Sie stutzte, als wenn sie sich doch zu viel des Wunsches herausgenommen und ihr Herz gar zu sehr bloßgelegt hätte.

»Gewiß, gewiß!« Sofort fielen wir freudig ein. »Topp! Gleich morgen soll diese ausgezeichnete Idee ausgeführt werden!«

»Die Luft da auße’ — die schöne Luft!«

Es war, als wollte sie uns mit dem Leckerbissen dieser Luft, den sie uns nun vorhielt, den Abschied versüßen.

Am andern Tage hielt unser Kleiner seinen Einzug in Frau Rese’s Heim. Wir selber waren nicht zugegen, wir sollten später kommen und uns die Bäckelchen ansehen, die ihm die Luft da draußen anmalen würde. Insgeheim fürchtete sie wohl, daß ihre Häuslichkeit während ihrer Abwesenheit nicht gerade an Blankheit zugenommen. —

An einem wunderschönen Sommertag also fuhren wir hin. Stromauf, stromab glänzte und gleißte der Rheinspiegel im Sonnenschein, das weite Thal mit gewaltiger Helle erfüllend. Von den jungen Blättern der Rebengelände ging ein fröhliches Glitzern aus, und so geheimnisvoll summte und surrte es zwischen den parademäßig zu Kolonnen gereihten Weinstöcken, als spürte man die brütende Arbeit der Sonne. Fern in einer Mulde, am Fuße des bläulich-grün dämmernden Taunus, lag das Dorf. Und von dort gellte das helle »Ping! Ping!« eines Schmiedehammers herüber. Das war »er« — nachher würde er uns kein so wortreiches Willkomm zu bieten haben, da ließ er vorerst seinen Hammer reden und schickte uns das fröhliche Ping-ping seines Grußes weithin über Felder und Weinberge entgegen.

Bald hielten wir vor dem Häuschen, das so schmuck und niedlich gegen das rußige, wütend fauchende Ungeheuer der Schmiede daneben abstach. Die Thür beschattete ein Rebendach, und wer saß unter demselben, in dem von huschenden Sonnenflecken besprenkelten Schatten? — der »lange Lala« in seinem Amt als Kindermädchen! Saß da auf der Stufe, mit den aufgestemmten Beinen zwei Bänke bildend, auf denen unsere beiden saßen. Unter den ungeheuren schwarzen Tatzen seiner Hände verschwanden fast die beiden Kleinigkeiten; zwischen ihren Köpfchen hindurch bot er uns das breiteste Grinsen seines Mundes zum Willkomm. Da erschien auch die Res’ in der Thür, die rotbraunen Arme noch an der Schürze abtrocknend, üppiger und prächtiger denn je. »Ei du mein!« rief sie uns entgegen. Gleich aber erhielt der Lala einen Klaps: »Hättst dir a de Händ butz’n kenne’!«

»Schad’t nichts! Schad’t nichts!« riefen wir aussteigend. Das Wiedersehen, oh das Wiedersehen! — Triumphierend stand die Res’ und weidete sich an unseren staunenden Mienen, wie wir die Bäckelchen, um derentwillen wir doch gekommen, inspizierten. »Gelle? gelle, die Luft!«

Da erschien auch »er«, und das schwärzliche Eisen seines Antlitzes bequemte sich wahrhaftig zu einer Art freundlichen Lächelns. Beim Imbiß darauf sollten wir auch die berühmte »Kiedricher Auslese« kennen lernen. Mein Frauchen hatte Mühe, sich nichts merken zu lassen, wie herb ihr der Wein mundete. Aber ein wahres Entsetzen erfaßte sie, als Frau Res’ sich nun daran machte den beiden »Spitzbuben« das Glas an die Lippen zu setzen — »Um Gottes willen!«

Aber unser Bub’ hielt den Rand des Glases mit den patscheligen Händen hartnäckig fest, als wenn er es nicht mehr lassen wollte. Und wie er an dem Wein sog! mit welchem Behagen seine frischroten Lippen schmeckten und schleckten.