Herr Hildebrand Joël, der seit fünfzehn Jahren verwitwet war, bewohnte einen Teil des Parterregeschosses der großartigen Villa, während sein Ältester, Gisbert, mit seiner Familie die übrigen Räume inne hatte. Für Magnus hätte sich wohl noch ein Plätzchen in dem weiten Hause gefunden, doch hatte sich das Bedürfnis herausgestellt, daß einer von der Firma wenigstens seine Wohnung in Berlin und in der Nähe des Geschäftes hatte. So hatte Magnus in erster Ermangelung eines besseren Logis, und da er durchaus anspruchslos war, sich bei Frau Gornemann eingemietet, selbst die Bedienung verschmähend, die ihm sein Vater aufdrängen wollte, damit auch diese Filiale des Namens Joël mit genügendem äußeren Glanz vertreten würde.

Gisbert Joël war mit einer Tochter des großen westfälischen Eisen-Sturz vermählt; sein Schwager war der Baron Kehren, ein wegen seines wütenden Strebertums in weiten Kreisen der Armee berüchtigter Offizier. Gisbert war das Gegenstück des jüngeren Bruders. Schon die fast ans Geckenhafte streifende Sorgfalt für Kleidung und Äußeres verriet den Lebemann. Er hatte seine Jugend tüchtig ausgetobt, und der Arnheim von Herrn Hildebrand wußte davon zu erzählen; aber das Stirnrunzeln des alten Herrn war wohl nicht ernst zu nehmen: — leben und leben lassen! — ein Joël, der der schönsten Figurantin von Friedrich-Wilhelmstadt Equipagen und Pferde hält und den Mut hat, bei Friedländer Zehntausende für ein Schmuckstück aufschreiben zu lassen, um damit die Gunst einer bekannten Soubrette zu erobern — das bringt den Namen nur in Umsatz, das kann den Glanz des Hauses nur erhöhen! Warum begeht der Jüngere keine solche Heldenthaten? Man muß ihn wahrhaftig zwingen, standesgemäß Geld zu vergeuden! Hätten die beiden Cyniker, Vater und Sohn, erfahren, daß ein Joël allabendlich in einen Rumpelkasten von Omnibus kroch, um in den Blicken eines unscheinbaren Ladenmädchens seine Seligkeit zu finden — sie hätten ihn für ein Tollhaus reif erklärt.

Da Magnus so schmählich aus der Art geschlagen, da er nichts für den Ruhm des Hauses zu thun gewillt war, blieb schließlich nichts übrig, als ihn wenigstens glänzend zu verheiraten. Magnus war mit seinen vierundzwanzig Jahren alt genug; er würde einen Musterehemann abgeben — meinte Frau Gisbert, eine lebhafte und imposante Brünette, nach ihrer Art ironisch mit den Lippen zuckend.

Es war auch schon eine Braut für ihn bestimmt. Bei Gisberts war eine Cousine der geborenen Eisen-Sturz zu Besuch, eine Gußstahl-Prinzessin aus Bochum. Eine blühende Blondine von bezaubernd liebenswürdigem Wesen — und sie schien sich wahrhaftig für den »guten Kerl« von einem Magnus zu erwärmen, all den glänzenden Huldigungen zum Trotz, denen ihre Schönheit und ihr Reichtum ausgesetzt waren. Der engere Familienrat hatte diese Heirat beschlossen. Gisbert erklärte zwar die Dame viel zu schade für den »Duckmäuser«; er war selbst mit einer schönen und reichen Frau verheiratet, gönnte das gleiche Glück aber keinem anderen. Die beiden Schwestern, Frau Gisbert und Baronin Kehren, pflichteten lachend, ihre berühmt prächtigen Zähne weisend, diesem Urteil bei. Auch sie hätten für die gußstählerne Cousine wohl eine bessere Partie erwünscht, aber mit dieser Heirat waren allerlei verlockende Pläne verknüpft. Der Alte beabsichtigte nämlich nach Magnus’ Verheiratung, diesen das Obergeschoß beziehen zu lassen und für Gisbert eine Mustervilla zu erwerben, die er auf die erdenklich prachtvollste Weise ausstatten wollte. Die beiden Schwestern schwärmten schon von dem neuen Besitz, und eifrig arbeiteten sie an dem Heiratsprojekt.

Magnus sah sein Schicksal. Über kurz und lang mußte er ja doch von der Geliebten getrennt werden! Über diese Trennung hinaus war alles andere, was geschähe, gleichgültig! Aber er glaubte das Schicksal noch eine Weile aufhalten zu können! —

Welch eine entsetzliche Qual, heute hier mitten im Festestrubel zu weilen, als Sohn des Hauses den Höflichen und Zuvorkommenden zu spielen, eine lächelnde Miene aufzusetzen und den Damen banale Nichtigkeiten zu spenden — während Emmy im Sterben liegt und eine Welt unter ihm zusammenzustürzen droht!

Die Festtafel war in dem großen neudekorierten Hauptsaal hergerichtet. Während die Austern gereicht wurden, bewunderte man den jüngst erst fertig gestellten Meyerheimschen Fries und die farbenglühende italienische Decke von Meurer. Doch den Haupteffekt gab der herrliche, sonnenfrohe Frühlingstag, der durch die hohen Bogenfenster der Gartenterrasse hereinglänzte. Die hohen Bäume waren noch von dem bronzefarbenen Hauch der ersten Knospung überhaucht, während das Strauchwerk schon in seinem vollentfalteten grünen Schmucke prangte. Auf dem blendenden Smaragd der Wiese stolzierten kostbare weiße Pfauen, und die saisongemäßen Beete voll seltener Tulpenarten machten, von hier oben gesehen, die Wirkung von bunten Geschmeidestücken aus der Renaissance. Das feine Säuseln eines unsichtbaren Springbrunnens lag wie ein dämpfender Schleier über dem vielartigen Geräusch der Speisenden; ein paar Amselstimmen bemühten sich, von draußen her zur Tafelmusik beizusteuern.

Der Glanz der Gäste konnte fast mit der Pracht der Gedecke, dem Prunk der schweren Aufsätze und der auch jetzt am hellen Tage brennenden Kandelaber wetteifern. Einige strotzende Generalsepauletten, einige verdienstvolle Ordenssterne von staatlichen Würdenträgern, ein paar Breitseiten von Diner-Orden auf der Brust von Flügeladjutanten, einige Kommerzienräte, einige vielgezackte Kronen aus der Diplomatie, ein paar der augenblicklich modernsten Namen aus Kunst und Litteratur.

Natürlich hatte der Festordner Gisbert seinem Bruder Magnus die gußstählerne Prinzessin als Nachbarin zudiktiert. Und es geschah von seiten der Verschworenen das möglichste, um die Gäste wie das Paar selbst auf dessen Zusammengehörigkeit aufmerksam zu machen. Die zukünftige Braut wurde mit Aufmerksamkeit überhäuft, die beiden Schwestern ließen sie und Magnus nicht aus den Augen, mit Lächeln und Nicken und allerlei kleinen bedeutsamen Zeichen suchten sie die Gelegenheit zu schmieden.

Magnus verrichtete ein Wunder an Selbstbeherrschung. Krampfhaft zwang er sich, er, der sonst still war und nicht den Ruf eines interessanten Gesellschafters besaß, zu einer lebhaften Unterhaltung. Wollte er doch dem lieben und hübschen Wesen an seiner Seite, dem die helle Lebenslust aus den blauen Augen lachte, diese frohe Festesstunde nicht verderben! — galt es doch mit dem Klang seiner eigenen Worte und seines Lachens den wühlenden Schmerz hier in der Brust betäuben! Vielleicht mochte auch der Wein, den er in vollen Römern herabstürzte, seine Schuldigkeit thun ....