Dasselbe naive Lächeln verließ ihr Antlitz nicht während der ganzen Vorstellung wenn sie ihm die Büchsen und Pistolen laden half, ihm die Glasbälle im Bogen hinwarf oder den Stab mit den aufgesteckten Karten als Scheibe emporhielt, auch zuletzt nicht, da sie ihren eignen Kopf minutenlang zu dem berühmten Tellsschuß darbieten mußte.

Ein grelles elektrisches Licht traf die Bühne, und auf der ausgespannten, von den Schüssen durchlöcherten Leinwand, die als Kugelfang diente, hoben sich um so schärfer die beiden prächtigen Gestalten ab, glitzernd in ihren goldgestickten und mit Flittern besetzten spanischen Anzügen.

Knall auf Knall und Bravo! auf Bravo! Jetzt ein As, jetzt die Sterne einer Coeur-Fünf, sogar die liniendünne Schnittfläche einer Karte, gleich spielend leicht und maschinenmäßig sicher mit der Büchse wie mit der Pistole; jetzt, unter dem rauschenden Applaus des Hauses richtet er aus gewöhnlichen Taschenrevolvern ein Schnellfeuer auf umherwirbelnde Glaskugeln. Und das scharfe Geknatter reizt noch die Begeisterung; jetzt schleudert er sich selbst die Kugeln, um sie auch dann noch und sogar mit der Büchse zu zerschmettern. Ein Teufelskerl! Und welche Freude sie selbst an seinen Wunderstückchen empfindet! — kaum vermag sie die kleinen rundlichen Hände, die von Brillantringen funkeln, an sich zu halten, damit sie nicht in den Beifall des Publikums mit einstimmt. Gewiß ist ihr Miska ein Prachtkerl! Aber ihr sollt gleich die Capitainin sehen, daß ich ihm an Kaltblütigkeit nicht nachstehe! Holla, ich bin seiner würdig ....

Von einem Diener wird ein Pfahl hereingebracht und in die Mitte vor die Leinwand gestellt. Der Pfahl endigt in einer mit grünem Tuche bezogenen Scheibe zum Anlehnen des Kopfes. Jetzt, nach einem Mittelding von Verbeugung und backfischartigem Knix gegen das Publikum hin, sieht man Madame O’Brell auf den Pfahl hineilen und sich daran zurechtstellen. Der Kapitän schreitet ebenfalls darauf los und entnimmt einer Schachtel kleine, goldig schimmernde Sterne, die er einzeln an der grünen Scheibe befestigt, kaum daß ein schmaler. Streif zwischen dem Sternenkranz und dem seidigen Gelock ihres Haares verbleibt. Es gleicht einem Glorienschein, und der Reflex der Sterne schillert goldig über ihr Antlitz — ein köstlicher Effekt. Sie sieht bezaubernd aus mit diesem seltsamen Schmuck, und sie weiß es! Ihr blühendes Gesichtchen lächelt lieblich, und als Dank für das Gemurmel der Bewunderung, das sich über die Menge verbreitet, hebt sie langsam die Hand gegen die Lippen und sendet einen jener artistenmäßigen Handküsse hinab — den Kopf selbst darf sie ja nicht regen, denn schon steht ihr Miska in Positur, die Pistole in der Hand, ein Tischchen neben sich, auf dem noch mehr solcher Pistolen ruhen.

Was? Er wird doch nicht ...

Gewiß das! — seine Bravourleistung: er wird Stück für Stück und der Reihe nach von links nach rechts die Sterne rings um das Haupt seines Weibes herabschießen!

Unmöglich! Das ist ja — das ist ja verbrecherisch! Ein leises Zucken der Hand, welche die Pistole hält — und statt einer Kugel ist der lächelnde Kopf getroffen! Da sollte doch die Polizei sich ins Mittel legen!

Sie hatte diesen Teil der Produktion ja auch beanstanden wollen, aber Madame hatte die Hochlöbliche selber ausgelacht; eher fällt der Mond vom Himmel, als daß ihr Miska mit seinen Geschossen um eine Haaresbreite vom Ziele abweicht!

Atembeklemmende Spannung vom Parterre bis in die höchsten Ränge hinauf; jede Regung scheint zu stocken in dem weiten Raum, und die Blicke der mehreren Tausend sind wie hingebannt nach dem lächelnden Kopf mit seiner Gloriole. Einzelne Frauen halten sich die Augen, sie wollen und können das Grausige nicht mit ansehen: was für ein Ungeheuer ist er denn ...

Der erste Schuß knallt, und um den Lockenkopf stieben die Stücke des getroffenen Sternes — das Lächeln aber bleibt unverändert, auch wurde durch die Gläser festgestellt, daß kein Wimperchen in dem Antlitz sich geregt. Welch ein Weib!