. An ihrem Arm führte sie einen ältern Herrn. Es war mehr als ein Führen, ihre straff aufgerichtete Gestalt diente ihm als Stütze, während er sich auf der andern Seite eines Stockes bediente. Sehr behutsam bewegte sie sich auf dem glatten Parkett, mit liebevoller Vorsicht bewachte sie seine Schritte. Seine Gestalt war gebückt, so daß sie ihn, der selbst nur seine zierliche Mittelfigur war, überragte. Den Kopf mit den eisgrauen, etwas vernachlässigten Haaren trug er vornüber gebeugt, doch seine Augen fuhren von unterwärts unruhig im Saal umher. Jetzt ging das Schlürfen seiner Tritte in ein nervöses Trippeln über. Er schien es nicht erwarten zu können, bis sein erstes Goldstück auf der grünen Fläche lag.
Sie führte ihn an einen der Tische und wechselte mit einem der Croupiers ein paar Worte, worauf dieser einen müßigen Gaffer, dessen Ellenbogen der Bank nichts einbrachten, von seinem Sitze herabnötigte. Dann hieß sie den Vater — er mußte es wohl sein — behutsam niedersitzen. Sie selbst blieb hinter dem Stuhl stehen, jede seiner Bewegungen beobachtend; es war etwas von der rührend zärtlichen Sorgfalt, mit der eine Mutter ihr krankes Kind behütet.
Es dauerte eine Weile, bis der erste Einsatz erfolgte. Das Aktenmaterial, dessen der Ankömmling zu seinem Spiele bedurfte, war ein erstaunliches. Seine nervösen Hände zogen immer neue Paketchen aus den Taschen seines Rockes hervor. Er breitete mehrere mit Zahlen und Zeichen überdeckte Listen aus, legte sich verschiedene Büchelchen zum Einzeichnen zurecht, stapelte seine Kasse von Gold und Silber vor sich auf, alles das mit langsam pedantischer Peinlichkeit, bis auf die Prüfung der Rot- und Blaustifte. Und nun, nachdem das »Bureau« gehörig in Ordnung lag, saß er mit gefalteten Händen da und lauerte. Lauerte mit dem eigenartigen, krankhaften Glitzern seiner dunklen Augen, mit den feinen zuckenden Bewegungen seiner Gesichtsmuskeln. Ja, das ganze glatt rasierte Gesicht, das beim ersten Anblick den Eindruck der Hilflosigkeit machte, schien sich aus seiner Schlaffheit aufzuraffen und sah wie verjüngt aus.
Nach jeder Kugel notierte er hier und dort in den verschiedenen Listen und Büchern mit der Gewissenhaftigkeit und dem peinlichen Ernst eines Kassenbeamten. Endlich begann er in Silber und mit den kleinsten Einsätzen zu spielen. Man sah, es geschah nicht des Gewinnes wegen, nur um kostbares dokumentarisches Material für seine Bücher zu gewinnen. Ja, es kam vor, daß er bedauernd die Achseln zuckte, wenn ein Satz einschlug, der nach seiner Berechnung eigentlich verlieren mußte, oder daß er einen Verlust als hochwillkommen mit einer kinderhaft listigen Miene notierte.
Nun war die Arbeit in vollem Gang; Gewinne und Verluste wechselten und wurden sorgfältig eingetragen. Da schien es die Tochter nach einem Stündchen der Erlösung zu gelüsten. Nach einer zärtlich betonten Frage, die der Vater mit einem Nicken in das eine der Bücher hinein bejahte, empfahl sie sich. Jetzt erst wandte er den Kopf nach ihr zurück, um ihr eine freundliche Miene zum Abschied zu bieten, aber zu spät, sie war schon fort.
Ich ihr nach. Ich ereilte sie draußen am Eingang des Parkes.
»Mein Fräulein, ich habe Ihnen abzubitten ...«
Sie schien durchaus nicht überrascht, sie wußte sofort.