Tot! — Zuerst lähmendes Entsetzen, das aller Mienen und Gebärden gefangen hält. Und nur das laut knarrende Rollen der Kugel in dem Roulette.
»Es ist nichts, eine Ohnmacht!« will einer der Beamten beschwichtigen. Eine ganze Schar von Dienern und Beamten ist schon damit beschäftigt, in widerlicher Eile den Körper der Toten wegzuschaffen. Vorsichtig, damit die an den anderen Tischen nichts merken, damit das Geschäft keine Unterbrechung erleidet. Was ist weiter? Es fallen so viele Opfer in Monaco — laßt einmal eines auf der Wahlstatt selbst erlegen sein!
Das Entsetzen wächst. Alles hat sich erhoben; aber viele Spieler wollen dennoch ihren Gewinn nicht im Stich lassen: »Es ist nur eine Ohnmacht ...« Mit einem verlegenen Lächeln der Scham streichen sie ihre Goldstücke ein, welche die Bank hastig auszahlt, und machen sich davon.
Aber die Bank wagt es doch nicht, ein neues Spiel zu eröffnen. Ratlos, flüsternd, achselzuckend stehen die Beamten am Tische, der von den Spiellustigen gemieden wird. Das Ereignis hat an den anderen Tischen keine Störung hervorgerufen, doch die scheuen Blicke fliegen nach der Stätte des Unglücks hinüber, wo auf der ungeheuren Leere der grünen Fläche immer noch die Millionen harren, grell von dem orangegelben Licht der großen Lampe beleuchtet. Dort sieht man auch die geschniegelte Wachsfigur des Obercroupiers stehen, der mit scharfen Polizeiaugen den Mammon hütet; von Zeit zu Zeit nimmt er seinen Remontoir aus der Tasche; bald wird die angesagte Viertelstunde verstrichen sein, dann werden die Beamten die Millionen weggeräumt haben, die letzte Erinnerung an diese »Störung des Geschäftsbetriebs« — und dann wird der Teufel wieder sein »Faites votre jeu!« ausrufen, als wäre nichts geschehen!
Solches also mußte sich ereignen, damit das System Herrn Werlers zum Auffliegen gebracht wurde!
Der alte Herr hatte sich mit den anderen erhoben. Totenblässe bedeckte sein verstörtes Antlitz, und seine Augen drückten äußerstes Entsetzen aus. In mechanischer Bewegung hatte er einen Teil seiner Bücher und Listen zusammengerafft, den an seinen Stuhl lehnenden Krückstock ergriffen und schickte sich an, mit dessen Hilfe den Saal zu verlassen. Das war nicht so leicht auf der tückischen Glätte des Parketts. Zehn Schritte mühte er sich vorwärts, dann blieb er stehen, sich mit hilflosen Blicken nach seiner Tochter umsehend. Seine gebückte Gestalt schien zu wanken — ich war herzugesprungen.
»Herr Werler, darf ich Ihnen helfen?« Und ich bot ihm meinen Arm.
Er sah mich mit ängstlichem Erstaunen an. Da bemerkte ich, daß er einiges von seinen Aufzeichnungen hatte fallen lassen. Ich bückte mich, um ihm das zuzustellen.
Mit einer heftig abwehrenden Gebärde, die fast wie ein Abscheu aussah, wies er die Heftchen von sich. Etwas wie ein »Nimmermehr!« entfuhr ihm.
»Sie dürfen ruhig meinen Arm annehmen —« beruhigte ich ihn. »Ich habe die Ehre, Ihr Fräulein Tochter zu kennen. Sie muß Ihnen von mir erzählt haben,« wie sie sagte — »Thomas Born,« stellte ich mich vor. »Wir werden die Dame sicherlich draußen treffen.«