»Du sollst nit schlecht denken von mir. Hat alles seine Richtigkeit. Ich bin nit desertiert von uns aus. Urlaub, Urlaub freiweg von Anfang des Fastelabends bis zum End’. Es ist meinen Leut’, meinem Vatter und meiner Mutter, gewiß nit recht — was wollen sie aber machen, sie müssen! Muß ich nit auch, wie sie wollen? — ich hab’ mich lang’ genug gewehrt. Wenn du wüßtest! Aber du sollst nit! Ich will uns die Laun’ nit verderben, heut’ nit und morgen nit. Übermorgen, am Aschermittwoch ist alles aus!«

»Mit uns?«

Ich muß erblaßt sein vor Überraschung. »Sag’ das nicht — ich laß nicht von dir ....« stammelte ich, die Augen lodernd vor Leidenschaft.

»Aus — Alles aus!« hauchte sie hin.

Sie entfaltete die Hände und führte sie gegen das Antlitz. Ein Seufzer hob ihre junge Brust. Dann die Hände wieder senkend: »Ach, laß uns die Freud’ nit verderben!« rief sie aus, innig lächelnd. »Siehst du, damit wir klar sind, so ist es: gut, hab’ ich meinen Leut’ gesagt, ich will euch euren Willen thun! Ich will artig sein und ich will ...«

Sie stutzte, kämpfte noch mit sich. Dann aufschnellend und das Köpfchen resolut schüttelnd: »Ach was, nix davon! Allo (= allons), denk’, mein Vatter und meine Mutter hätten recht, ich aber auch, compris? Laß dir genug sein; ich hab’ also meinen Kontrakt mit unsern Leut’ gemacht: laßt mich laufen, laßt mich fliegen, wohin ich fliegen will, diesen Karneval noch, dann will ich ... was wollen sie machen? — und da bin ich! Die Cousine die sollt’ Schildwacht stehn. Wir schaffen die Schildwacht aber ab, gelt? Ich will ganz frei sein! Ich will mich amüsieren — ich muß — muß — muß! Und nun komm, sitz nit da wie ein steinerner Mann. Komm, laß uns tanzen!«

Gleich darauf flog und wirbelte und raste ich mit ihr durch den Saal, ein Geheiß, mich das eben gehörte Geständnis vergessen zu machen im süßen klammernden Besitz des Augenblicks. Was für ein Rätsel? Anderwärts wird man es nicht leicht verstehen: ihre Eltern wollen sie überreden, sie zwingen zu einer Unseligkeit, gut, so stellt sie ihnen die Bedingung dieser absoluten Karnevalsfreiheit! Und nachdem: — aus, alles aus ...

Nein, nicht aus! Ich will sie halten! Ich werde sie nicht lassen! Als wäre es meine eigene kostbare Jugend, die mir jemand rauben will ...

Der Morgen nebelte grau in den feucht überdunsteten Gassen, als wir den Heimweg antraten. Sie duldete nur eine Begleitung bis an die Grenze ihres Stadtreviers; am Rheinhafen, nicht weit von der kleinen, in dichten Häusermassen versteckten Kirche »Sankt Maria im Elend,« ihrer Pfarrkirche, bog sie in eine der breiteren Gassen ein. »Bleib, das sag ich Dir! Sonst komm’ ich nit wieder! Adjes!«

»Schlaf wohl, Du Einzige!«