Bei Gottlieb Simmel aber blieb die Schande hangen und ließ sich nicht mehr abschütteln. Fortan war er geächtet bei Klein und Groß. Er wollte sich in der Kneipe auf eine Bank setzen — die anderen erwiderten nicht einmal sein Nicken; sie rückten auffällig von ihm ab — der Wirt stapfte mit einem verächtlichen Blick das Glas Klaren vor ihm auf den Tisch — nun flogen allerlei Anzüglichkeiten durch den Raum — »Stimmen kauft!« plärrte einer im Ton eines Straßenverkäufers. — »Wie stehn sie denn heute?« wandte sich ein anderer frech grinsend an den Geächteten. — »Es giebt ’er, die kein’ zwei Pfennig wert sein!« — »Pfui!« entrüstet spie einer aus. Simmel stürzte den Klaren hinab und machte sich davon.
Er fand sich bei einem seiner regelmäßigen Arbeitsgeber ein. Die Magd meldete ihn. Aus dem Speisezimmer donnerte jemand: »Er soll sich fortscheren! Hier wird nicht mit Stimmen geschachert!« Die Magd schlug ihm die Thür zu, als wäre er ein räudiger Hund.
Das war ein Freinationaler. Natürlich wollen die nichts von ihm wissen!
Doch an einer anderen Arbeitsstelle ging es ihm nicht besser. Das war einer von der Gegnerpartei — der fürchtete, sich zu kompromittieren. »Simmel, alter Freund, Ihr habt Dummheiten gemacht! Stimmen sind keine Reiserbesen, mit denen man von Haus zu Haus hausieren geht! Ich habe leider keine Verwendung für Euch!«
Ein Zorn wallte ihm zum Kopf, als er abermals vor der zugeschlagenen Thür stand. »Teufel des Teufels! Was bin ich denn für ein Verbrecher? Was hab’ ich denn begangen?« Es ward ihm ganz wirr im Sinn.
Zu Hause wartete seiner die Hölle. Seine Frau war außer sich. Auch sie hatten die Weiber in Acht gethan, wie ihn die Männer. Auch vor ihr wurde verächtlich ausgespieen, arge Schimpfworte prallten gegen ihre Thür; der ganze Hof hing voll Skandal.
»Sag’ mir doch die Wahrheit, Gottlieb!« flehte sie ihn an. »Was ist es doch? Du mußt was Fürchterliches begangen haben?«
Mit gebrochener Stimme berichtete er zum zehnten-, zum zwanzigstenmal den Hergang der lächerlich einfachen Sache.
»Es ist nicht wahr! du lügst!« schrie sie ihn an.
Er nickte stöhnend — er weiß nichts anderes! Sie überhäufte ihn mit Schmähungen, denselben, die ihr die anderen Weiber zugeschleudert.