»Ah, —« fiel sie lebhaft ein, »ich verstehe: Sie hegen einen Groll gegen mich, daß ich Ihnen die Hände band. Ich am wenigsten, meinen Sie, hätte eine Berechtigung, Moral zu predigen. Ich habe wohl Ihr Staunen bemerkt, mit dem Sie meinem Treiben zusahen.«

»Ich fange an zu begreifen, und ich bin gekommen, Ihnen Abbitte zu leisten.«

»Um des Himmels willen, ich möchte nicht, daß Sie falsch begriffen. Der Schein und ein so häßlicher Schein ist wider uns. Sie müssen uns zur allerschlimmsten Profession zählen!«

»Ich muß gestehen, es thut mir in der Seele weh, Sie dort spielen zu sehen —«

Ein kurzer, leicht überraschter Blick aus ihren Augen streifte mein Antlitz. Gleich aber wehrte sie sich selbst gegen die Versuchung, sich meiner Teilnahme zu freuen:

»O, ich wünschte nicht, daß Sie mir Ihr Mitleid auf Kosten meines Vaters zuwendeten. Das, was ich thue, thue ich mit Freuden, wenn auch mit dem Eifer, diese — Sache endlich zu einem Resultat zu führen. Ich sagte Ihnen schon, das, was wir treiben, treiben wir seit drei Jahren. Es ist eine gute Sache — und wenn ich auch selbst mich keiner Illusion hingebe, so ist es doch meine Pflicht, in ihrem Dienste treu auszuharren. Und Vater glaubt daran — nennen Sie es eine Marotte, die bedenklich genug wie eine Krankheit aussieht. Genug, es ist mein Vater, und er hat sich die Durchführung seines Planes zur Lebensaufgabe gemacht. Ich sehe, ich spreche in Rätseln. Nun gut, sehr einfach, wir sind einem System auf der Spur, mittels dessen die Macht des Spielteufels gebrochen werden soll.«

Das letzte kam kleinlaut heraus, und um ihre Mundwinkel bebte etwas wie ein ironischer Ausdruck. Ah, sie glaubte selbst nicht an dies System und an die Möglichkeit, mit einem solchen den Zufall zu meistern! Ich hatte oft genug vor den Zeitungskiosken gehalten und mit lüstern verwunderten Augen die Auslagen der Broschüren und Bücher gemustert, die sich auf das Spiel beziehen, hochtönende Anpreisungen, wie man mit einem Einsatz von tausend Franken oder noch weniger eine Million gewinnen kann, wie man verfahren muß, um mit Sicherheit zu gewinnen, allerlei Systeme, das Glück zu korrigieren, von den kleinen niedlichen Büchelchen, die man im Vorbeigehen wie zum Scherz einsteckt, bis zu den ansehnlichen Bänden, die hinter dem verklebten Schnitt das Geheimnis mit einem Aufwand gelehrter Formeln und weit ausholender Kombinationen analysieren. Es finden sich Gimpel genug, die, mit solcher Anweisung ausgerüstet, den Kampf mit dem Glück aufnehmen, oder welche gar die persönliche, teuer bezahlte Hilfe sogenannter Spielprofessoren in Anspruch nehmen. Am wenigsten glauben diese Professoren oder die Verfasser solcher Werke an ihre eigene Wissenschaft.

Nein, auch sie glaubte nicht an solches System! Ich konnte mein Staunen, ja den sichtbaren Ausdruck des Schreckens nicht unterdrücken. Ihr Vater ein Phantast, schlimmen Falls ein bedenklicher Abenteurer, und sie, das liebe, liebliche Geschöpf, das seine Jugend im Dienst eines abscheulichen Hirngespinstes opfert!

»Nicht das, nicht das!« rief sie, sofort meine Miene deutend. »Ich bitte Sie, meinen Vater nicht mit den andern zu verwechseln. Alles das ist seltsam und außergewöhnlich, man darf darüber lachen, man darf darüber die Achseln zucken — wenige werden solches begreifen. Wie gesagt, wir rangieren in einer Reihe mit dem erbärmlichsten Gelichter, und man muß die Umstände kennen, die zu solchem Auswuchs geführt — nein, nicht jeder wird sich die Mühe nehmen, uns zu begreifen. Aber ich muß ihn verteidigen, wenigstens ihn, den armen Vater. Mag die große Masse mich selbst verdammen ... es findet sich doch noch jemand, der all diese Unseligkeit aus dem Herzen entschuldigt — und ich möchte nicht, daß Sie ...« Sie stockte, dann sah sie mir mit treuherzigen Augen voll ins Gesicht. »Sie sind gut, mein Herr, man sieht es Ihnen an. Sie haben ein Unglück gehabt, auch das liest man aus Ihren Mienen, aus allem. Wir haben uns unter so seltsamen Verhältnissen kennen gelernt. Wie gesagt, ich möchte nicht, daß gerade Sie von hinnen schieden oder uns gar den Rücken wendeten ...« Wieder stockte sie und plötzlich, mit abgekehrtem Gesicht, um das Flammen ihrer Röte zu verbergen, wies sie nach einer Bank, die unter einer natürlichen Laube herabhangender Palmfächer stand. »Kommen Sie zu meiner Lieblingsbank! Man hat von dort aus den herrlichsten Blick über das Meer.«

Es war keine zu große Absonderlichkeit, das, was sie mir von den Geschicken ihres Hauses erzählte. Für mich nicht, der ich selbst ein Bankerotteur war und den das Geschick auf ähnliche Weise heimgesucht. Die Familie hatte im Vollen gelebt. Mehrere Fabriken in der Nähe von Frankfurt am Main, sowie einige Bergwerke im Taunus befanden sich in ihrem Besitz. Eines jener köstlichen Weingüter des obern Rheingaues mit dem Schmuckstück einer Villa diente ihr zum Sommeraufenthalt. Sie waren glücklich, sie waren geachtet, ich erinnere mich jetzt, wie vor zehn Jahren die Firma des besten Klanges genoß, bis sie dann anfing zu bröckeln, um schließlich mit einem Krach, der auch in der weiteren Geschäftswelt Staub aufwirbeln machte, zusammenzustürzen. Was war es? Niemand kann besser Auskunft geben als ich selber. Ja, wie kommt es? Eine kleine Schlappe, die einen ärgert und deren Folgen man allzu gründlich ausmerzen möchte, eine unselige Folge von Umständen, Ereignissen, Kombinationen, die an dem Bestand des Hauses rütteln, Strebertum und die »Sucht nach mehr« und das Schicksal des Fabrikanten, die entsetzliche Tagesmode, die in plötzlicher Laune die Maschinen unserer Werkstätten zum Stillstand bringt und die Arbeiter aus den Sälen treibt, sowie man sich nicht sofort ihrem Gebote fügt. Hier waren es noch andere Verhängnisse, die das Haus zu Falle brachten, und diese Verhängnisse hießen: Homburg, Baden-Baden, Wiesbaden. Nicht daß sich der Besitzer der Firma F. Werler wie ein unverantwortlicher Leichtfuß dem Spielteufel in die Arme geworfen. Eine ganz dumme Gelegenheit brachte ein fabelhaftes Glück, und in kritischer Stunde erinnerte man sich dieses Glückes. Ganz allmählich, ganz unmerklich umstrickte der Teufel die Firma mit seinen Netzen, verschlang die Fabriken und Bergwerke und scharrte das Schmuckkästchen von einer Villa über den grünen Tisch hinüber in den Abgrund hinein. O, man weiß es, wie die letzte Verzweiflung nach unseligen Mitteln greifen heißt, und mir ziemt es gewiß nicht, jenen zu verdammen.