Auf dem Bauerntisch, neben dem mit einem silbrig verblaßten und an verschiedenen Stellen zerrissenen Perserteppich bedeckten Divan, standen die Reste eines eilig eingenommenen Frühstücks, etwas Käse und Schinken, sowie eine noch uneröffnete neben einer geleerten Flasche Tivoli. Sie räumte ab, ließ nur ein Brödchen und die volle Flasche auf dem Tisch, ihr eigenes Vesper, oder meinetwegen zum Zeitvertreib, denn wer weiß, ob er so bald heimkommt. Der Segelwind muß günstig sein draußen — hu, wie die dürren gelben Herbstblätter bei den Windstößen von den Bäumen rascheln! Wenn ihm nur nichts geschieht! — er ist waghalsig, sagen sie, und Wasser hat keine Balken ...

Ach wo! Was soll ihm geschehen? Er ist zu hohem ausersehen, er will und muß und wird berühmt werden, weltberühmt, und bald! — Wartet nur, wenn all die Pläne, die unter seiner gewölbten, von feinen Sorgen- und Gedankenfältchen bedeckten Stirn gären, erst zur That geworden ... Ihm, dem Herrlichen, geschieht nichts so Triviales wie ein Wasserunglück, das ist für alltägliche, unreife Burschen, die des Sonntags am Sport naschen; verliebte und verzweifelte Mädchen zieht es ins Wasser, und wenn sie, die Hille, den nassen Sprung riskierte, so würde die Welt nicht mit den Wimpern zucken — auch der Professor nicht? Ach es giebt noch andere klassische Arme genug für ihn ... nur schad’ um die unfertige Figur ... »Hille, du bist ein dummer Kerl!« Du hast ja gar nicht im Sinn, ins Wasser zu gehen, na und basta, er ist doch gefeit vor so gemeinem Unglück — ihn schützt sein Genie. Lassen wir den Herbstwind blasen!

Also die Figur wird auf jeden Fall fertig. Sie wird und muß Aufsehen machen! — Hat er sie auch gehörig angefeuchtet beim Fortgehen?

Sie that einen tiefen Zug aus der angezündeten Cigarette, ließ den blauen Rauch nach Kennerart langsam aus den gerundet offenen Lippen verwehen und legte sie auf den Rand des Tisches. Dann entledigte sie, von dem kleinen Trittbrett aus, die auf dem Drehstuhl ragende Figur ihrer feuchten, grauleinenen Schutzbehänge.

»So!« rief sie, »’tag auch!« und sie nickte der Gestalt zu wie einer lieben alten Bekannten. Es war ein blühend schönes Weib, dem rittlings über der Schulter ein Knäblein saß, das haschte mit begehrlichen Händchen nach dem schönen, blendend hellen Ball, (für elektrische Beleuchtung gedacht) den die Mutter, neckisch lachend, hoch empor mit der Rechten aus der Reichweite seiner rundlichen Ärmchen hielt.

Das Gesicht des Weibes war einstweilen nur skizzenhaft modelliert. »Eine andere wird ihm die Züge leihen — eine schönere — mein Gesicht ist aber auch wirklich nicht brauchbar ...« Zwischen Hille’s starken, etwas düsteren Augenbrauen wetterten drei Fältchen, und ihr Brustkasten hob sich schwellend: ein Seufzer, wahrhaftig ein Schmerzensseufzer, der in der sonntäglichen Stille doppelt verräterisch erklang.

Aber Hals, Nacken und Brust der Figur, die sind von ihr — und die Arme! Der emporgestreckte da mit der Glaskugel ist ihm wie lebend geraten! (»Wenn ich ein Mann wäre, ich thät’ mich d’rein verlieben!«) Dies Handgelenk, dieser Schulteransatz, diese ganze Linie, und das famose Grübchen am Ellbogen ...

Hille nahm die Cigarette auf, paffte eine starkwallende Wolke hervor und betrachtete mit zwinkernden Augen durch den Qualm das Kunstwerk ihres porträtierten Armes. Sie begeisterte sich förmlich daran, und ihre Augen blitzten. Plötzlich hob sie die eigene nackte Rechte empor gegen das fahlhelle Licht, das durch das breite Oberfenster vom milchig bedeckten Himmel hereinbrach: »Na nun such’ mir einer einen solchen Arm in ganz Berlin!« Und sie ließ die Muskeln spielen und weidete sich an dem feinen Wechsel des Schattenhauches, der beim langsamen Hin- und Herdrehen seine harmonischen Flächen und Linien belebte.

Und wie brav und tüchtig er ist, dieser Arm! Respekt vor ihm, er ernährt eine ganze Familie! Mehr, viel mehr, als vier schwielige Arbeiterfäuste zu leisten vermögen. Was wäre aus ihrem armen, kranken, von Not und Sorge verhärmten Mütterlein geworden ohne den Arm? Wer fütterte die vier kleinen Geschwister? Wer ließe den Bruder was Tüchtiges lernen?

Sie schlug mit der flachen Linken auf das Fleisch des Armes, daß es einen klatschenden Schall gab, es klang wie ein Bravo! — weil er seine Sache so gut macht.