Nein, dazu hatte ich nicht den Mut — nicht dazu! Es gärte und brütete in mir, vielleicht würde ich den Mut erringen ... wer war ich denn, daß ich solches wagen durfte? Ein bankerotter Mann, der nach Monaco gereist war, um sich dort eine Kugel vor den Kopf zu schießen. Aber ich war ein anderer geworden, ich war geheilt und sie, die Süße, Einzige, mein rettender Engel! Ich bin wieder ein Mann geworden, der neugewonnenen Mutes den Kampf mit dem Leben aufnehmen wird! Ah, wer doch Hand in Hand mit ihr, dem besten Kameraden, in diesem Kampfe stehen dürfte! Welch eine Gefährtin für die Irrsale des Lebens!
Sie war mein rettender Engel gewesen — erforderte das nicht den Gegendienst, daß auch ich ihr eine Rettung anbot? — mein Herz, mein gutes ehrliches Herz als bergenden Hort, wo sie den bittern Harm ihrer Vergangenheit vergessen könnte, — meinen starken Arm, der von nun an all die häßliche Unbill des Lebens von ihr fernhalten würde ...
Es war nach elf Uhr abends. Die Banken waren im Begriff zu schließen, und die Diener schickten sich an, in übereiliger Hast, gerade wie in einem Theater, noch ehe das Publikum den Saal geräumt hat, die kostbaren Möbel der Spieltische mit den grünen Schutztüchern zu versehen. Drei von den Banken waren bereits geschlossen. An einer derselben hielt sie noch stand bis zur letzten Kugel. Nun erhob sie sich, und ich nahte mich ihr mit ein paar begrüßenden Worten, um ihr meine Begleitung nach Condamines hinab anzubieten. Wir durchschritten den ersten Saal, wo noch eine Bank im Gange war, dicht umwogt von aufgeregten Gestalten, die sich einander den Platz streitig machten, um die letzte Chance des Tages zu benützen. Statt der unheimlichen Kirchenstille war hier ein lauter Tumult, den die Stimmen der Croupiers nur mit Mühe übertönten. Da kam jemand aus dem hintern Saal des Trente-et-Quarante dahergerast, wohl ein Wahnsinniger: das wüste Gewirr seines Schwarzhaares, die hervorquellenden, lodernden Augen, der stürzende Schritt und die Hände, die verzweifelt in den beiden Taschen seines Jacketts wühlten — dahergerast, auf den Spieltisch zu.
»Faut gagner ... savez-vous ... faut gagner! ... gagner!« schrie er mit heiser krächzender Stimme. Rücksichtslos brach er durch die Masse, mit einem Ruck seiner Arme die Spieler zur Seite drängend. Man wich entsetzt zurück.
Und nun, mit dem Oberkörper auf der Tischplatte liegend, streute er mit den weit ausgestreckten Armen Geldstücke, Gold und Silber, aufs Geratewohl aus.
»Faut gagner ... faut gagner!« schrie er wie besessen.
»Rien ne va plus!« rief der Croupier, und er wiederholte den Ruf nochmals im gebieterischsten Tone. Da sah man den Rasenden eine Gebärde machen, als wollte er jemand mit seinen Fäusten erwürgen — etwa den Croupier dort, der ihm Einhalt gebot und der doch nichts wie seine Pflicht that?
Erschüttert und empört wandten wir uns von solch widerlichem Schauspiel ab. Draußen empfing uns die erhabene Weite eines glänzenden Sternenhimmels, und das Rauschen des Meeres drang wie ein mahnender Gruß aus einer reineren Welt zu uns herauf. Wir hielten unwillkürlich inne, es war ein gemeinsames, hörbares Aufatmen, mit dem wir unsere Brust von dem Alp befreiten.
Dann gingen wir langsam die Rampe nach Condamines hinab. Wir schwiegen, aber mein Schweigen war ein bebender Zorn. Nein, ich darf es nicht dulden, daß diese kostbare Blüte in solchem Pesthauch verkümmert! Nein, ich will und muß sie erretten aus solchen Höllenqualen! Und es muß uns beiden gelingen, ihn, den kranken Vater, von seinem unseligen Hirngespinst zu befreien!
»Mein Fräulein« — begann ich zögernd. »Ich will fort! Ich muß diesen Ort verlassen. Ich kann dies alles nicht länger ertragen. Ich möchte nicht von hinnen gehen, ohne einen Versuch gemacht zu haben, Sie zu erlösen ...« Und mit jedem Worte gewann meine Stimme an Festigkeit. »Sie sind meine Retterin gewesen, ich möchte Ihr Retter sein! Wollen Sie — mein — Weib werden? ..«