»Nun und Du fragst nicht, warum ich so früh komme? — eine gute Nachricht!« rief er in die kleine Küche hinein, wo sie an den Geschirren zu hantieren begann.
»Nun?«
»Die Simbergs haben mir eine Gratifikation zu Weihnachten versprochen. Genug, um manches abzumachen — und es bleibt noch tüchtig für das Christkindchen. Ich freue mich kindisch auf das Fest!«
Und nach einer Pause, da keine Antwort aus der Küche kam: »Nun, freust Du Dich nicht?«
»Herrlich!« rief sie überlaut.
Wenn er geahnt, welch einen Schmerz ihr die Lüge dieses Ausrufes ausgepreßt!
Er erklärte sein frühes Kommen. Es galt eine Arbeit, die Abfassung eines Prospektes, die er dort im Comptoir doch nicht vollendet hätte. Es wäre Arbeit bis spät in die Nacht hinein.
Das war schon einigemal vorgekommen. Während sie drinnen in der Schlafstube schon zu Bette lag, hörte sie dann das Kritzeln seiner Feder vom Schreibtisch her, und der Schein der Lampe, den sie nicht missen wollte, streckte sich wie in hütender Wacht bis zu den Füßen ihres Lagers hin. Und so war sie dann eingedämmert.
Bald saßen sie an dem kleinen Tisch beim einfachen Mahle. Wieder krampfte sie alle Kraft zusammen, um sich unter seinen Blicken aufrecht zu halten. Sie war fahlblaß. Das konnte auch ein Symptom ihres Übelbefindens sein. Jeder Blick, jedes Wort, jede Bewegung von ihm war eine zärtliche Sorge für sie. Einmal flammte eine Röte über ihr Antlitz — es ist eine Lüge: — nicht »aus Mitleid!« — nein aus Liebe! aus Liebe!
Sie wollte es ihn Auge in Auge frei herausfragen; er wäre nicht imstande gewesen zu lügen. Aber das würde nichts bessern an der Lage. In den Augen der andern bleibt die häßliche Devise: »Aus Mitleid!« dennoch bestehen. Nach wie vor bedeutet sie für ihn den Makel! — Fort mit dem Makel!