Wohl eine Stunde hatte er in dem Dämmer der verhangenen Stube an dem Krankenlager gesessen. Emmy hatte vorhin sein Kommen mit offenen, zum Bewußtsein erwachten Augen begrüßt, jetzt hielt das Fieber wieder ihre Sinne umschleiert. Ihre heiße, pochende Hand hatte in der seinen geruht, ihre bebenden Lippen hatten sich bemüht, ihm ein paar Worte zuzuflüstern, doch auch hierzu reichte die Kraft nicht mehr aus. Anstatt der Worte schwoll in ihrem Auge eine Thräne und rollte langsam über die von fliegender Glut gerötete Wange.

Sie weiß — es ist die Scheidestunde! — Sie hätte so gerne, ach so gerne gelebt und geatmet in dem Sonnenschein seiner Liebe! Wenn auch nur auf Monate, Wochen und Tage — solange das Schicksal ihr den Sonnenschein gönnte. Aber nicht dem unsäglichen Weh dieser Scheidestunde entquillt solche Thräne. Sie hatte in diesen Tagen öfter nach dem Vater gefragt und bald verstand sie die ausweichenden Antworten der Mutter, daß er vorhin, als sie schlief, dagewesen, daß er dann und dann wiederkommen wollte; sie sah die Thränenspur auf den verhärmten Wangen ihres Mütterleins — immer schwerer, immer schwüler fühlte sie den Alp der väterlichen Ächtung auf sich lasten. Ihre gestammelten Fieberworte gaben Zeugnis von dem Druck, unter dem ihre Seele keuchte.

O, Magnus wußte jene Thräne sehr wohl zu deuten!

Während er dort brütend und vor sich niederstierend saß, begann ein Trotz in ihm zu wachsen, grimmig und herausfordernd; er fühlte eine zuckende Gier, aufzuspringen und die Lüge und Heuchelei zu zertrümmern, unter der er ihre herrliche Liebe in seinem Kleinmut wie ein ungeheures Verbrechen versteckt. Was für erbärmliche, feige Wichte sind wir doch, wir von der sogenannten Gesellschaft, die wir das festgewurzelte Glück unserer Herzen auf ein Gebot des sogenannten Herkommens herausreißen! Ein gewaltiger Zorn gegen sich selbst ergriff ihn — wohlan, da nun doch alles zusammenstürzt, so will er wenigstens Rache nehmen an dem Phantom dieses Herkommens ...

Er stand auf und hatte mit Frau Köster eine Unterredung nebenan im Salon, die diese brave Frau zuerst erschrecken machte, dann in einen Thränenstrom ausbrechen ließ — er wehrte noch gerade, daß sie nicht seine Hand, die sie umklammert hielt, an ihre Lippen drückte. Dann traf er Anordnungen mit Schwester Jemima, und deren starre, schicksalsstumme Augen schienen sich wie zu einem Erstaunen zu weiten, ein Affekt, den sie sonst nicht kannte. Frau Gornemann aber, die ebenfalls um ihren Beistand angegangen wurde, hatte Mühe, nicht mit einem Lachen hell herauszuplatzen, trotz der Situation — und sie rauschte davon, das Seidenhündchen zwischen ihren Rockfalten festhaltend, ganz außer Fassung gesetzt über das Gehörte: zu welch entsetzlichen Verrücktheiten die Liebe, die platonische zumal, einen jungen Mann hinreißen kann! Totschießen und ins Wasser springen ist gar nichts dagegen!

Magnus machte sich eilig auf, denn es war keine Minute zu verlieren, ehe der Tod sein Vorhaben zerschnitt. Er suchte einen früheren Schulkameraden auf, der jetzt die Stelle eines Hilfspredigers an der Neuen Kirche bekleidete.

»Gottlob, daß ich Dich treffe, Bruno!« rief er, in die stille Studierstube des theologischen Strebers tretend.

»Was ist Dir, Magnus? Du bist so erregt —«

»Durchaus nicht! — ich komme, — um einen wichtigen Dienst von Dir zu fordern!«