Er geleitete sie selber hinein in die Schlafstube und bettete sie dort. Sie bestand darauf, sich in den Kleidern zu legen, da sie nachher noch zu thun hätte. Es gab einen kleinen Streit deswegen, und er mußte nachgeben.
Wohl eine Stunde lang lag sie dort wie angekettet durch seine Sorge, die immer wieder herbeischlich, um nach ihr zu sehen. Zu ihren Füßen wachte der Schein von der Lampe her, und sie hörte wie sonst das Kritzeln seiner Feder.
Ihre Gedanken stürmten fiebernd. Sie wird nicht frei kommen — jetzt! Er wird sie nicht einmal bis zur Thür lassen! Also auf morgen! O die unsägliche Qual dieser Nacht, wo jeder Pulsschlag einen Abschied von ihm bedeutet ...
Ihre Augen irrten in der Stube umher. Jetzt huschten sie über das Schränkchen hin. Einzelne Schächtelchen und Medizinflaschen standen dort von ihrer Krankheit her. Warum zuckte sie empor? warum fuhr es wie ein siedender Strom durch ihre Glieder? Und die Augen wie hingebohrt dort auf die Stelle, wo die Fläschchen standen ...
Es war eines darunter, das Morphium enthielt; es hatte ihr oft Linderung gebracht — aber ein gefährliches Ding! — wie vorsichtig waren die Tropfen jedesmal abgezählt worden! Magnus hatte es sogar eine Zeit lang vor ihr verborgen, daß sie nicht einmal in seiner Abwesenheit einen Mißgriff thäte. Deutlich unterschied sie es jetzt unter den anderen Gläsern.
Wie ein Wirbelwind fuhr es durch ihre Gedanken — nur ein Hinhuschen nach dem Schränkchen — ein Griff nach dem Fläschchen — nur ein mutiger Schluck daraus — das ist die Flucht! Weiter kann man nicht fliehen, als dahin! Niemand holt sie zurück von dort — und sie ist dann so sicher vor dem selbsteigenen Gelüst einer Wiederkehr!
Wohin? — Auf einmal weiß sie — wohin!
Und während all ihre Fibern bebten, als wäre dieser Entschluß eine körperliche Erschütterung gewesen — raffte sie dennoch so viel Vorsicht zusammen, um ihm die drei Schritte dorthin zu verheimlichen.
Langsam, langsam erhob sie sich, und zollweise, einem nächtlichen Diebe gleich, rückte sie auf den Strümpfen vorwärts nach dem Schränkchen hin.
Jetzt griff sie nach dem Glas — es gab ein leises Klirren, so bebte ihre Hand.