Und ein ungeheures Hallo löst die angstvolle Spannung. Von dem brausenden und donnernden Applaus begleitet, giebt jetzt der Kapitän Schuß um Schuß, wie berauscht von dem Beifall — um seines Weibes Kopf wirbeln die Sternfetzen, blitzend in dem elektrischen Licht wie ein Sprühfeuer.
Schneller und schneller, mit einer unheimlichen, fieberhaften Hast folgen die Schüsse — der Saal ist außer sich vor Erregung — es fehlen nur noch drei, vier Sterne, dann ist das lächelnde Opfer erlöst aus seiner grausig gefahrvollen Stellung!
Plötzlich gellt ein heller, scharfer Schrei durch das Haus — das ist keiner der Angstschreie, wie sie vorhin aus der Mitte des Publikums von Weiberlippen kamen ...
Durch den wallenden Pulverdampf sieht man auf der Bühne etwas zu Boden schlagen und sich zuckend darauf winden — — der Pfahl ist leer! — es ist die Frau, — Miska O’Brells Frau!
Wenige Sekunden der allseitigen Lähmung — den Tausenden im Saale stockt das Herz vor Entsetzen — dann folgen auf den Todesschrei dort auf der Bühne andere Schreie hier im Hause — Frauen sinken in Ohnmacht — Rufe, Flüche — alles fährt auf, ein ungeheurer Tumult. —
Mitten in diesem Aufruhr hält der Kunstschütze regungslos, die Pistole in der gesenkten Rechten, die Augen starr auf den zuckenden und winselnden Körper seines Weibes gerichtet. »Wie war das möglich?« fragen seine stieren Blicke.
Später wurde erzählt, man habe, ehe der Kapitän auf das Opfer seiner unseligen Kunst hinstürzte, eine kurze Bewegung an ihm bemerkt, ein schnelles, kurzes Heben der Pistole, als wollte er die gegen die eigne Stirn setzen ....
Vier Tage darauf ward die »Künstlerin« unter einem Andrang, wie er nur berühmten Persönlichkeiten zu teil wird, zu Grabe getragen. Es war keine Rettung möglich, das Geschoß hatte sie mitten in die Stirn getroffen. Der Gatte fehlte als Leidtragender; das Gesetz mußte, wenn auch mit Achselzucken, seine Schuldigkeit thun und die Haft über ihn verhängen.
Es war ein Sensationsfall, der so bald nicht von dem Tagesklatsch abgesetzt wurde. Selbstverständlich trägt die Schuld an dem furchtbaren Unglück die Polizei! — sie durfte solches nicht gestatten! eine Versuchung Gottes! Aber das Bedauern, das man dem Schützen zuwandte, war nur ein halbes: was ist er denn für ein Unmensch, der um des häßlichen Mammons willen das Haupt seines Weibes Abend für Abend solcher Gefahr aussetzt!
Die Ahndung, mit der das Gesetz den Unseligen treffen würde, konnte nur ein geringes Strafmaß sein. Es konnte nur fahrlässige Tötung in Betracht kommen — vielleicht würde auf völlige Freisprechung erkannt werden, denn da die Öffentlichkeit das Spielen mit solcher handgreiflichen Gefahr zuließ, so durfte ihn keine Schuld treffen, wenn der Lauf der Pistole in seiner Hand eine Haarbreite aus der Richtung glitt.