Die Hille schreckte jäh empor, und ihre Rechte tastete über die Stirn, die perlte voll kalter Schweißtropfen. Dann schlug sie eine laute nervöse Lache an: wie kann man nur so Tolles träumen! Fort mit den Fledermäusen! Unsinn — an ihn wagt das Schicksal nicht jäh zu rühren! Er ist eine Ausnahme! — schon ein Verbrechen, nur solches zu träumen!

Ihre krampfhaft wachen Augen irrten in dem Raume umher. Es herrschte ein unheimlich fahles Dämmerlicht, die gipsenen Gesichter und Masken hatten einen so gespenstischen verzerrten Ausdruck; das schöne blühende Weib mit dem Knaben reckte sich stumpf und leblos wie eine plumpe, schwere Masse empor; ein scharfer, modriger Erdgeruch hauchte von dem feuchten Ton aus.

Hille schloß die Augen, ihr Herz pochte hörbar in der Stille. Jetzt zwang sie ihre Lippen zu einem Lächeln, und gewaltsam zerrte sie sich heitere Bilder herbei.

Sie sah den dürftig engen Atelierraum zu einer hohen Halle geweitet, in der gewaltige Denkmäler und kühne Gruppen der Vollendung harren. Hier gebietet er, der Meister in elegantem samtenen Atelierkostüm, über eine Schar eifriger und talentvoller Schüler und Genossen. Nebenan, in einem besondern Raum, wird nach einem lebenden Pferd modelliert, das zwei Stallknechte in glänzender Livree halten; es ist des Kaisers Leibroß, ein prachtvoller Trakehner, dessen temperamentvolles Gescharr und Gestampf sich mit dem harten Klang des Meißels mischt, denn im benachbarten Schuppen ist ein ganzer Stamm italienischer Marmorarbeiter mit dem Ausführen der fertigen Modelle beschäftigt. Auch ist ein Allerheiligstes da, ein kokett und luxuriös ausgestatteter Raum, in dem das »Leibmodell« seinen Thron hat, denn mit dem Künstler wächst auch die Kostbarkeit seines Modells. Hat das ihn nicht berühmt machen helfen? Hille’s Arm, der wird unberechenbar an Wert steigen ...

Draußen aber, mit der Sicht auf das Schattendunkel des Tiergartens, prangt des Meisters Villa, von einem ersten Architektenpaar erbaut, ein Schmuckkasten, fürstlich ausgestattet, voll entzückend stimmungsvoller Gelasse und Winkel. Hier hallt beim Klang der Gläser, an den Abenden, nach der Tagesarbeit, fröhliches Lachen und Geplauder, denn der Meister hatte immer schon einen Hang zu gemütvoller Gastlichkeit. Dazu liebt er Musik, erste Künstler sind seine Freunde, so gilt die Villa als das Stelldichein edler, harmonischer Gesellschaft.

Spät in der Nacht aber, nachdem die Gäste verflogen, sehen die Nixen und Elfen des Waldparks die Gestalt des Meisters auf den von Blumen üppig umrankten Balkon heraustreten, dicht an seine Seite geschmiegt ein schönes, liebliches Weib. Er hat seinen Arm mit inniger Zärtlichkeit um ihren Leib geschlungen, und ihr Kopf lehnt, des Glückes schwer, auf seiner Schulter. So halten sie dort, von dem Blumengerank umrahmt, vom matten Dämmerschein des goldenen Halbmondes umflimmert.

Hille, Hille, du bist wahrhaftig ein guter Kerl, daß du solche Träume uneigennützig zu hätscheln wagst! Nur ein kurzes Aufatmen, das dein armes Herz von solch fremdem Glückesalp befreien will .....

Noch ist der Traum nicht zu Ende. Weiter erlauschen die Nixen und Elfen, wie das holde Paar nun in das noch erleuchtete Innere zurücktritt, wie es langsam, langsam den prunkenden Saal durchschreitet, und hinter diesem, in einem rosa erleuchteten Kabinett vor einem spitzenumhauchten Etwas stehen bleibt, das einem Kinderbettchen ähnlich sieht. Wie nun ihre beiden Köpfe sich gemeinsam herabbeugen, sehr behutsam, und wie dann eins nach dem andern, einen leisen Kuß haucht auf die zarte Stirn eines kleinen, von schwarzem Flaum bedeckten Köpfchens ...

Genug, genug! Hille schrak von einem prallenden Schlag empor, der gegen das Fenster geschah: wohl ein Zweig, den der Wind dagegen geschleudert. Schlaftrunken öffnete sie die Augen — wo ist sie doch? Ist es die Morgendämmerung? Ach so, sein Atelier! — es ist Abend, sie muß sehr lange geschlafen haben.

Fröstelnd und gähnend richtete sie sich empor. Dann zog sie sich eilig an. Eine seltsame Unruhe schien sie zu zerren. Es war unheimlich hier in der Stille. Wie bleiche Gespenster schimmerten die Gipsgestalten in dem grauen Halbdunkel — Arme schienen sich zu bewegen, Gesichter grinsten — schwer wie ein Pfühl lastete die feuchte Luft auf ihrem Atem. Und was war das für ein Spuk, daß sie das schaurige Traumbild nicht loswerden konnte aus den Augen: immer und immer sah sie auf der fahlbeschienenen Wasserweite den großen schwarzen Sarg daherwogen, und die drei hilflos krabbelnden Punkte ...