»Ich verstehe, mein Fräulein, ich verstehe!« nickte ich.
Ah, mit welch dankbarem Blick sie mir antwortete!
Die Mutter starb aus Gram, den Vater ereilte ein Schlaganfall. Eine ältere Schwester war verheiratet; aus dem Zusammenbruch war eine kleine Fabrikanlage gerettet worden, die unter den nicht zu geschickten Händen eines Bruders kümmerlich vegetierte. Sie selbst, Vater und Tochter, irrten in der Welt umher, die Stätte ihres frühern Glückes meidend, als Mitglieder jenes bedauernswerten internationalen Proletariats, das die Weltorte und großen Modebäder bevölkert.
Wie war es möglich, daß sie dennoch wieder jener entsetzlichen, alles verzehrenden Flamme zuflattern konnten? Wie kam Herr Werler zu der Marotte seines Systems? Es hatte lange in ihm gebrütet. Mit wachsender Besorgnis sah Helene, wie seine Gedanken sich immer mehr in ein gewisses Hirngespinst vergruben. Und dieses Hirngespinst trat immer sichtbarer in Tabellen und Berechnungen hervor. Sein System — Herrgott, was ist’s!? Was will Papa? Papa’s Verstand ist doch nicht ... nein, nein, nicht solches, nicht das Äußerste!
Wer der Gelehrten vermag die Grenze zu ziehen, wo der Verstand aufhört und der Wahn beginnt? Das Gefühl der Reue hatte den Keim zu dieser Marotte großgezogen. Die Arbeit sollte eine Art Sühne bedeuten: es mußte und mußte sich dennoch eine Formel finden lassen, die dem Dämon die Macht aus der Hand nahm. Es wäre die Rache für ihn und alle die anderen Ruinierten. Gegen eine solche Formel würde sich keine Bank mehr halten können; die Hölle müßte geschlossen werden, es gäbe so viel Thränen, so viel Verzweiflung, so viel selbstmörderische Schüsse weniger. Es wäre ein ungeheurer Dienst, den man der Menschheit leisten würde.
Und er rechnete, rechnete. Das Hirngespinst nahm immer hartnäckiger Besitz von seinem Thun und Denken. Aber er würde so nicht weiterkommen, man mußte die Theorie durch die Praxis ergänzen und erproben, man mußte nach Monaco und in der Hölle selbst die Hölle bekämpfen.
»Papa, lieber, lieber Papa, thue es nicht!« — Wie sie gefleht haben mochte, um ihn von dem Gedanken abzubringen! Umsonst! Sie siedelten nach Monaco über. Und dann begann die fürchterliche, die nerventötende Arbeit. Sie brauchte mir nicht erst zu sagen, wie viele Stunden sie am Spieltische verbrachte, während ihr Vater, durch seine Gebrechen meist an die Stube gefesselt, an seinen Tabellen saß, begierig auf ihre Rückkehr, die ihm neues Material herbeischaffte. Und so arbeitete sie Tag um Tag, drei lange Jahre hindurch in rührender Hingebung. Mehrmals am Tage eilte sie nach Hause — sie wohnten am äußersten Ende von Condamines, dicht unter dem von dem Gischt der Brandung umtosten Felsen von Monaco — um sich ihrer Aufzeichnungen zu entledigen oder neue Instruktionen zu empfangen. O, sie arbeitete mit äußerster Gewissenhaftigkeit! Zuweilen war es, als müßte sie selbst an die Vortrefflichkeit des Systems glauben. Dann kam der Kobold des Zufalls und schüttelte mit frecher Hand all die mühsamen Kombinationen durcheinander. Immer wieder zeigte das System eine neue Lücke. Und wenn es wirklich ein paar Tage standhielt, so eröffnete sich plötzlich eine so unerwartete Serie oder ein so willkürliches Umspringen der Chancen, daß es allen Berechnungen Hohn sprach. Da gab es Zeiten, wo der Erfinder selbst verzweifelte und wo er schon im Begriff war, mit einer Verwünschung all das mit unendlicher Mühe aufgespeicherte Material, das seinem Schreibtisch den Anschein einer soliden und fleißigen Geisteswerkstatt gab, in den Kamin zu schleudern. Dann war sie es sogar, die ihn gegen ihre Ueberzeugung aufrichtete: wie eine Scheu vor einem gewissen unheimlichen Nichts, das dann an die Stelle all der Arbeit träte? Oder war es die Ueberzeugung, daß diese Arbeit seinen grübelnden Geist von Schlimmerem ablenkte?
Und von neuem setzte er sich hin und begann aus den Trümmern der Akten ein anderes System aufzubauen. Von neuem setzte sie sich an den Spieltisch, hartnäckiger denn je, mit der letzten Spur einer Zuversicht, daß die gute Sache dennoch über die schlechte den Sieg davontrüge. Und wieder die entsetzliche, vielstündige Holzhauerarbeit — kaum daß sie sich Zeit gönnte, einen hastigen Imbiß zu nehmen oder auf eine kurze Weile dieser Pestluft zu entfliehen, nur ein paar Atemzüge der reinen Gottesluft zu schlürfen. Drei Jahre lang, Tag um Tag, Stunde um Stunde — kein Zucken der Ungeduld, nein, nur der lächelnde Schein freudiger Pflichterfüllung ihm, dem Kranken, gegenüber, so muß man ihn nennen.
»Sie sind eine Heldin, Sie sind ein Engel ...« nein, nicht in Worten brach es heraus, aber das begeisterte Leuchten meiner Augen mußte es ihr sagen, und die stürmische Bewegung, mit der ich ihre Hand drückte, redeten deutlicher als Worte.
Sie war allem abhold, was an das Theatralische erinnerte. Eine weitere Erläuterung schnitt sie kurz ab, indem sie aufstand: