Er schlug die eine Hand gegen die Augen und hielt sie so eine kleine Weile. Bedeutete dies »Mein Gott!« nicht: »Aber ich liebte sie selbst so leidenschaftlich!«
»So schob ich es auf —« fuhr er dumpf fort, »obgleich mir nachdem deutliche und schriftliche Beweise zur Hand kamen, daß eine Untreue vorlag. Ich schob es auf — das heißt, ich hatte ihr verziehen und wollte vergessen! Ein anderes Mal aber — das schwor ich mir, würde ich nicht so weich sein! Uns band ja außerdem der Beruf aneinander, ich will es gestehen. Damals hatten wir gerade mit unserm famosen Tellsschuß debütiert, wir machten kolossale Furore, und der Pièce verdanken wir unser Vermögen. Niemand macht ihr solches nach! Sie hatte, weiß Gott, Courage!«
»Ja, sie bewies diese Courage schon, daß sie überhaupt bei mir blieb. Denn sie wußte, daß ich ihr nur äußerlich verziehen. Der geheime Groll fraß weiter in mir, und sie sah das deutlich. Den ganzen Tag lang gab ich mir Mühe, nicht daran zu denken. Am Abend aber während der Vorstellung, wenn die Schüsse knallten, war alles wieder wach. Der Geruch des Pulvers machte mich toll. Jedesmal, wenn ich ihr die Sterne vom Kopfe wegfegte, rief eine Stimme in mir: Jetzt! — Thu’ es! — Töte sie! Es war wie ein Wahnsinn, der mich packte — eine ungeheure Qual! Vielleicht erinnerte mich ihr Lächeln daran, das doch zu der Pièce gehörte. Genug, eine Manie, eine Krankheit, gegen die ich nicht mehr ankam ....«
»Ich wollte mich davor retten und den Tellsschuß aufgeben — aber alle Welt verlangte danach — das Publikum schien ihr Blut haben zu wollen! Ich wollte überhaupt das Schießzeug an den Nagel hängen — ich klagte meiner Frau, daß meine Hand unsicher würde und daß ich zuweilen ein Flimmern vor den Augen verspürte. Sie lachte mich aus. ›Noch eine Tournee!‹ schlug sie vor — und dann noch eine und abermals! — Das infame Geld reizte sie, sie hatte einen Heißhunger auf Brillanten, auch wollte sie den Applaus nicht entbehren — Weiber sind Weiber!«
»So trieb ich’s also zwei Jahre lang — Abend für Abend die entsetzliche Versuchung! — Immer wieder, wenn ich die Pistole nach ihrem Haupte richtete, war die Stimme da, die mir zuraunte: Thu’ es! Töte sie! Es braucht ja nur der Finger auf dem Stecher ein wenig zu früh zu zucken — niemand kommt auf den Gedanken, daß ein Mord vorläge! Sehen Sie, so feige bin ich gewesen!«
»Und so tapfer war sie! Sie mußte jedesmal in meinem Gesichte lesen, daß etwas mit mir vorging. Die eigenartige Erregung, die mich nach der Vorstellung ergriff, mußte sie warnen. Wohl zwanzigmal habe ich sie gebeten, daß wir diesmal den Tellsschuß auslassen wollten. ›Das dürfen wir nicht! Das Renommee verlangt es!‹ sagte sie. ›Du und daneben schießen, Miska! Eher fällt der Mond vom Himmel! Schieß nur zu, ich halte still‹ —. Sie stellt sich also hin an den Pfahl, lächelt und lächelt ... Teufel, dies Lächeln, das gerade war’s!«
Wieder maß er das Zimmer mit dem Gedröhn seiner Schritte; ein hörbarer Seufzer schwellte seinen breiten Brustkasten.
»Warum es gerade heute geschah? Mir ist alles nur wirr in der Erinnerung.« Er strich sich dabei mit der Hand über das Gesicht. »Das Lächeln war daran schuld,« — murmelte er wie für sich — »ein Lächeln, wie sie dazumal in Pest lächelte. Und seitwärts hinter mir die Loge! Dieselbe Loge wie in Pest — jemand saß darin im Dunkel ... Er! — so meint’ ich, so sah ich, ehe ich an den Tisch mit den Pistolen trat. Derselbe, der sich nicht mit mir schießen wollte und dem ich das Leben geschenkt, weil sie mich auf den Knieen darum gefleht! — Möglich, daß er’s nicht war — ich weiß nicht — die Tollheit packte mich — die ganze Bühne schwamm in einem roten Nebel — ich schoß und schoß und schoß — das Knallen, der Geruch des Pulvers — ihr Lächeln, o ihr Lächeln! — Diesmal hörte ich deutlich die Stimme — sie kommandierte laut: Thu’ es! Töte sie! — und ich zielte auf ihre Stirn und drückte ab ...«
Beide Hände preßte er gegen die Augen, und ein Schauder erschütterte seinen Körper.
»Sie waren krank, sie hatten die Sicherheit verloren —«, wagte ich einzuwerfen.