Magnus war nach einem kleinen Hotel in der Nachbarschaft übergesiedelt; den Seinen gegenüber hatte er diese Veränderung mit einem ansteckenden Krankheitsfall in der Familie Gornemann begründet, so kam er auch jeder Überrumpelung in der Wohnung zuvor.

Die Kranke schwebte zwischen Tod und Leben; die Miene des Sanitätsrates bemühte sich krampfhaft, eine Hoffnung zu heucheln. Frau Köster und Schwest Jeremima teilten sich Tag und Nacht in die Pflege, während Herr Köster ruhelos ab und zu ging, von der Sorge um sein Kind gehetzt. Magnus verrichtete seinen Dienst im väterlichen Geschäft wie ein Träumender. Alle Gedanken bei ihr! — und es war eine solche Qual für ihn, wenn er in ihrer Nähe weilte, seine überquellende Sorge sänftigen, den Ausdruck seines Schmerzes unterdrücken zu müssen, damit die Eltern nicht Verdacht schöpften.

Doch nur zwei Tage gelang die Täuschung gegenüber Herrn Kösters argwöhnischem Spürsinn. Diesem war die angstvoll vibrierende Teilnahme eines Wildfremden, angeblich nur durch einen Zufall Angenäherten, gleich verdächtig vorgekommen, so sehr sich Magnus gerade in seiner Gegenwart Gewalt anthat.

Kapp und Müller hatten auf seine Erkundigung nichts von einem in ihrem Auftrag erfolgten Ausgang um sieben Uhr gewußt, Fräulein Emma hatte im Gegenteil ein Familienfest für ihr Urlaubsgesuch vorgeschützt. Dazu trat der schändliche Verrat der kleinen, leblosen Dinge, die unseren Alltag tyrannisieren, ja zuweilen unser Schicksal meistern. Magnus hatte sorgfältig alle Spuren, die zur Entdeckung des Geheimnisses führen konnten, entfernt. Der Doktor suchte bei einem seiner Besuche nach einem Zettelchen, um den lateinischen Namen einer Tinktur darauf zu schreiben; er griff aufs Geratewohl in den Papierkorb und zog ein beschriebenes Blättchen hervor, auf dessen leere Seite er den Namen hinwarf. Herr Köster, der die Besorgung in der Apotheke übernahm, erstarrte, als er unterwegs das Blättchen näher prüfte: es war das Stück eines Briefcouverts, und die Adresse, an Herrn Magnus Joël gerichtet, zeigte die Handschrift seiner Tochter! Keine Täuschung: — ein gewisser flotter, für ihre Hand charakteristischer Schnörkel ließ keinen Irrtum aufkommen.

Dann, bei seiner Rückkehr, gab die Kranke selbst den Anlaß zur Gewißheit. Er war leise an das Lager herangeschlichen. Magnus saß dort neben der Mutter. Emmys fieberglänzende Augen weiteten sich, sie schienen nach jemand ins Leere hinein zu suchen. Endlich trafen sie Magnus’ Antlitz. Nun tastete ihre Hand mit Mühe, bei der übergroßen Schwäche, über die Bettdecke nach ihm hin. Sie suchte seine Hand, und er reichte sie ihr, alle Vorsicht vergessend. Mit einem seltsamen Ausdruck des Glückes schloß sie die Augen, die Hand immer noch haltend.

Herr Köster wußte genug. Emmy und Herr Joël hatten sich längst gekannt — der Krankheitsanfall und das zufällige Eingreifen dieses übergefälligen Herrn war erfunden — seine Tochter, seine einzige verführt und verdorben! — und dort steht der Verführer!

Ein ungeheurer Grimm überfiel ihn. Er hätte sich am liebsten auf den Verbrecher gestürzt. Mit zitternder Stimme ersuchte er, Herrn Joël draußen auf der Straße sprechen zu dürfen. Dort ging er geradenwegs auf die Sache los.

»Sie haben uns irre geführt, Herr Joël, als Sie uns meldeten, wie der Unglücksfall sich ereignet —«

»Herr Köster!«