Das Schreiben enthielt nicht viel, ein paar Mitteilungen über die laufende Arbeit. Zum Schluß, daß es dem Bub’ staats geht und er fleißig Wein trinkt. Dennoch studierte sie oft und lange an diesen Berichten. Meine Frau hatte sie einmal spät am Abend überrascht, wie sie, im Bette liegend, beim müden Dämmerschein der Nachtlampe eins der Papiere in den Händen hielt und darin aufmerksam las. Das brave, prächtige Weib! Sie wollte uns nicht merken lassen, welches Opfer sie uns brächte, und wie sehnsüchtig ihre Gedanken nach der Heimat flogen.
Plötzlich stellte »er« sich selber ein, nachdem vierzehn Tage jedes Schreiben ausgeblieben war. Ein mächtiger, massiver Mann, selber wie aus Eisen getrieben, sogar das Gesicht: schwarze Haare, schwarze Gestrüppe von Brauen, ein schwarzer Kranzbart unter dem Kinn, das übrige bis in die Augen hinein schwärzlich glänzend rasiert — nur die Augen und die Lippen, wenn er sie öffnete, sahen wie aus weicherem Stoff gefertigt aus.
Die Begrüßung mit seinem Weib war die denkbar einfachste. Ein kurzes Auffahren der Überraschung von ihrer Seite, dann schritt sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand, ohne daß sich in dem Eisenwerk seines Antlitzes etwas regte. Er war kein Freund vom Reden. Wie es ginge? was der Bub’ machte? — Doch nur ein bejahendes Nicken zur Antwort.
Einen Augenblick war es, als käme ihr die Nuance dieses Nickens nicht ganz geheuer vor: — warum war er doch gekommen? »Geschäfte,« meinte er mit einem Achselzucken, und er wandte sich ab. Dann schien es, als wollte er sie beiseite haben, um ihr etwas zu sagen. Da meldete sich gerade unser Junge. »Komm, du mußt den Bub’ begucke!« rief sie und zog ihn in die Kinderstube.
Alle waren wir begierig, sein Urteil einzuholen. Er stand vor dem Bettchen, den Kranzbart mit der schwieligen Hand nach vorwärts streichelnd, und betrachtete den Kleinen mit einer Wichtigkeit, als wäre es irgend ein schwieriges Stück Schmiedearbeit, über dessen Ausführung er sich noch den Kopf zerbräche.
»Gelle,« sagte sie, »was mer’n rausgefuttert! Noch eine sechs Wöchelche’, dann kenne’ mer ihm Wei’ gebe’. Ißt er denn gut?« (Das galt wohl wieder ihrem zu Haus?)
Der Mann nickte. Auch das kam etwas matt heraus. Was ist ihm nur? »Ich wär’ längst komme’,« fuhr sie fort, »um zu gucke’, aber es dhät mer ze leid, nochmals fort ze mache’. Noch eine sechs Wöchelche ...«
Es war gut, daß der Kleine gerade das Fäustchen aus dem Munde zog und eine Probe seiner erstarkten Lunge zum besten gab, mit den nackten Armen und Beinen dazu den Takt schlagend — es war gut, daß sie, wie sie sich sofort daran machte, ihn zu beruhigen, den seltsam schweren Seufzer nicht vernahm, mit dem ihr Mann sich abwandte.
Ich nahm ihn in einer Ecke vor: ob denn zu Haus irgend etwas nicht in Ordnung wäre?
Da ward das Eisen ordentlich lebendig. — »Naa—naa—naa!« wehrte er. »Staats, alles staats!« Aber das Lächeln dazu war so eigenartig zäh, und es erkaltete sofort zu der üblichen Starrheit.