Wieder wiegte sie verneinend den Kopf.

»Es war eine unselige Stunde, die mich zu solchem Gelöbnis trieb. Man muß barmherzig sein. Er befand sich damals vor dem Nichts, und die höchste Verzweiflung hieß ihn die Pistole von der Wand herablangen .... Sein Name, sein alter, ehrlicher Name, der zusammenbrach, und Weib und Kinder, die er in die Tiefen des Ruins mit hinabriß! ...«

Ich zuckte zusammen. Wie ich mich schämte! Wie ich mich jener Stunde meines Lebens schämte, da auch ich, wenn gleich nur mit den Augen und den Gedanken, nach einer gewissen Pistole langte. Und ich war doch jung und wollte mich feige davonschleichen, gerade da das Leben mich zum Kampfe entbot!

»Man muß barmherzig sein —« wiederholte sie. »Er war krank damals. Vielleicht ist er es jetzt noch. Man muß Geduld haben. Vielleicht kommt dennoch ein Tag wo er von diesem unglückseligen System geheilt sein, wo er der Hölle den Rücken wenden wird. Er mag sehr ferne sein. Noch ist gar kein Ende abzusehn. Und ich fürchtete fast für dies Ende.«

»Wir werden ihn gemeinsam zu heilen suchen. Friede soll ihm beschieden sein, auch das schwöre ich Ihnen ...«

»Halten Sie ein ... nicht das! Es müßte ein Wunder geschehn, das ihn so bald zu heilen vermöchte. Nicht das! Sie gehören dem Leben an, und das Leben verlangt von Ihnen den ganzen Mann. Alles das würde Ihnen Fesseln anlegen. Sie müssen fort! Wir werden uns nicht wiedersehen. Es darf nicht sein! — Leben Sie wohl, lassen Sie mir die Hoffnung zurück, Sie siegreich aus dem Kampfe hervorgehen zu sehen ....«

Sie blieb stehn, und mir mit der leuchtenden Klarheit ihrer wundervollen Augen voll ins Gesicht sehend, reichte sie mir die Hand wieder wie damals, ein Kamerad gegen den andern:

»Versprechen Sie mir, daß Sie tapfer sein wollen ...«

Ich ergriff die Hand mit meinen beiden Händen.

»Tapfer sein und das kostbarste Kleinod zu erringen suchen!« rief ich flehend. »Helene, Einzige, Geliebte ... Ich will Geduld haben, ich will mir an Ihrer Engelsgeduld ein Vorbild nehmen! Es muß noch alles gut werden!«