»Jetzt muß ich nach Papa sehen!«
Wir schritten dem Kasino zu. Ich verabschiedete mich am Portal und dann stand ich lange noch wie gebannt und sah ihr nach, sah, wie sie leicht schwebenden Schrittes die Treppe hinaufeilte und ihre Lichtgestalt, auf welcher der Sonnenschein hier draußen so verklärend geruht, von der unheimlichen Dämmerung der Hölle verschlungen wurde.
Die drei Tage waren längst verstrichen. Ich spielte nicht mehr. Ich hätte nicht gewagt, ihr wieder unter die Augen zu treten, wenn ich, trotzdem die Grenze meines Versprechens längst überschritten war, mich noch einmal von dem Dämon hätte hinreißen lassen. Doch keiner der wütendsten Spieler hielt beharrlicher das Kasino besetzt. Ich umkreiste es schlendernd, saß auf allen Bänken und lehnte auf allen Balustraden, ich durchstöberte die Zeitungen des Leseraumes und naschte in dem üppigsten Konzertsaal der Welt einige Takte Musik, stets von der fiebernden Sehnsucht hin und her getrieben, bis ich immer wieder Ruhe für meine Sinne und Gedanken fand an dem Spieltisch, an dem sie »arbeitete«.
Ich hielt mich im Hintergrunde, damit sie die Verlorenheit meiner Blicke nicht gewahrte. Zumeist blieb mir ihr liebes Antlitz von den Gestalten und den erregten Bewegungen der Spieler versteckt, aber ich war glücklich, auch nur ein nickendes Federchen ihres Hutes zu erhaschen. Und nichts Gleichgiltigeres, als das Klingen und Klippern des Goldes, das die andern so berauschte. Ihr Kommen und Gehen entging mir nicht. Ich schlich ihr von der Ferne nach wie ein sehnsüchtiger Gymnasiast, ich kam mir so klein und erbärmlich vor, und ich mußte mir jedesmal Mut zusprechen, um mich ihr offen zu nähern. Das geschah in den Pausen, die sie sich während der Arbeit gönnte, oder auch auf ihren Her- und Heimwegen. Sie nahm meine Begegnungen ohne Überraschung und in ihrer ruhigen und offenen Heiterkeit hin. Wir plauderten wie zwei gute Kameraden, aber sie mochte wohl die Heuchelei bemerken, mit der ich meine Leidenschaft verdeckte.
Ich hatte die Trostlosigkeit meiner Verhältnisse offen vor ihr entfaltet. Sie wüßte das, sagte sie ohne Verwunderung. Und auf meinen fragenden Blick fuhr sie fort:
»Nun, ich dächte doch, man lernte es hier, Verzweiflung und Unglück aus den Gesichtern zu lesen. Aber Sie sind auf dem Wege der Besserung« — fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu. Es klang nicht wie eine Frage, hell strahlten mich ihre Augen an.
»Wieso?!«
»Nun, weil Sie nicht mehr spielen, nicht mehr Ihr Heil von dem stupiden Ding einer Roulettekugel erwarten. Weil Sie sich geschworen haben, überhaupt nie wieder zu spielen. Weil Sie Mut haben wollen und willens sind, all das Verfahrene aus eigener Kraft und mit ehrlicher Arbeit wieder einzurenken!«
Ja, ja, ja ... ich gestand es mit stummem Nicken zu wie ein reuiger Knabe, der sich bessern will. »Mein Fräulein ...«