Als Sanitätsrat Herz am Nachmittag desselben Tages erschien, fand er die Kranke in einem tiefen Schlaf, der schon seit dem Morgen angedauert. Doch nicht die Betäubung des immer matter glimmenden Lebens — ruhig und regelmäßig schwollen die Atemzüge, und der Puls begann stetiger, ja mit scheinbar erwachender Kraft zu schlagen.

Der alte Arzt konnte ein freudiges Stutzen nicht unterdrücken. Doch es wäre ein Verbrechen gewesen, die anderen, die jeden Zug seines Gesichtes belauerten, mit einer vorzeitigen Hoffnung aufzurichten. Und er stellte sofort die dem schweren Fall entsprechende Miene wieder ein.

Spät am Abend kam er abermals. Die Atemzüge fluteten noch tiefer und kräftiger. Und er atmete selbst auf vor Freude, als er den Puls prüfte. »Wenn es diese Nacht mit dem Schlaf so anhält, so könnten wir gewonnen haben! — Seltsam — wider alle Erwartung!« — murmelte er vor sich hin. »Aber wir müssen trotzdem gefaßt sein!«

Und da saßen sie nun in der Nacht und horchten auf das Fluten des Atems. Da saß ein Mütterlein und horchte begierig, als wäre jeder der Töne eine Kostbarkeit; wie entrüstet fuhr sie ein paarmal aus dem Anfang des Schlummers, der ihre ermüdeten Sinne umdämmern wollte — wie entrüstet huschte sie ans Fenster, als müßte sie ein lauter werdendes Geräusch, das verhängnisvoll zu werden drohte, hinwegscheuchen. Da saß ein junger Gatte und ließ den Sturm seiner Gedanken immer wieder einwiegen durch den Klang des einen Wortes —: Rettung! Hier am Rande der Todesnot ziemt es nicht an anderes zu denken! — Selbst Frau Gornemann kam einmal in der Nacht hereingeraschelt, um Nachricht einzuholen. Das Außergewöhnliche dieses Menschenschicksals schien ihr allmählich doch einigen Respekt einzuflößen. Und die Neugier begann sie zu stacheln: Was dann? Sie sind verheiratet und sind es auch nicht! Der Idealist hat sich, ohne eigentlich dazu gezwungen worden zu sein, in diese »Heirat« gestürzt (man muß es einstweilen so nennen!) Jetzt aber wird das Erwachen kommen! Er wird die Übereilung gewahr werden und dann?

Am nächsten Morgen nach der Konsultation zog der Sanitätsrat Magnus bei der Hand in die Fensternische: »Es ist ein Wunder geschehen —« sagte er, und zögernd fügte er bei — »ich gratuliere!«

Der alte Herr war sich nicht ganz klar darüber, ob dieses das richtige Wort wäre.

Eine Glut schoß Magnus zu Kopf, und er stieß ein »Ah!« aus, das die große Freude über die unverhoffte Rettung bedeuten konnte. Gleich erblaßte er wieder. »Wie danke ich Ihnen, Herr Sanitätsrat!« rief er, sich fassend, mit fester Stimme, dem Arzte überkräftig die Hand schüttelnd.

War es ein Anfall des erbärmlichen Kleinmuts, der ihn zuerst überrumpelt? Teufel — er hat seinen Schritt doch nicht gethan in der sicheren Aussicht, daß sie sterben würde? Der Akt einer trivialen Großmut? Und nun, da ein gnädiges Geschick sie vom Tode errettet — beschleicht ihn ein Gefühl der Reue?

»Weg damit! Sie ist mein Weib — sie ist meine Welt — und ich werde sie gegen die andere Welt zu behaupten wissen!« —

Emmys Genesung dauerte nach der Krise fort. Zwar war die Kranke noch sehr schwach und jede Aufregung konnte verhängnisvoll werden. Von der Bedeutung der Ceremonie schien sie keine bestimmte Vorstellung zu haben, sie hatte dergleichen wohl nur geträumt. Und es war auch noch nicht die Zeit, sie in die freudige Wirklichkeit einzuweihen. Einmal fiel ihr Blick auf den goldenen Reif an ihrer Hand. Eine kurze Weile starrte sie ihn an, dann überrieselte es sie wie ein Schreck, und sie schloß die Augen, um den Traum, in dem ein solcher Ring eine Rolle spielen konnte, weiter zu träumen. Als sie schlief, streifte man ihr behutsam den Ring vom Finger, damit sein Anblick nicht noch schlimmeren Schaden anrichtete.