»Was hast Du nur, Bruder?« rief Gisbert stutzend.
»Nichts — nichts! — es wird vorübergehen!«
Und mit einer konvulsivischen Anstrengung, die ihn sogar körperlich zu schmerzen schien, zwang er seine verstörte Miene zu einem Lächeln. Gellend stieß sein Glas gegen das des Bruders — »Prosit!« rief er schrill.
Er wollte hinausstürzen in seinem Schmerz, um dem Dienstmann das verhängnisvolle Billet zu entreißen, aber er fühlte sich wie gelähmt — als wenn etwas hier innen zerbrochen wäre — mechanisch setzte er sich mit den anderen wieder zu Tisch.
Gleich darauf reichte ihm Gisbert über die Schulter den Brief hin: »Ei, ei, Brüderchen« — flüsterte der Lebemann — »eine Damenhand und eilig!«
Auch das schien dieser eingefleischte Egoist dem andern nicht zu gönnen.
Magnus entriß dem Bruder den Brief, und seine bebende Hand barg ihn uneröffnet in der Brusttasche — hatte er noch nicht den Mut dazu, das Unselige hinzunehmen? Fürchtete er, sich nicht beherrschen zu können und eine Scene hervorzurufen? Hinweg mit den schwarzen Schatten aus der Festessonne ...
Abermals krampfte er all seine Willenskraft zusammen — später staunte er darüber, wie er es fertig gebracht, das Lächeln auf sein Antlitz zu bannen und seine Rolle als höfliche Gesellschaftspuppe weiterzuspielen, während ihm der Brief mit der Todesnachricht auf der Brust brannte.
Endlich hob Frau Gisbert, die die Honneurs des Hauses machte, die Tafel auf. Er riß den Brief auf — es war nicht die Todesnachricht — nur begehrte die Sterbende ihn noch einmal zu sehen ...
Heimlich machte er sich auf — hielt auf der Straße eine vorüberfahrende Droschke an und ließ sie nach Berlin hineinjagen, was sie zu jagen vermochte.