Das Publikum selbst, das sensationsgierige Ungeheuer, ist schuld an dieser Unseligkeit!

Und in solchem Sinne hatte der Verteidiger, ein junger talentvoller Streber, eine leichte und dankbare Aufgabe, die ihm billige Gelegenheit zu einem rhetorischen Effektstück gab.

Selbstverständlich wurde die Frage, ob Miska O’Brell schuldig befunden werde, seine Frau Rosita O’Brell vorsätzlich getötet zu haben, nur der Form wegen mit einem »Nein« des Obmanns beantwortet. Welch ein Unding, solches anzunehmen!

Aber auch die Fahrlässigkeit wurde verneint. Die Geschworenen mußten dieselbe Folgerung gezogen haben wie die Masse des Publikums; Gründe hatten sie ja nicht anzugeben.

So erfolgte also vom Richtertische aus das Urteil der Freisprechung; fast hätten die Zuschauer applaudiert, aber man war doch in betreff des Schaustückes, das man hier erwartet hatte, etwas enttäuscht. Miska O’Brell machte nicht die geringste Scene, sein bronzenes Gesicht empfing das Urteil mit der metallischsten Ruhe, und kein Glied regte sich an der mächtigen Gestalt.

Er ist dennoch ein fühlloser Mensch .... Artistenpack!

Nur einige Gläser wollten bemerkt haben, wie jetzt, als er festen Schrittes durch die geöffnete Schranke trat, eine tiefe wulstige Falte mitten auf seiner Stirn erzitterte. Und so, den halbverhüllten Blick seiner dunklen Augen wie verachtend über die Köpfe der aufgeregten Zuschauermasse gerichtet, schritt er hinaus in die Freiheit. —

Miska O’Brell pflegte an den Orten, wo er längere Zeit auftrat, seine Einnahmen dadurch zu vermehren, daß er an sportlustige Herren Unterweisung im Kunstschießen erteilte und dabei die Benutzung seiner vorzüglichen Schießwaffen gestattete. Ich durfte mich vierzehn Tage ebenfalls zu seinen Schülern rechnen, wobei ich gestehen will, daß mich nicht am wenigsten die Unterhaltung mit dem vielgereisten Manne fesselte, der durch alle Arten Abenteuer gestreift war. Zuweilen wurde er durch seine Frau sekundiert, wenn der Gehilfe nicht ausreichte. Doch schien der Kapitän scharf darüber zu wachen, daß der Verkehr Rositas mit einigen leicht in Flammen zu setzenden oder sich für unwiderstehlich haltenden Dandies unsers Kreises nicht zu lebhaft wurde. Daß ihn der Eifersuchtsteufel plagte, darüber waren wir einig, auch mochte er alle Ursache dazu haben, denn die reizende Blondine, deren Lächeln auch außerhalb der Bühne nichts von seinem Zauber einbüßte, war nicht ganz frei von gewissen versteckten Kokettierungslisten. Ihre wunderbaren Augen hatten es uns allen mehr oder weniger angethan. Freilich ward unsere Bewunderung fort und fort in ihre Schranken zurückgedrängt durch seine überwachenden Blicke, und daß er schärfer als andere sah, das bezeugte seine unübertroffene Meisterschaft als Schütze. Daß er aber auch sehr wohl im stande wäre, eine der Waffen vom Tisch zu nehmen und sie auf einen von uns zu richten, wenn seine Eifersucht zu stark gereizt würde, darüber waren wir einig.

Die O’Brells waren Deutsche trotz des internationalen Mischmasches ihrer Namen, die wohl des besseren Effekts wegen angenommen waren. Er machte in seinen Erzählungen, die über alle Meere hinübersprangen, kein Hehl daraus, daß er früher Offizier gewesen und in der bayrischen Armee gedient hatte, dann infolge eines gewaltsamen Ereignisses, das er im Dunkeln ließ, nach Amerika geflüchtet war. Jedenfalls trug er den Titel Kapitän mit Recht, denn er hatte im amerikanischen Sezessionskriege mitgefochten und sich seinem Naturell nach wohl durch Tapferkeit hervorgethan. Ebensowenig machte seine Frau ein Hehl daraus, daß sie aus sogenannt »besserer Familie« stammte und ihre Verbindung mit O’Brell durch ein romantisches Abenteuer erzwungen worden war.

Die beiden Künstler — denn auch sie leistete außerordentliches im Präzisionsschießen — hatten sehr bedeutende Einnahmen, das Honorar, das ihnen für den Abend vom »Eldorado« bezahlt wurde, blieb hinter der Gage eines übermütigen Gesangssternes nicht zurück. So mochten sie auf ihrer Tournee durch alle civilisierten Länder der Welt Reichtümer angesammelt haben; auch sprachen sie davon, sich in nicht zu ferner Zeit an irgend einem schönen Luxusorte eine Villa zu kaufen und Gewehr und Pistole an den Nagel zu hängen. —