»Rheingauer Medizin!« warf »er« nickend hin.

»Gelle, was er staats trinke’ kann!« lachte Frau Res’, »mei’ Kujon kommt fast net mit! G’sundheit!«

Und mit Augen, strahlend vor Freude trank sie den beiden winzigen Zechern zu. Mein Frauchen aber befiel ein wilder Mut: »Ja wenn er trinkt, da muß ich auch ....« sagte sie lachend, setzte das Glas an den Mund und schlürfte den goldgelben Inhalt hinab.

Versunken

Ein Uhr! Pünktlich zur Stelle! — Wer aber nicht da ist, sind Sie, mein werter Professor! — zwar noch ohne Bestallung, aber der Titel spukt überall umher hier im Atelier, selbst die Kohlköpfe da draußen im Garten scheinen davon zu wissen: wenn er vorüberkommt, grinsen sie ihn so respektlich an mit ihren runzlichen Altweibergesichtern — ich glaub’ gar, sie sind imstande, ihn zu lieben, heimlich, und ein wenig unglücklich wie ich, Rosa Hille, sein Leibmodell ...

Ach nur sein Leibmodell, wie er mich scherzhaft nennt, denn von meinem Gesicht kann er nichts brauchen, nicht die Nasenspitze, nicht ein Ohrläppchen; desto begeisterter thut er über meinen »klassischen« Arm, über Nacken, Halsansatz u. s. w., was nicht die Herren Bildhauer an meiner Gestalt für Kostbarkeiten zu schätzen wissen — mein Gesicht aber läßt ihn gleichgiltig wie ein Kohlkopf ... »Ach was, Hille, du bist ein dummer Kerl!« wie er zu sagen pflegt, wenn ich’s mit der Sentimentalität kriege. »Hille« schlechtweg — er kennt wohl nicht mal meinen Vornamen, ich bin ihm nichts als die »Besitzerin des schönsten Armes von Berlin,« das Weib steht garnicht in Frage, ih, und wie käme ich dazu, ein Herz zu haben wie andere Mädchen ...

Das sind solche Sonntagsnachmittagsgedanken, wenn man einsam in einem Atelier sitzt und vergeblich auf einen Professor wartet! Er hat wohl wieder einmal vergessen, daß er mich bestellt, und es geschah doch so dringend: er müsse den Feiertag zu Hülfe nehmen, um mit seiner Figur fertig zu werden. Wieder sein Raptus? Wieder der Sport? Wieder auf dem Wasser? Wenn ein Segelwind weht, da packt es ihn, und er muß hinaus mit seiner Nußschale! Na nur Geduld Hille — machen wir es uns bequem inzwischen! — wo hat er doch nur seine Cigaretten?

Was Hille bequem machen nannte, hätte für andere Damen mit wirklich benutztem weiblichen Vornamen ein ziemlich tiefes Negligee bedeutet. Das Kattunleibchen schnell abgestreift — eine Schnürbrust legte sie nie an, nachdem Begas, der Entdecker ihres klassischen Armes sie beschworen, ihre herrliche Venusbüste nicht durch einen Panzer zu verderben — nun umrahmte der kokette Spitzenrand ihres schneeigen Hemdes, von einem dunkelroten Bändchen durchzogen, in weiter Rundung Arm und Nacken, die berühmten Arme in ihrer ganzen Glorie freilassend. Etwas kühl, aber das ist sie gewohnt! Ihr Teint zeigte durchaus keinen blendenden Glanz, es war jene feine kaffeeartige, nur von Koloristen geschätzte Nuance, ei was schert auch einen Bildhauer der Teint! Freilich der Kopf und das Gesicht auch wieder mehr für einen Maler tauglich — offen heraus: ein ziemlich häßlicher Charakterkopf mit scharfen Linien, großem Mund, einem unverhältnismäßig vollen Kinn und zu hoher Stirn, die von etwas wüstem, kastanienfarbenem Haar beschattet wird; doch ein paar überaus treu- und warmblickende goldbraune Augen, die das ganze Gesicht mit einem mildschönen Lichte erleuchten.

Und so, bloßarmig in Hemd und Rock, begann sie sich hier zu Hause zu fühlen; es gab bei ihrem Kommen immer etwas zu schaffen für ihren Ordnungssinn, denn das alte halbtaube Weiblein, das dem Künstler als »Kalefaktor« diente, schien einen besonderen Sinn für ein beharrliches malerisches Kunterbunt zu besitzen; an den Staub gar nicht zu rühren, den ja auch sie auf den Büsten und Statuen ringsum respektierte, wegen der herrlichen Schattierung, die er den Gipsflächen verleiht: so lehrt der Professor, und was der sagt, ist richtig, selbst wenn es den Staub betrifft.