»Psch!« — den Finger auf den Lippen, nickte sie mir noch einmal zu, und ich stand und sah ihre liebliche Gestalt im Nebelgrau der Morgendämmerung verschwinden. Ich hörte den in Köln noch vielfach gebräuchlichen Thürklopfer hallen. Dann trat auch ich meinen Weg nach Hause an. Es war hohe Zeit; als ich in Deutz ankam, regte es sich schon in der Kaserne zum Dienst. Und schnell den Puder aus den Haaren gebürstet, und eilig in die Uniform geschlüpft, da rief auch schon das Signal zum »Eins-zwei! Eins-zwei!« des Rekrutendrills. —
Wir hielten Kontrakt und Programm inne mit echt kölnisch karnevalistischer Zähigkeit: Rosenmontagszug und Viktoria-Diner und Geistensterz-Ball und Bettger, Gürzenich, Moser, alles, keine Nummer ausgelassen, keine Müdigkeit, kein Überdruß! Ah, es galt die Zeit mit klammernden Armen festzubannen, die Zeit, und das Glück und die Hoffnung — ja auch die! Im Rausch der frohlaunigen Stunden flog mich zuweilen der Gedanke an die Schmetterlingsflüchtigkeit unserer Liebe an. Sie aber bannte den Schatten jedesmal durch ihr Lächeln, durch den glanzvollen Zauber ihres Blickes: — »Es ist ja noch lange hin! Geh, wir haben keine Zeit, Raupen zu fangen! Anavang!«
Gewiß hatten wir keine Zeit zu Grillen: der Kölner Karneval fordert seine Getreuen mit allen Kräften zur Sache. Auf jene rätselhafte dunkle Wolke, die über unserm Glücke schwebte, wurde nur von fern hingedeutet: sie wollte sich keine drei Minuten der kostbaren Gegenwart dadurch verderben lassen. Aber auch nicht an unsere Liebe gerührt: Und sie war so ängstlich: als könnte ein unbedachtes oder zu kühnes Wort den zarten Zauber verwehen.
»Drückchen — ach Drückchen —«
»Was ist? Was hast Du? Komm, laß uns tanzen!« Oder sie hielt mir das Glas hin, um mit mir anzustoßen, und ihre Zähne lachten schelmisch über den Rand der Gläser. —
Doch das Programm wurde immer kleiner — wie ein neidischer Wirbelwind, der daherfuhr und die flüchtigen Stunden hinwegfegte. Jetzt das letzte Rendez-vous; jetzt der letzte Gläserklang; jetzt der letzte Galopp, dahinrasend wie in der Verzweiflung des Abschiedswehes durch die bereits gelichtete Bahn des großen Gürzenichsaales; jetzt häng’ ich ihr das Mäntelchen um in der Garderobe — noch einmal wendet sie ihr Köpfchen nach dem vom bläulichen Staubdunst erfüllten Festraum, den die Gasflammen mit übermüdet gelbem Licht nur noch melancholisch erhellen. »Adjes ...« haucht es tonlos von ihren Lippen, während sie nach dem Tummelplatz ihres kurzen Glückes hinüberwinkt. Ich meinte ein flimmerndes Zittern in ihren Augen zu spüren. Und langsam, Arm in Arm, stiegen wir die breiten Steinstufen hinab, ohne ein Wort, das Herz von Weh geschwellt.
Der Morgen wehte kühl; während wir die Gassen dahinschritten, strichen uns scharfe Schneekrystalle schräg ins Gesicht. Noch war der Karneval wach; aus erleuchteten Lokalen drang weinheiserer Lärm, fern und nah; die Gassen und Plätze von dem letzten übermütigen Gejohl des Kehraus erfüllt; vermummte Masken zogen daher, noch gab es scherzhafte Anreden, noch klingelten Schellenkappen, noch sahen wir Gäste einkehren zum allerletzten Trunk, nach dem letzten. Aber über der ausklingenden Faschingslust summte und dröhnte schon mahnender Glockenklang: die Kirche rief zur Buße nach der heidnischen Tollheit, und zwischen den Masken huschten Kirchgänger daher, die es danach verlangte, sich vor dem Altar das graue Bußkreuz des Aschermittwochs auf die Stirne zeichnen zu lassen.
Unsere Schritte wurden immer zögernder, je näher wir dem Hafen kamen, wo, wie üblich, die Trennung stattfand. Wie ich so im Dahinschreiten die Wärme ihres innig angeschmiegten jungen Körpers an dem meinen fühlte, wie unsere Augen im stummen leidenschaftlichen Geständnis in einander tauchten, stachelte mich ein Trotz: Liebe ist souverän! Sie hat zu gebieten! Was schert uns eine Elternmarotte ....
»Weißt du was« — sagte ich, und meine Stimme bebte vor Erregung. »Am Freitag wollen wir uns wiedersehn! Oder am Sonntag, wenn Du willst. Morgen wird ausgeschlafen — aber am Freitag ... Ich laß’ dich nicht, Drückchen!«
Sie wiegte langsam das Köpfchen und schaute mit flehendem Ausdruck zu mir empor.