Schließlich ist’s ein Besitz, dem die Zeit so bald nichts anhaben wird. Wie lange blüht so ein Frätzchen? Denn Männer sind brutal, Künstler erst recht, über ein paar Falten stolpert ihre Liebe. Ach, sie meint ja gar nicht mal die Liebe, die dumme, verrückte Liebe, mit der will sie ja garnichts zu schaffen haben ...

Aber er kann definitiv langweilig werden, dieser angebrochene Sonntagnachmittag! Müßig hier zu hocken und zu harren! Unsereins will auch einen Happen vom Sonntag genießen, man ist sich’s schuldig, will sagen: seinem Körper, damit der jung und frisch bleibt — ich selbst, ich verlange nichts auf der Welt für mich ...

Hätte mich wohl mitnehmen können nach Wannsee! Hat mir es immer schon versprochen! Aber kann keinen Staat mit mir machen, das ist’s, er schämt sich meiner — ich weiß nicht, ob ein schönes Frätzchen nicht doch was Begehrenswertes? ... ich möcht’ wohl schön sein für den Sonntagnachmittag, zum Ausgehen und Ausfahren mit ihm! — Ach mit ihm Wasser zu gondeln! Jung und schön, und nur einen einzigen vollen Becher vom schäumenden Leben genießen! Werktags will ich gern zufrieden sein, so wie es ist ...

Ja, es wurde immer stiller, immer »trister« hier im Atelier, je weiter der Nachmittag vorrückte. Jetzt wimmelt der Tiergarten bunt von fröhlichen Menschen, und den armen Schwestern wäre wohl ein Gang ins Grüne zu gönnen gewesen. — Wie spät mag es sein? Man sitzt wie in einem Gefängnis, weißgraue Wände, feuchter Gips- und Lehmgeruch, und wie gelangweilt einen die Figuren anstarren! — kein Ton von außen, nur von Zeit zu Zeit die heftigen Windstöße, die das Laub herabjagen, nur hie und da ein fernes dumpfes Rollen, es ist die Stadtbahn — nicht mal das trauliche Getick einer Uhr, das einem Gesellschaft leistet.

Dumme Gedanken! — ich bin nicht gerne allein, da kriegt man solche! — Ob ich durchbrenne? Wenn er aber doch noch käme? — ach was, ich leg’ mich schlafen, es giebt nichts Gescheiteres als schlafen. Wenn man Glück hat, fällt einem im Traum was Süßes vom Himmel — ich bin auch schon mit geträumten Süßigkeiten zufrieden ...

Sie hatte ihren Oberkörper in einen bunten römischen Seidenshawl gehüllt und sich auf dem Divan ausgestreckt, nachdem sie ein Glas schäumenden Tivoli’s gierig durstend herabgeschlürft. Die Hände unter dem Kopf gefaltet, dessen dicke Haarknoten sie, des bequemeren Liegens wegen, gelöst, lag sie nun mit wachträumenden Augen.

Schaut mich nicht so an, ihr Gipsköpfe ringsum! Zu verspotten giebt’s nichts! Unerlaubtes ist es nicht, woran ich denke — ich träume von ihm, eurem Schöpfer und Meister ...

Ach von ihm! — wie mit Klammern haften oft die Gedanken an ihm und können nicht wieder los! Ich quäl’ mich selbst damit, aber ich kann nicht anders! Ich mal’ mir aus, wie es ist, wenn er endlich berühmt geworden, von aller Welt gefeiert, mit Glücksgütern überhäuft, und von allen Ehren umgeben. Das wird und muß eintreffen, alle seine Freunde schwören darauf, und ich weiß es so sicher wie das Vaterunser: bald, gar bald werden sie ihn mit dem Lorbeer krönen, große, weitglänzende Denkmale werden die Glorie seines Namens in aller Welt verbreiten, der Kaiser selbst wird ihn mit seiner besonderen Huld beglücken — und die Weiber, schöne, begehrenswerte, werden ihn anbeten ...

Puh, der Wind meint es gut! Die Baumäste knarren und ächzen, rings ist ein gewaltiges Rauschen von dürren Blättern. Und er draußen auf dem Wasser mit seiner Nußschale! ... Der Tod ist demokratisch gesinnt, der verschont keinen Rang und Namen — wenn er seine Laune hat, so übt er sich im Knicken von Hoffnungsblüten und läßt die alten, welken Halme stehn ...

Ueber der schwarzgrauen, unheimlich weiten Wasserfläche wütet der Sturm, tückische, weißbekämmte Wogengipfel aufwühlend; einzelne Schifflein sind noch draußen, von dem Unwetter verschlagen, verzweifelt arbeiten sie sich landwärts, ihre Segel sehen aus, als flatterten große weißgefiederte Vögel ängstlich in der Irre. Holla, sein Boot, seine Nußschale! — die Freunde nennen es scherzend einen »Seelenverkäufer,« wie es im grausigen Uebermut lustig auf und nieder tanzt! — wie die kleine Flagge am Top nach rechts und links den Wogenschaum begrüßt! Ihm ist wohl da draußen unter den ängstlich flatternden ... Wo ist es doch jetzt? Dort hinten ... nein es hat ja gelbliches Segelwerk — und die Flagge nicht mehr sichtbar! — Himmel, das Segel liegt platt und schwer auf dem Wasser — — jetzt ist es verschwunden — etwas dunkles, langes, schwarzes wogt, unheimlich wie ein Sarg, über der vom fahlen Abendschein beleuchteten Fläche — unweit von dem Sarg ein — zwei — drei kleine schwarze Punkte — die bewegen sich — es ist wie ein Krabbeln — Menschen in Not! — — Hilfe! Hilfe, rettet ihn! O er kann ja schwimmen! ... jetzt recken sich von dem einen der schwarzen Punkte zwei Arme himmelwärts — plötzlich ist der Punkt mit den Armen verschwunden — hinab in die Tiefe ...