»Bitte, Herr Sanitätsrat!«
Magnus war aufs äußerste bestürzt. Welch eine Situation! Welch eine Verlegenheit! Die armen Eltern — arme Emmy! Er weiß, der Tod wäre ihr lieber, als ein Wiedersehen mit ihren Eltern an diesem Ort ...
Eine Stunde darauf erschien Schwester Jemima, ein wachsblasses Gesicht mit großen, dunkelgrauen Augen, die weder Kummer, noch Schreck, noch Freude, noch Trauer zu kennen schienen; ihr Gang war ein schattenhaftes Schweben und ihre Bewegungen völlig lautlos. Sie war eine geborene Komtesse M. und als Wärterin in allen aristokratischen Krankenstuben beliebt.
Auch sie sah und hörte nichts und schien über nichts nachzudenken. O, auch sie erlebte Romankapitel genug in ihrem schweren Dienst! Moralische Kasteiung ist ja noch viel verdienstvoller, als körperliche!
Am Morgen noch vor acht Uhr betrat Magnus in der Treskowstraße das Haus, wo Emmys Vater, der Zahlmeister a. D. Köster, wohnte. Es war eines jener Häuser, die gleich nach dem Neubau schon einer zehrenden Alterskrankheit verfallen, als ob die Armut, die sie bewohnt, ein bösartig gefräßiges Ungeziefer sei. Man wies ihn in einem feuchtdüstern, brunnenartigen Hof nach einer Hintertreppe. Langsam stieg er die abgetretenen Stufen hinan, als schleppte er mit seiner peinvollen Meldung eine Last empor. Die dumpfe Luft der Armut, die ihm entgegenwehte, fiel ihm schwer aufs Herz. Die Thüren trugen entweder gar keine Schilder, oder sie waren mit einer Menge vergriffener Karten, ja nur Zettelchen statt solcher bedeckt. Hinter der einen gellte Weibergekeif, Kindergeschrei jeglicher Tonart drang aus allen Ritzen, das ganze Haus schien davon zu vibrieren. Und er hatte dulden müssen, daß sie, die Geliebte, unter solchem Druck atmete! Wenn sie wieder besser ist ... ach, er wagte nicht, sich diese Hoffnung vorzugaukeln!
Emmy hatte die Verhältnisse ihres Elternhauses nur mit kurzen Andeutungen gelüftet. Ihr Vater hatte als Zahlmeister in der Armee gedient, er litt am Größenwahn, sein störrischer Sinn hatte ihn hart an einer Insubordination vorbeistreifen lassen, und er kam noch gerade mit dem blauen Auge eines einfachen Abschieds davon. Dann hatte er sich in allerlei Winkelstellungen versucht, die seinem stolzen Sinn aber zu subaltern dünkten. Nun war er seit lange ohne Beschäftigung, seine angeborene Rolle als verkanntes Genie ins Virtuosenhafte ausbildend. Die Mutter war ein Engel an duldender Güte. Sie war vor ihrer Heirat Lehrerin gewesen, nun gab sie für ein Spottgeld Klavierstunden an erste Anfänger. Drei Geschwister waren gestorben, Emma war die einzige — ihrer Eltern Trost und Hoffnung! — das hatte Magnus längst gemerkt.
Im vierten Stock fand er eine Thür beigelehnt. Eine scharfe militärische Stimme inquirierte jemand da drinnen.
»Also um sieben Uhr hat sie das Geschäft bereits verlassen?«
Die Köster hatten jedenfalls in ihrer Angst um die rätselhaft Ausgebliebene zu Kapp und Müller geschickt und diesen Bescheid erhalten.