Ich hatte mich losgerissen, ohne einen Versuch, sie noch einmal zu sehen. Der Zug, den ich bestiegen, sollte mich über Savona nach Mailand bringen, von wo ich die Weiterreise nach Deutschland fortzusetzen gedachte. In Porto Maurizio erwartete uns eine Überraschung. Es hatte vorwärts dieser Station ein Felssturz stattgefunden, und der Bahndamm war auf eine Strecke weit von Trümmern überschüttet. Die Aufräumung würde mindestens einige Tage in Anspruch nehmen. Aber für den, der weiter wollte und mußte, war mit Aufopferung eines halben Tages die nächste Station auf dem Landwege zu erreichen, auch sollte von morgen ab von jenseits der Unglücksstelle ein bereitstehender Zug die Reisenden weiterführen. Kurz, das materielle Hemmnis zur Weiterreise war nicht von Belang.
Warum verschmähte ich nun diese Gelegenheiten? Warum nistete ich mich nun in Porto Maurizio ein? Etwa weil die romantische Lage des Ortes und seine üppigen Orangenhaine mich fesselten? Jetzt in dieser Seelenstimmung? War es ein naiver Aberglaube, daß eine höhere Macht mir durch diesen Sturz Halt gebot? Ja, mich umkehren hieß? War es eine letzte Anwandlung der Schwäche, die mich plötzlich lähmte und mich sehnsuchtskranken Herzens hier, nicht allzu weit von dem Ort meines Verhängnisses, festbannte?
Ich blieb zwei Tage in Porto Maurizio; dann beschloß ich, den Weg über Marseille zu nehmen. Ich erinnerte mich plötzlich, daß es nicht ohne Nutzen für meine geschäftliche Rehabilitierung wäre, wenn ich durch mein persönliches Erscheinen in dieser Handelsstadt gewisse kaufmännische Beziehungen auffrischte und von neuem stärkte.
Nein ich wollte nicht in Monte Carlo halten! Ich hatte mir ein direktes Billet nach Marseille genommen. Eine unwiderstehliche Versuchung hieß mich dennoch aussteigen und noch einmal die Hölle betreten. Ach, mich dürstete so nach einem letzten Blick aus ihren Augen — ach, nur auf wenige Minuten die süße Qual ihrer Nähe zu genießen! Dann wollte ich ja gehen, wohin mich das Geschick entbot.
Ich suchte an allen Tischen. Sie war nicht da. An einem derselben sah ich ihren Vater sitzen. So mochte sie draußen weilen, obgleich die Nacht schon heraufgebrochen und die Laternen schon angezündet waren, als ich das Kasino betrat. Oder ich würde sie im Konzertsaal finden — nein, ich wollte ihr ja nicht gegenübertreten! Ich mußte ihr und mir solche Begegnung ersparen! Vielleicht kam sie bald herzu, und ich durfte sie aus meinem Versteck beobachten. Weiter nichts!
Noch nie war mir die Luft hier so erstickend schwül vorgekommen, noch nie so unheimlich das fahlgrüne Dämmerlicht. Die Spieler mit ihrem gierigen Hinundherhasten, und im Gegensatz dazu die Croupiers in ihrer unbegreiflichen Geschäftsruhe, alles das erschien mir in solch häßlicher Verzerrung. Ich meinte, unter Gespenstern zu weilen. Der Anblick Herrn Werlers erfüllte mich mit Jammer. Er arbeitete wie im Fieber, als gälte es die Rettung seines Systems. Seine kleinen grauen Augen flackerten, und die mit geschwollenen Adern bedeckten Hände fuhren in einem nervösen Tasten umher, rückten an den Büchern, schoben und verschoben die Goldhaufen. Er setzte nicht jedesmal, aber mit einer angstvollen Spannung beobachteten seine Blicke das Rollen der Kugel.
Jetzt erst bemerkte ich, daß auch bei den anderen Spielern eine größere Erregung herrschte. Ich hörte, wenn die Kugel einspielte, Rufe des Staunens, ja der Entrüstung. Von den benachbarten Tischen kamen Neugierige herbei. Eine Äußerung eines Umstehenden gab mir Aufschluß.
»Das ist ja zum Verzweifeln! Unerhört! Schon zweiundzwanzigmal wechselt rouge und noir!«
Es war eine jener tollen Launen des Spiel-Dämons, mit denen er all den Hoffnungen und Berechnungen ein Schnippchen schlägt. Wenn schon jene einfarbige Serie, wo eine Farbe bis zu dreißigmal hinter einander einschlägt, die Spieler ratlos macht, wie viel mehr eine jener alternierenden Reihen, wo rouge und noir in staunenswerter Konsequenz miteinander abwechseln.