Es war wie ein gewaltsamer Ruck, der an ihm zerrte. Er senkte die Linke in die Hosentasche, suchte, immer mit den Augen zwinkernd, und brachte schließlich einen verschmutzten, angefaserten Zettel hervor, den die runden Glotzaugen über der Urne mit einem verweisenden Blick gleichsam anfuhren. Jetzt verschlang das gierige Maul den Zettel, im Nu verschwand auch der Kugelkopf, jedenfalls war er mit hinabgetaucht, um das staatsgefährliche Geheimnis dieses Zettels zu erforschen.
Zögernd, auf die winkende Weisung eines Bleistiftes, der sich in der Hand eines der Schreiber am Tische erhob, machte Simmel kehrt und trollte sich davon; sein rechtes Bein hinkte leicht nachschlürfend. Die grellblauen Augen thaten noch einen zerstreuten Rundblick über die Stube. An der einen Wand hing eine Landkarte mit der ungeheuerlich schwarzen Deltabildung eines verbrecherisch darüber gestürzten Tintengusses, über dem Katheder ragte die kreidegraue Wandtafel mit den kalligraphisch gemalten, bedeutungsvollen Worten: »eier—eile—eimer—einer—eisen«; darunter die Karikatur eines frechen Buben, der eine lange Nase machte. Auf dem Katheder, neben einem breiten, schlägelustigen Lineal, lag eine zerrissene und beschmutzte Knabenmütze mit geknicktem Lederschirm, die beim Aufräumen aus dem Kehricht gerettet war.
Der Anblick dieser Mütze erinnerte ihn an seine eigenen beiden Rangen. Er sah sie auf den Bänken dort sitzen und mit oval aufgerissenem Mund »eier—eile—eimer« im Chorus mitplärren. Seine beiden Mädchen saßen auf der anderen Seite des Korridors auf ähnlichen Bänken, Ähnliches plärrend. Eins von den beiden daheim ist im nächsten Jahr auch schulreif. Ein Seufzer entfuhr ihm. Es ist nicht das Schulgeld — denn das bezahlt die Armen-Deputation — aber die Lesebücher, die zerbrechlichen Schiefertafeln, die Hefte, Federn, Griffel — der Ruf nach diesem Bildungsutensil ist wahrhaftig weit dringender als der nach Brot! Jenes verlangt der Schulmeister, dahinter steckt die Polizei, und man schafft es — das Hungern aber kümmert die hochweise Polizei nicht! Dann die Mützen. Auf einmal sollen die Rangen, die außer ihrem eigenen strohfarbenen, nie ganz unverdächtigen Wirrhaar, keine andere Kopfbedeckung gekannt, mit Mützen in der Schule erscheinen. Wie viel Tage Arbeitslohn hat es ihn doch gekostet, um dieser Schulmeisterlaune zu genügen?
Nein, das Schullokal weckte in ihm keine freudigen Gedanken; und die grüne Urne mit den Glotzaugen darüber hatte ihn völlig aus dem Text gebracht. Draußen machte er sich mit einem Fluche Luft: »Teufel — es ist doch ganz egal, ob man freinational oder deutschnational wählt! Plunder ist beides!«
Es klang wie eine Beruhigung seines Gewissens. Wie kam er von den Knabenmützen auf den Ausruf?
Es war das erste Mal, daß er sein Wahlrecht als deutscher Staatsbürger ausgeübt. Ihm war so feierlich beklommen zu Mute, wie damals vor Jahren, als er vor Gericht einen Zeugeneid abzulegen hatte; der Richter hatte ihm die zeitlichen und ewigen Strafen eines Meineides so schrecklich hingemalt, daß er lange nachher sein einfältiges Gewissen mit der Frage quälte, ob er auch Silbe für Silbe richtig beschworen.
Das politische Leben des braven Bergstädtchens war in zwei Lager gespalten. Hie deutschnational — hie freinational! Beide Parteien waren dem einen gemeinsamen Stamm entwachsen, sie waren in ihren Lebensbedingungen auf einander angewiesen wie die siamesischen Zwillinge, ihre Prinzipien unterschieden sich nur um eine für den Verstand des alltäglichen Zeitungslesers kaum merkliche Nuance — dennoch befehdeten sie sich gegenseitig wie die feindlichsten Hunde, diesmal besonders, wo die Regierung ein äußerst wirksames Fähnlein für die Wahlkampagne ausgesteckt. Gekläff und Gebiß der beiden Klatschblättchen, Wahlreden, Intriguen, Verspottung, Verleumdung, Verfehmung bis in den Schoß der Familie hinein, all die häßliche Ausgeburt des modernen parteipolitischen Treibens.
Das Wahlresultat ergab die Wahl des deutschnationalen Kandidaten Rechtsanwalt Schwatzler mit einer Stimme Majorität. Die gegnerische Partei schäumte vor Wut — bisher hatte sie das unbestrittene Monopol des Sieges besessen. Eine Stimme Majorität! Welch ein Hohn des Zufalls! Natürlich ist da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen!
Eine Stimme Majorität! Gottlieb Simmel war zuerst völlig verblüfft vor Schreck und Staunen. Dann schnellte sein von der erbärmlichen Not des Lebens in den Staub gedrücktes Bewußtsein zu einer Riesenhöhe empor. Die eine Stimme Majorität, das bin ich! Gottlieb Simmel hat bisher nur eine Null in der sozialen Weltordnung bedeutet, jetzt ist er plötzlich zum ausschlaggebenden Einer angeschwollen!
Spät am Abend stolperte er die ächzenden Stufen der steilen Hühnersteige zu seiner Dachstube empor, schwer wankend, mit schwülem Atem. Er war kein Säufer, aber diesmal verlangte seine geheime Freude nach einem Auslaß. In der Schnapskneipe hatten die anderen, wie sonst immer, ihren groben, ja handgreiflichen Scherz an ihm ausgelassen. Hallo! es lebe die Stimme des Gottlieb Simmel! Natürlich ist es seine! Schmunzelnd steckte er den Scherz ein. Als wenn sie wüßten!