»Sie werden verkommen, Sie werden verderben unter der Qual dieser Geduld!« rief sie. »Sie werden es nicht ertragen, für Jahre, auf die Ungewißheit eines Endes hin, das, was Sie lieben, an den Spieltisch gebannt zu wissen. Leben Sie wohl! Sie gehören dem Leben an! Darf ich zum Abschied eine Phrase sagen, die keine Trivialität ist in diesem Falle: Es hat mich von Herzen gefreut, Sie kennen ge ...«
Sie stockte, ihre Stimme wankte. Sie versuchte zu lächeln, aber zwei große, schwere Thränen rollten über das zarte Oval ihrer Wangen.
Da entriß sie mir die Hand, und in brüsker Bewegung, wie im Unmut über den Verrat dieser Thränen, wandte sie sich ab, um zu gehen.
»Helene!« Wie ein Ruf der Verzweiflung klang es.
Ohne sich umzusehen, wehrte sie mir mit der erhobenen Rechten. Zuletzt glaubte ich ein letztes schwaches Winken zu gewahren.
Wie angefesselt stand ich, mit stieren Augen, starrte noch immer in die Leere hinein, nachdem längst der Schall ihrer Schritte verhallt und das Wehen ihres Schleiers in dem nächtlichen Dämmer verschwunden war. Dann stürmte ich davon.
Ich weiß nicht, wie lange ich, den Kopf in die Hände vergraben, auf jener Bank in den Anlagen gelegen haben mochte, und wie spät es war, als ich aus meiner dumpf brütenden Verzweiflung erwachte. Der Mond stand hoch, das Meer lag in weiter Glanzeshelle gebreitet, der Kies des Weges glitzerte, und über die großen, taufeuchten Blätter der Edelpflanzen flutete es in spiegelnden Lichtern. Vor mir lag der Schatten einer Fächerpalme, unter der ich saß, in scharf gezackter Zeichnung.
Ich sprang auf. Was war denn? Was sollte werden? »Nichts — nichts — nichts!« hallte es in mir zur Antwort. Eine ungeheure Öde gähnte vor mir auf.
Ich wußte, an ihrem Entschluß war nicht zu rütteln. Kein Flehen, kein Schwur und keine Macht der Überredung hätten das verneinende Wiegen ihres Kopfes in ein Ja verwandelt. Mein Gehen war ein Muß — oder ... Nein, hinweg damit! Es war nur eine ganz kurze Versuchung; ich sah mich wieder vor jenem Nizzaer Waffenladen stehen, ich sah mich in plötzlichem Entschluß dort eintreten und mit der Pistole in der Tasche eine einsame, von einer Palme beschattete Bank wie diese da aufsuchen. Ah, wie widerlich, wie häßlich! Baut sie denn nicht auf mich, daß ich tapfer sein soll? Bin ich denn nicht ein Mann? Bedarf ich der Stütze eines Weibes, um mir meinen Weg zu suchen? Habe ich ihr nicht zu beweisen, daß ich ihrer und ihrer Liebe wert gewesen wäre? Auf und fort von hier! Das Leben verlangt nach mir! Sie hat recht! Das Nichts, das ich bin, soll wieder ein Etwas werden. Vielleicht ist dennoch eine Spur der Hoffnung! Vielleicht, wenn ich später einmal wieder vor sie hintrete ... Ah, daran wage ich nicht zu denken, jetzt nicht!
Wie ich aus den Büschen trat, sah ich das Kasino vor mir aufragen. Keine Phantasie eines orientalischen Märchenerzählers hätte Prächtigeres zu ersinnen vermocht als dies üppig-graziöse Ziergebilde der Architektur, wie es dort im magischen Schein des Mondlichtes wie hingezaubert stand. Aber ein ungeheurer Zorn erfaßte mich bei dem Anblick. Der Teufel war sein Baumeister, Thorheit heißt sein Fundament, Habgier und Verzweiflung lieferten das Material, und der Kitt bestand aus Thränen — hei, und wie hat das Laster den Rohbau so wundervoll übertüncht und verziert! Und ich hob die geballte Faust empor und schleuderte eine laut gellende Verwünschung gegen das Gebäude.