Emmy war den ganzen Tag über, wo er in Berlin war, sich selbst und ihren Sorgen überlassen. Die Gedanken umlauerten sie, schlichen ihr nach auf Schritt und Tritt, saßen mit ihr am Nähtisch und leisteten ihr Gesellschaft am Küchenherd, wo sie das frugale Mahl für sein Kommen am Abend rüstete.

Sie hat ihn zum Bettler gemacht! — sie hat den Frieden des Hauses Joël zerstört! — sie hat ihn von dem Herzen seines Vaters getrennt! Was für ein Ungeheuer von Egoismus ist sie denn, daß sie bleibt und ruhig zusieht, wie die Kluft sich erweitert und das Elend wächst? Fort mit ihr, der Unglücksspenderin — der Friedensstörerin! — es wäre so einfach — weiter nichts, als daß sie ihn verließe — spurlos verschwände — dann wäre er frei! — Wohin, das ist einerlei! — sie weiß, sie wird an dieser Trennung zu Grunde gehen! — wenn sie ihn damit rettet — wie gern, ach wie gern!

Immer wieder stemmte sie sich gegen die Unseligkeit solcher Gedanken. — Jetzt nicht! — sie ist schuldig auszuharren, bis sie ihrem Kinde das Leben geschenkt! Dann vielleicht erst recht! O Gott, giebt es denn keinen Ausweg?

Die gute Mama Köster wagte sich immer wieder mit einem Vorschlag heran: man müßte eine Versöhnung mit der Familie Joël versuchen. Die wenigen Nachrichten, die von den Joëls in den stillen Winkel herüberdrangen, konnten schon dazu ermutigen. Der alte Herr litt offenbar unter dem Schlag, den ihm sein Jüngster versetzt. Sein Gesundheitszustand war nicht der allerbeste. Siering, der erste Buchhalter des Hauses, der Magnus zufällig begegnete, meinte, es kostete nur einen Gang, nur ein Wort, — der Alte wäre so weich, (»er ist überhaupt nur ein Polterer!«), eine Versöhnung ließe sich unschwer in Scene setzen. Magnus schüttelte ungläubig den Kopf; und sein Trotz bäumte sich auf.

Aber Frau Köster klammerte sich immer zäher an den Plan. Sie träumte von einem Fußfall — von einer rührenden Verzeihungsscene —

Der Größenwahn des Herrn Köster fuhr in voller Entrüstung dagegen an. — »Was? wir sollen klein nachgeben? Nimmermehr! Ihr werdet sehen, man wird schon kommen, uns zu holen, wenn man uns braucht! — warten wir nur geduldig!«

»Unterdes sind wir verhungert —« sagte die stumme Angstmiene von Frau Köster.

Und Emmys Mutterhoffnung bestärkte sie. Sie scheute sich nicht, vor ihrer Tochter offen ihre Gedanken schillern zu lassen.

»Wenn es ein Knabe sein sollte — wenn wir das Glück hätten, daß es ein Knabe wäre, Emmy —«

Die junge Frau errötete.